„Urban Farming“

Kohlrabi Enrico trifft Aubergine Zora

Von Thomas Maier und Nerea Lakuntza (Fotos)
12.06.2021
, 13:30
Erdverbundenes Studium: Chiara Ferrandina, Chris Kircher und Caroline Gruler (von links)vsind konzentriert bei der Arbeit.
Studenten der Goethe-Universität Frankfurt gärtnern unter Anleitung. Das Projekt „Urban Farming“ soll bundesweit Schule machen. In der Pandemie ist der Garten zum Rückzugsort geworden.

Die ersten Radieschen sind in den Hügelbeeten schon geerntet. Der Eichblattsalat sprießt, auch der Spinat entwickelt sich gut. Heute warten Tomaten-, Gurken- und Auberginen-Setzlingen darauf, in den Boden zu kommen. Der noch junge Garten auf dem Campus Westend der Goethe-Universität hat in diesem ungewöhnlich kühlen Frühjahr die Eisheiligen heil überstanden. Die Sommerkulturen dürften jetzt keine Nachtfröste mehr erleben, glaubt Juliane Ranck, Mitbegründerin der GemüseheldInnen.

Die Initiative bewirtschaftet in der „Grünen Lunge“ nördlich des Günthersburgparks mehr als ein Dutzend Gärten gemeinschaftlich. Jetzt wurde die Uni erfolgreich für das „Urban Farming“ angeworben. Den GemüseheldInnen haben dabei engagierte Studenten und der AStA geholfen, die ähnliche Ideen hatten. „Wir haben uns eineinhalb Jahre mit der Bürokratie herumgeschlagen“, sagt der Geographie-Student Emil Unkrig.

Denn das eigentliche Ziel, den Garten auf dem Hauptcampus anzulegen, scheiterte an den Bebauungsplänen. Der neue Uni-Präsident Enrico Schleiff, seit Jahresbeginn im Amt und selbst Biologe, machte dann jedoch ein anderes Areal ausfindig. Das liegt nun zwar etwas abseits, versteckt hinter Pappeln und Hecken an der lärmumtosten Kreuzung Miquelallee/Hansaallee. Dafür ist es aber eine Fläche mit 2000 Quadratmetern. Anfang März ließ die Uni die Wildnis zuerst einmal urbar machen. Den Studenten ist es in nur wenigen Wochen gelungen, mithilfe der vier „Animateurinnen“ von den GemüseheldInnen das Areal in eine ansehnliche „Permakultur-Insel“ umzuwandeln.

Unterstützung durch den AStA

Mehrmals in der Woche helfen nun 40 Studenten regelmäßig beim Gärtnern, das nach den Regeln der sogenannten Permakultur funktioniert. Diese setzt auf humusreiche Hügelbeete, die Komposterde kommt aufgearbeitet und kostenlos aus den Bio-Tonnen des Frankfurter Entsorgungsunternehmens FES. Der AStA will mit der Unterstützung des Projekts zeigen, dass Landwirtschaft angesichts von Klimakrise und Artenschwund auch anders funktionieren kann – und dass der Anbau von unbehandeltem Gemüse und Kräutern mitten in einer Stadt möglich ist. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt Moritz Schmitthenner vom Ökologie-Referat des Studierendenausschusses.

Gartenglück: Zum Gärtnern gehören neben dem Gießen und guter Organisation auch verdiente Pausen mit eigener Ernte.
Gartenglück: Zum Gärtnern gehören neben dem Gießen und guter Organisation auch verdiente Pausen mit eigener Ernte. Bild: Lakuntza, Nerea

Für die Bepflanzung setzt man auf einen ausgeklügelten Mix, was eine große Logistik verlangt. Dafür ist bei den GemüseheldInnen Ilka Wittig zuständig, die im ausgebauten Keller ihres Eigenheims in den vergangenen Monaten in einem ersten Schritt Tausende Setzlinge großgezogen hat. Die „Jungpflanzenmutti“, wie sie in der Initiative genannt wird, liefert dann fürs Einsetzen einen mithilfe von Excel-Tabellen ausgetüftelten Plan. Eine Zeichnung gibt für die Beete die Anweisungen bis ins kleinste Detail, jeder Zentimeter ist berechnet. Mit Spinat als Vorkultur wird dann in der Mitte 14 mal die Aubergine Zora als Hauptkultur eingepflanzt. Außerdem darf sich 48 mal Batavia-Salat breitmachen. Dazwischen werden Ringelblumen eingesät.

Die Hügelbeete werden nicht umgegraben, sondern umfangreich gemulcht. Das macht es für das Unkraut schwerer, zu wuchern. Über das gesamte Jahr hinweg soll auf möglichst kleiner Fläche intensiver Gemüseanbau (Market Gardening) gelingen. Die Kälte der vergangenen Wochen hat der Planungschefin des Gartens allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Vorkulturen sind in manchen Beeten noch nicht so weit wie erhofft. Dennoch muss jetzt der Kohlrabi weichen, um den Tomaten Platz zu machen. „Wir müssen jetzt strategisch denken“, sagt Wittig.

Natürlich Kreisläufe unterstützen

Für die Planung im Campus-Garten sorgt auch ein Koordinationsrat, und es gibt einen Gießplan. Es muss aber nicht jeden Tag gegossen werden. Das hilft den Pflanzen, tiefere Wurzeln zu bilden und Wasser aus den tieferen Schichten zu holen, wie „Animateurin“ Ranck sagt. Eher nicht so viele Gedanken machen sich die Gärtnernden über die Schädlinge. Ein Feuchtbiotop soll Molche anziehen, die wiederum Schneckeneier fressen. Die Schnecken selbst mögen Humusbeete ohnehin nicht, sagt Ranck. Allerdings scheint diese Gewissheit nicht immer zu gelten: Beim Ortstermin waren die Blätter von Kohlrabi Enrico, liebevoll nach dem Uni-Präsidenten benannt, im Beet teilweise ziemlich angefressen.

Frisches Gemüse: Die ersten Radieschen sind schon geerntet.
Frisches Gemüse: Die ersten Radieschen sind schon geerntet. Bild: Lakuntza, Nerea

Neben dem Nutzgemüse sind im Garten auch Heil- und Wildpflanzen ausgesät und gepflanzt worden. Dazu gehören wilder Schnittlauch, die Vogelmiere oder der Giersch. Der gilt vielen Gärtern zwar als lästiges Unkraut, schmeckt aber gekocht ähnlich wie Spinat. Eingesetzt wurden in Vergessenheit geratenes Gemüse wie der Palmkohl, die Flügelerbse oder der Hirschhornwegerich. Pflanzen, von denen die Studentin Chiara Ferrandina bisher nicht viel wusste. Die Neu-Gärtnerin wohnt in der Nähe des Campus und freut sich, dass sie ihre Erfahrungen als „Multiplikatorin“ jetzt auch an andere weitergeben kann.

Rückzugsort in der Pandemie

Für die Studenten ist der Garten in den Pandemie-Wochen auch ein Treffpunkt geworden, um wieder etwas Gemeinsames zu erleben und zu gestalten. Sogar Unkrautjäten kann dann Spaß machen. Inzwischen stoßen auch Familien mit ihren Kindern dazu, die in der Nachbarschaft wohnen, sagt Ranck. Auf dem Campus Riedberg ist auf einer ehemaligen Streuobstwiese ebenfalls ein Permakultur-Garten eingerichtet worden, der 800 Quadratmeter groß ist. Dort machen derzeit etwa 30 Studenten mit.

Der Garten ist auch ein Treffpunkt: Gemeinsam kann sogar Unkrautjäten Spaß machen.
Der Garten ist auch ein Treffpunkt: Gemeinsam kann sogar Unkrautjäten Spaß machen. Bild: Lakuntza, Nerea

Finanzielle Hilfe für das Projekt kommt auch vom Ernährungsrat Frankfurt sowie dem Verein Bionales (Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung). Bei der Landesregierung läuft ein Antrag zur Unterstützung. Mit dem Start des Projekts sind die GemüseheldInnen sehr zufrieden. „Wir sind überwältigt, was in zwei Monaten entstanden ist“, freut sich Ranck. Bis zur Ernte des Sommergemüses steht zwar noch einiges an Arbeit an. Dafür dürfen sich dann alle Helfer bedienen – natürlich kostenlos.

Die Initiative denkt jedoch schon über die Erntesaison hinaus: Der Campus-Garten soll zu einem bundesweiten Pilotprojekt werden. Die gemeinsame Arbeit wird deshalb dokumentiert, um die Ergebnisse am Ende des Jahres an andere Hochschulen weiterreichen zu können. Bisher gibt es nur an wenigen Universitäten solche Initiativen, wie Hobby-Gärtner Emil Unkrig recherchiert hat. Keine Hochschule könne sich mit einem 2000 Quadratmeter großen Garten schmücken.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot