Verkehr in Frankfurt

Der Straßenraum ist begrenzt, der Platzbedarf nicht

Von Mechthild Harting
23.01.2021
, 17:34
Mehr Autohalter, mehr Pendler, mehr Radfahrer: Die Frankfurter Verkehrspolitik steht vor großen Herausforderungen. Die Parteien ringen um die richtigen Konzepte.

„Soll ich die Häuser abreißen?“, fragt Dorothee Allekotte vom Straßenverkehrsamt gern provokant, wenn ihr wieder einmal vorgetragen wird, was sie zwischen den Gebäuden alles unterbringen soll. Die Neuaufteilung des Straßenraums treibt mit Blick auf immer mehr Radfahrer und der Forderung nach urbaner und zugleich grüner Gestaltung die Planer in allen Großstädten um. In Frankfurt ist sie eine besondere Herausforderung: Die Mainmetropole ist nie Residenzstadt gewesen, sie kennt kaum Boulevards. Die breiten vierspurigen Straßen sind überwiegend in der Nachkriegszeit angelegt worden.

Und noch etwas erschwert die Diskussion in Frankfurt: Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Zahl der Pendler in Hessens größter Stadt im bundesweiten Vergleich auf einem sehr hohen Niveau. Vor der Pandemie waren es fast 380.000 Menschen, die täglich in die Stadt zur Arbeit gefahren sind. Gleichzeitig sind von den derzeit 760.000 Einwohnern Frankfurts fast 100.000 Einwohner Auspendler. Auch sie sind normalerweise täglich unterwegs.

Das starke Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre – Frankfurt hat heute 100.000 Einwohner mehr als vor zehn Jahren – hat zu mehr motorisiertem Verkehr geführt, selbst wenn heute fast doppelt so viele Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden wie noch 2003, als der sogenannte Modal-Split zuletzt für Frankfurt ermittelt wurde. Und anders als es die Aussagen von Trendforschern nahelegen, ist in Frankfurt der Anteil der Haushalte ohne Auto sogar gesunken und gleichzeitig der mit zwei Fahrzeugen leicht gestiegen.

Leidenschaftliche Diskussion um Park- und Stellplätze

55 Prozent aller Haushalte in Frankfurt haben ein Auto. Rechnet man die Einpendler hinzu, von denen man nicht weiß, wie viele den öffentlichen Nahverkehr nutzen, verwundert die leidenschaftliche Diskussion um Park- und Stellplätze nicht. Vor allem um solche, die unentgeltlich zu nutzen sind. Beredtes Beispiel ist Bornheim: Dort ist nicht nur das Bewohnerparken auf der jeweils einen Straßenseite eingeführt worden, vielmehr müssen auf der jeweils anderen Seite neuerdings Parktickets gelöst werden. Das hat den Verteilungskampf zwischen Bewohnern, Pendlern, Gewerbetreibenden, Patienten von Arztpraxen und Kunden des Einzelhandels angeheizt, zumal mittlerweile auch für Fahrräder Platz benötigt wird.

Dass der öffentliche Nahverkehr, wenn er denn – wie von allen gefordert – ausgebaut wird, ebenfalls Platz benötigt, ist evident. Neue Straßenbahnlinien innerhalb Frankfurts in Richtung der Nachbarstädte Bad Vilbel und Neu-Isenburg, wie sie der derzeitige Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) seit der Kommunalwahl vor fünf Jahren vorangetrieben hat, benötigen Raum, der bis dahin oft für den Autoverkehr reserviert war. Es ist also vorbei mit der althergebrachten Aufteilung der Straßen in Gehwege, Parkstreifen und Fahrbahnen, die ausschließlich dem motorisierten Verkehr dienen.

Im Römer sagt keine Fraktion mehr, alles könne so bleiben, wie es ist. Doch wer wagt es, den Wählern deutlich zu sagen, dass in Frankfurt infolge des „Radentscheids“ – einer Initiative, die gestützt auf 40.000 Unterschriften mehr Sicherheit für Fahrradfahrer gefordert hatte – der Weg zur Verkehrswende längst eingeschlagen worden ist? Und dass die Wende auch wegen der hohen Stickoxid-Belastung unumgänglich ist, die Fahrverbote für Dieselfahrzeuge und ältere Benziner nach sich ziehen könnte. Konkrete Antworten auf die Frage, mit welchen anderen Mitteln die Verkehrssituation in Frankfurt verbessert werden könnte, bleiben insbesondere diejenigen schuldig, die der bisherigen Verkehrspolitik der Römerkoalition von CDU, SPD und Grünen vorwerfen, „ideologisch vorbelastet“ zu sein, weil sie mit dem Beschluss zur „Fahrradstadt Frankfurt“ auf den Radentscheid reagiert hatte. BFF wie AfD fordern stattdessen ein „professionelles, ganzheitliches Konzept“, eine „verkehrsmittelübergreifende Gesamtstrategie“. Die AfD gesteht zu, dass „der Staat im Bereich Schienen- und Radverkehr Angebote schaffen darf, denen die Autofahrer nicht widerstehen können“, wie es im Wahlprogramm heißt.

„Weitgehende Verdrängung des Autoverkehrs“

Die FDP will das Problem, dass zu viele unterschiedliche Interessen auf zu wenig Raum aufeinanderprallen, durch Separierung lösen: Es soll Straßen geben, die ausschließlich von Radfahrern genutzt werden, andere, insbesondere die Haupteinfallstraßen wie Mainzer und Hanauer Landstraße, müssten dagegen für den Autoverkehr „voll nutzbar bleiben“, meinen die Liberalen. Sie wollen dafür die Ringstraßen in der Stadt und um sie herum ausbauen. So soll der Alleenring verstärkt für den Auto- und damit insbesondere für den Wirtschaftsverkehr genutzt werden. Die Autobahnen rund um die Stadt sollen analog zu München zum „Frankfurter Ring“ werden. Als „echte“ Fahrradstraßen könnte sich die FDP den Kettenhofweg parallel zur Bockenheimer Landstraße vorstellen sowie die Töngesgasse parallel zur Zeil.

Radikalere Forderungen erhebt die SPD, sie will „die Vision einer autofreien Innenstadt verwirklichen“. Sie kündigt an, in den nächsten fünf Jahren den Autoverkehr in der Innenstadt um ein Drittel zu reduzieren. Schon vor einem Jahr, als erbittert um die Fortsetzung der auf ein Jahr befristeten Sperrung des nördlichen Mainufers gestritten wurde, forderte SPD-Chef Mike Josef zusätzlich zum autofreien Mainkai den Rückbau der Berliner Straße. „Es soll sich einbürgern, die Innenstadt mit dem Auto gar nicht erst aufzusuchen oder zu durchqueren.“ Alle sollten stattdessen den „deutlich attraktiver gewordenen öffentlichen Nahverkehr“ nutzen. Die Linke will sogar eine „echte Verkehrswende“ mit einem Nahverkehr zum Nulltarif erreichen. Sie spricht sich für die Schaffung der Stelle eines „Fußverkehrsbeauftragten“ aus und für eine autofreie Innenstadt bis 2025. Gemeint sei die „weitgehende Verdrängung des Autoverkehrs“.

CDU und Grüne, denen von vielen bei der Wahl am 14. März ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Position der stärksten Kraft im Römer vorhergesagt wird, liegen insoweit deutlich auseinander, als die Union einen strategischen Masterplan „auf der Grundlage aller Verkehrsmittel“ fordert. Alle Verkehrsteilnehmer müssten gleichberechtigt berücksichtigt werden. Nach Ansicht der Grünen müssen in einem solchen Mobilitätskonzept Prioritäten gesetzt werden. Mit Blick auf den Klimawandel, den Ressourcen- und Flächenverbrauch „brauchen wir deutlich mehr Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr und deutlich weniger motorisierten Individualverkehr“, heißt es. Zwar gebe es in Frankfurt viele gute Ideen und Einzelbeispiele für eine Verkehrswende, es fehle aber an einem „klaren Bekenntnis und einem strukturierten Vorgehen“.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot