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„Mal seh’n“ Kino Frankfurt

Ein Klaps von Karate-Emma

Von Claudia Schülke
 - 13:07
Abenteuer in einer phantastischen Agentenwelt: Emma Peel (Diana Rigg) und John Steed (Patrick Macnee)

Gut gezielt, John Steed! Mit einem knallenden Sektkorken den Killer ausschalten – so etwas gab es nur bei den „Avengers“. Der Korken der „Rächer“ knallte am 6. Dezember 1966 in der Folge „Vorsicht bei Anruf“. Und mehr als ein halbes Jahrhundert später im Clubraum des Programmkinos „Mal seh’n“. Dort treffen sich jeden dritten Mittwoch im Monat die deutschen Fans der „Avengers“. Es war die vierte Episode der vierten Staffel jener unvergessenen britischen Agentenserie, die unter dem deutschen Titel „Mit Schirm, Charme und Melone“ bis 1969 vom Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. An der Seite des Protagonisten aus dem britischen Geheimdienst stand im schwarzen Leder-Overall eine junge Frau, die mit ihren Karate-Künsten der altbritannischen Kriegerkönigin Boudicca gleichkam: Emma Peel, Vorkämpferin aller emanzipierten Frauen in Nachkriegsbritannien.

Schon im Flur des Nordend-Kinos strahlt sie dem Publikum am Clubabend auf einem Poster entgegen: hinten über dem roten Ledersofa. Im ersten Stock haben sich diesmal 15 Fans auf knapp 25 Quadratmetern versammelt, um zwei „Avengers“-Folgen von je 50 Minuten zu sehen. Wen man da nicht alles trifft: Andreas Eichstädt etwa, den früheren Herrn über die Frankfurter Bürgerhäuser. Er sitzt neben dem kleinen Hausaltar: Hier glimmt auf einer Konsole ein Teelicht vor einem Foto von Patrick Macnee, dem Serienhelden John Steed, der, ohne Revolver, nur mit Schirm, Charme und Melone bewaffnet war. Mütterlicherseits stammte Macnee von den Huntingtons, also von Robin Hood ab, 2015 starb er dreiundneunzigjährig. Zwei weitere Tote flankieren ihn: Brian Clemens, Filmproduzent und Drehbuchautor, der mit Mark Twain verwandt war und entsprechende Zitate in seinen Drehbüchern unterbrachte, sowie Fernsehproduzent Leonard White.

Der Kalte Krieg im Fernsehen

Eng ist es hier, aber gemütlich, sofern man nicht über ein Cola-Glas stolpert. Auf dem Programm steht zunächst eine Folge, die unter dem Titel „The Decapod“ schon 1962 in England zu sehen war, hierzulande aber erst am 10. Dezember 2010: „Der Todesringer“ mit dem Tintenfisch-Emblem gehört nämlich zu den 54 Folgen der ersten drei Staffeln, die erst im Winter 2010/11 vom Fernsehsender Arte synchronisiert wurden – dank der tätigen Clubarbeit des Musikkritikers Michael Köhler. Emma Peel war damals noch nicht dabei. Statt dessen missbraucht John Steed die Jazzsängerin Venus Smith in der Gestalt von Julie Stevens für seine Spionage in einer „balkanischen Botschaft“. Der Kalte Krieg ist omnipräsent, das Gezerre zwischen Ost und West grundiert diese frühe Episode, in der ein ominöser balkanischer „Präsident“ seine Gorillas reihenweise Leute abschlachten lässt.

Auch Steed ist in den frühen brutalen Staffeln noch nicht der nonchalante Gentleman, als den ihn deutsche Zuschauer kennen. Heute würde „Me too“ intervenieren, aber damals war ein Klaps auf den Hintern erlaubt. Später klapste Karate-Emma ihren vornehmen Kumpel. „Meine Lieblingszene“, gesteht Winfried Secker, der den Club 1993 mitgegründet hat, in der Pause. Er weiß auch, dass Honor Blackman als Cathy Gale, Nachfolgerin von Julie Stevens als Venus Smith, die Rolle der Emma Peel entwickelt hat – mit Judo: „Sie machte Schlagzeilen in England, als sie einen Stuntman über die Schulter warf.“ Anfang der sechziger Jahre verkehrten die Drehbuchschreiber noch in Soho, was sich in ihren exzellenten Drehbüchern als Hautgout bemerkbar macht. „Auch Steed war damals noch ein hinterhältiger Charakter“, gibt Secker zu. Der Meisterspion habe sich erst im Laufe der Staffeln zu einem Meister der sophisticated manners entwickelt.

Plötzlich Musik: rasant, scharf, schneidend, aber vertraut. Die alte Fernsehtruhe im Wohnzimmer, und auf der Mattscheibe der Eltern: ein Mann mit Schirm und Melone. Eine Frau – so cool, wie es sie in den bürgerlichen Häusern des deutschen Wirtschaftswunders damals nicht gab. Der Titel „Vorsicht bei Anruf“ erinnert ein bisschen an Hitchcocks „Bei Anruf Mord“. Aber in dieser Episode über mörderische Börsenmanipulation ist alles ganz anders. Undurchschaubar vor allem die Vorprämiengeschäfte. Die Gags hatten sich offenbar vermehrt und verbessert bis zur vierten Staffel. Die British coolness des schottischen Titelhelden ist noch immer dieselbe: lässiges Understatement mit ironischer Würze. Auch diese Episode stand noch im Zeichen des Zweiten Weltkriegs, der den Mörder, einen Geheimwaffen-Tüftler, in seinem Bann hält.

Doch da ist diese Frau, die sich mutig in die Höhle des Tüftlers wagt und über die Flaschenregale eines Weinkellers springt, dass es klirrt: Diana Rigg als zarte, aber unerschrockene Emma Peel. Ihr sind alle verfallen, sofern sie den „Avengers“ nicht schon längst anhingen. „Die Pubs waren leergefegt, wenn die Serie im englischen Fernsehen lief“, sagt Secker. Selbst die Queen soll keine Folge ausgelassen haben. Bis 1969 kämpfte Diana Rigg Seite an Seite mit Macnee. Festlegen lassen wollte sie sich aber nie auf die Rolle. Als sich 2011 die Crew mit den Fans in Chichester traf, um das Jubiläum der damals 50 Jahre alten Serie zu feiern, konnte Macnee mit seinen 89 Jahren nicht mehr kommen, und Diana Rigg wollte nicht. Zum Bedauern Seckers und seines Mitstreiters Gerhard Brendel, der im Club für die Technik mit DVD und Blueray zuständig ist. Er trägt seine Helden dezent am Handgelenk: auf dem Zifferblatt einer Armbanduhr.

Treue Gemeinde

Auch sonst üben sich die Fans in Dezenz: Keiner kommt mehr mit Schirm und Melone zum Treff. Umso mehr freuen sie sich über Nachwuchs, denn der Club wird immer kleiner. Vorbei sind die Zeiten in den neunziger Jahren, da er mit einem Drei-Episoden-Freilichtspektakel den Verkehr auf dem Lohrberg lahmgelegt hatte. „Zum Jubiläum 2001 kamen noch 80 Leute ins Kino, die Frauen in Peel-Klamotten“, erinnert sich Secker. Seit 2010 drängt sich oben im Clubraum die geschrumpfte Gemeinde. Während der letzten Fußball-WM waren sie nur zu dritt. Das hat mit dem zunehmenden Alter ihrer Mitglieder zu tun. Auch Diana Rigg ist im vorigen Jahr 80 geworden. Sie steht immer noch auf den Bühnen des Londoner West Ends. Und bei Brendel zu Hause als lebensgroße Pappfigur. „Neulich“, erinnert er sich, „kam ein Neunjähriger, der sie als Lady Olenna Tyrell in der Fantasy-Serie ,Game of Thrones‘ gesehen hatte. Er wollte wissen, wie sie als junge Frau aussah.“

Als Ehefrau von James Bond war sie übrigens „Im Namen Ihrer Majestät“ 1969 auch auf der Leinwand zu sehen. Mitte der siebziger Jahre wurde die Serie mit Steed, aber ohne Peel, noch einmal neu aufgelegt. „Da ging es dann nur noch um Action und Geknalle, der sophisticated touch war verloren“, bedauert Secker. Die beiden Herren haben weltweit eingekauft: Bücher, Magazine, Puppen, Sammelkarten zur Serie. „Manche Trading Cards werden bei Ebay zu 375 Euro angeboten“, sagt Secker, der den Schrank voll hat mit „Avengers“-Lesestoff. Schließlich hatte er mal einen Buchladen im alten „Rundschau“-Haus. Er hat auch alle Flyer, die er seit 1997 produziert hat, gesammelt. Macht es eigentlich immer noch Spaß, diese Episoden zum hundertsten Mal zu sehen? „Ja“, schallt es wie aus einem Munde, „wir sind doch Fans.“

An diesem Mittwoch um 20 Uhr findet wieder ein Abend im Emma-Peel-Club statt. Gezeigt werden die Folgen „Waffengeschäfte“ (mit Cathy Gale) und „Ausverkauf des Todes“ (mit Emma Peel).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schülke, Claudia
Claudia Schülke
Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.
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