Frankfurter Museumsaufseher

Hüter ihrer Lieblingswerke

Von Sarah Obertreis
10.03.2019
, 13:11
Sechs Frankfurter Museumsaufseher erzählen, welches Ausstellungstück ihnen am meisten bedeutet und warum. Sie berichten auch von Kollegen, die nicht mehr als den Mindestlohn erhalten, von schüchternen und von penetranten Besuchern.

Skulpturensammlung Liebieghaus

„Nicht von dieser Welt“

„Vor einiger Zeit habe ich eine Wohnung gesucht, was in Frankfurt nicht gerade leicht war. Trotzdem war ich nach kurzer Zeit erfolgreich: Jetzt lebe ich in einer wundervollen und bezahlbaren Wohnung und ich glaube, die Madonna hat mir dabei geholfen. Ich bin eigentlich ein Atheist, aber diese Maria ist nicht von dieser Welt. Seit ich vor zweieinhalb Jahren hier angefangen habe, halte ich regelmäßig Zwiegespräche mit ihr. Sie ist perfekt, vollkommen.

Es ist nicht nur ihre äußere Schönheit, die mich fasziniert, diese Maria strahlt eine positive Energie aus. Ein Besucher hat mal die Theorie geäußert, es hätten schon so viele Gläubige zu der Maria gebetet, dass sich die hoffnungsvolle Energie der Betenden auf die Skulptur übertragen habe. Eigentlich glaube ich nicht an solche Dinge, aber in diesem Fall erscheint es mir plausibel.

Es gibt im Menschen ein Bedürfnis nach Transzendenz, das man auch im Blick der Engel-Skulptur sieht, die neben der Maria steht. Wenn Sie das Liebieghaus besuchen, müssen Sie sich vor den Engel stellen und ihm direkt in die Augen schauen. Sehen Sie auch, wie filigran diese Köpfe aus dem Mittelalter gearbeitet sind. Das glaubt man gar nicht, wenn man an diese Epoche denkt, aber hier ist ein unglaubliches Können verborgen.

Das Liebieghaus ist für mich das schönste Museum in Frankfurt. Hier bin ich lieber als im Städel Museum, wo ich auch noch eingesetzt werde. Die Kunst im Liebieghaus gefällt mir einfach besser. Ich mag eigentlich alles - von der Antike bis zum Impressionismus. Aber mit der Kunst danach kann ich schwer etwas anfangen, die Formen lösen sich auf.

Ich beschäftige mich viel mit Philosophie. Wenn einmal nicht so viel los ist, denke ich über Gott und die Welt nach. Aber meistens habe ich gut zu tun. Ich bin recht streng und ermahne die Besucher auch, wenn sie den Kunstwerken unbeabsichtigt zu nahe kommen. Wissen Sie, ich liebe diese Skulpturen und will nicht, dass ihnen etwas passiert.“

Alexander Ulfig, Aufsicht und Sicherheitskraft in der Liebieghaus Skulpturensammlung über die Skulptur „Maria einer Verkündigungsgruppe“ vom Meister von Großlobming, Wien, um 1400.

Museum Judengasse

„Hier zu arbeiten hält jung“

„Als ich vor 70 Jahren geboren wurde, war der Sonntag noch ein besonderer Tag. Meine Eltern hatten nicht viel Geld, aber am Sonntag wurde ein Braten aufgetischt, und meine Mutter hat den Schrank aufgeschlossen und die Kaffeemühle rausgeholt. An den Duft, der durch die Küche strömte, wenn sie die Kaffeebohnen mahlte, erinnere ich mich heute noch. Darauf habe ich mich jede Woche gefreut.

Deswegen ist dieser Gewürzturm auch mein absolutes Lieblingsstück hier im Museum. An Sabbat wurde er mit edlen oder auch mal weniger edlen Gewürzen gefüllt - je nachdem, was man sich als Familie gerade leisten konnte. Und dann wurde der Turm am Tisch herum gereicht und jeder hat daran gerochen, um sich mit dem Duft von Zimt und Nelken für den Rest der Woche zu stärken. Der Turm zeigt außerdem, wie Juden und Christen früher versöhnlich miteinander gelebt haben. Er wurde von einem christlichen Silberschmied für den Schabbat gefertigt. Das ist ein schöner Gedanke.

Insgesamt sind nur noch sieben oder acht dieser Gewürztürme erhalten. Das habe ich in einer Führung gelernt. Ich höre immer gut zu, wenn Führungen hier stattfinden. Wenn ich mit Besuchern rede, versuche ich ihnen immer zu vermitteln, wie unglaublich schmal und eng die Häuser waren, in denen die Menschen in der Judengasse gewohnt haben. Die Gasse selbst war auch nur vier Meter breit.

Ich würde ich nie mehr in einem anderen Museum arbeiten wollen. Hier ist alles so anschaulich präsentiert, und die Besucher sind sehr angenehm. Wir haben ein Gästebuch, das lese ich natürlich. Da wird das Museum nur gelobt, es gibt praktisch keine negativen Einträge. Hier zu arbeiten hält mich jung, und an das viele Stehen habe ich mich lange gewöhnt. Nach der Arbeit mache ich ein bisschen Gymnastik oder lege die Beine hoch.

Bevor ich im Museum Judengasse angefangen habe, habe ich 25 Jahre als Kassiererin und Aufsicht im Archäologischen Museum gearbeitet. Ich war mir als junge Frau, als ich noch in einem Café gearbeitet habe, nicht sicher, ob das was für mich wäre: in einem Museum zu arbeiten. Ich hatte ja keine wissenschaftliche Ausbildung. Damals habe ich mich oft vor die Baustelle des Archäologischen Museums gestellt und überlegt. Ein Glück, dass ich mich schließlich getraut habe.“

Rosemarie Savila, Aufsicht im Museum Judengasse, über einen Gewürzturm aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Archäologisches Museum

„Ich kenne fast alle Texttafeln“

„Ich habe mich schon oft gefragt, was es mit dieser Kette auf sich hat. Sie sieht aus, als wäre sie aus Grandeln, also aus Hirscheckzähnen gefertigt, dabei ist sie eigentlich aus Muscheln gemacht. Für eine Täuschung aus Witz sind die Muscheln zu wertvoll, dann hätte man auch gleich Grandeln benutzen können. Sie ist in jedem Fall sehr schön.

Ich bin gelernte Goldschmiedin, deswegen achte ich auch hier im Museum besonders auf die Ästhetik der Dinge. Wir Aufsichten haben sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Ausstellungsstücke, weil wir total unterschiedliche Hintergründe haben: Eine Kollegin von mir ist Lehrerin, eine andere Zahnarzthelferin. Es gibt einen emeritierten Chemieprofessor und einen Polizisten aus Georgien. Ich arbeite nun schon seit 15 Jahren hier. Früher hatten viele Aufsichten gar keine Berufsausbildung und oft wenig Interesse am Museum. Das hat sich komplett gewandelt. Heute macht es mehr Spaß zusammenzuarbeiten, weil wir uns besser über die Ausstellungsstücke unterhalten können.

Andererseits ist es eine traurige Entwicklung, dass die meisten Aufsichten nicht mehr als den Mindestlohn verdienen, seit die Stadt entschieden hat, Leiharbeitsfirmen zu engagieren. Neben mir gibt es nur noch einen anderen Festangestellten unter den Aufsichten. Besonders in der Antikensammlung könnte ich Tage damit verbringen, mir die Details anzuschauen. Ich stelle mir dann vor, wie die Menschen früher gelebt und wie sie die Dinge benutzt haben. Oft sind auf einem Teller oder einer Schale Tiere versteckt, die man erst nach einer Weile entdeckt. Der Teller mit dem Oktopus und den Brassen aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts vor Christus gefällt mir besonders gut.

Ich kenne so gut wie alle Texttafeln im Museum. Nur die Kataloge habe ich noch nicht durchgeackert. Dafür lese ich - wie die meisten Aufsichten - das Besucherbuch. Da stehen manchmal negative Dinge über uns drin, die sich manche Aufsichten wirklich zu Herzen nehmen. Wir sind so zurückhaltend, wie es nur geht, aber wir sind ja trotzdem Menschen. Die Leute beschweren sich darüber, dass die Absätze der einen Aufsicht zu laut klappern oder dass die andere zu viel auf und ab läuft. Eine Mutter hat uns einmal einen Brief geschrieben, nachdem wir sie mehrmals ermahnen mussten, mit ihren Kindern doch bitte im Foyer, wo sich die Caféteria befindet, zu essen und zu trinken. Die Mutter schrieb, sie habe sich wie in einem Gefängnis gefühlt und wisse ja wohl besser, wie man sich in einem Museum benehme als wir, schließlich sei sie Akademikerin.

Aber die meisten Besucher sind sehr freundlich. In der Kaiserpfalz hat mir letztens ein Mann gebrannte Mandeln angeboten. Das war total nett. Manchmal kommt es auch vor, dass jemand zu mir kommt und so etwas fragt wie: ,Mein Opa hat in Praunheim mal diese antike Schale gefunden, die er zu Ihnen gebracht hat. Wo ist die denn ausgestellt?‘ Da muss ich die Fragenden leider enttäuschen. Oft bleiben solche Stücke im Depot.“

Frau K. ist Aufsicht, möchte ihren vollen Namen nicht preisgeben und schwärmt von einer im Stadtteil Heddernheim gefundene Kette aus der Zeit um 4900 vor Christus.

Senckenberg Museum

„Ja, das sind Originale“

„Die meisten Menschen sehen von den Affen nur das Hinterteil. Aus dieser Perspektive sind sie natürlich unspektakulär. Dabei muss man beim Aufzug nur um die Ecke gehen und schon grüßt das Orang-Utan-Pärchen. Die Dame liegt ganz gemütlich auf dem Ast und ist immer entspannt, egal wie voll es im Museum ist. Die Plastiken von Herman ter Meer waren damals bahnbrechend, für die beiden Orang-Utans wurde der Präparator als bester Tierbildner der Gegenwart ausgezeichnet.

Es scheint, als müsste man nur einen Knopf umlegen und die Affen würden sich wieder bewegen, so wie sie es einst im Frankfurter Zoo getan hatten. Die Frage ,Sind das Originale?‘ kommt am häufigsten von den Besuchern. Und ja, die Orang-Utans sind Originale. Genauso wie das Mammut-Blut im Saal hinter den Dinosauriern. Es wurde vor mehr als hundert Jahren bei einer Expedition im Eis entdeckt. Die meisten Besucher übersehen es, weil die Kapsel so klein und unscheinbar ist, aber ich finde es total faszinierend.

Ich bin durch Zufall vor sechs Jahren zu diesem Job gekommen und fand ihn gleich interessant, obwohl ich eigentlich Geisteswissenschaftlerin bin. Auch wenn es abgedroschen klingt: Das Schönste sind die großen Augen der Kinder, wenn sie ein Dinosaurier-Skelett oder eine Gorilla-Plastik sehen. Es gibt Vier- oder Fünfjährige, die rattern die lateinischen Namen der Dinosaurier ohne Weiteres runter, dabei können sie noch nicht mal lesen.

Die Besucher fragen auch oft nach bestimmten Exponaten, nach einer Libellen- oder Käferart, aber keiner von uns kennt alle Ausstellungsstücke. Das ist unmöglich. Allein schon in der Vogel- und Insektenabteilung gibt es Tausende Stücke. Um lange an einem Ort stehen zu können, auch wenn mal wenig los ist, braucht man eine gewisse Ruhe. Die habe ich zum Glück. Und wenn nicht: Es kommen glücklicherweise immer wieder Sonderausstellungen und neue Exponate hinzu. Die bieten einen Reiz für den Kopf.“

Julia Lechler, Aufsicht im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, über die Dermoplastik eines Orang-Utan-Pärchens von Herman ter Meer, 1929.

Deutsches Filmmuseum

„Mit Winnetou fing alles an“

„Seit meiner frühesten Kindheit, als ich mit meinem Opa ,Winnetou‘ sah, interessiere ich mich für Filme. Ich mag Western, habe mit meiner Oma aber auch ,Mary Poppins‘ gesehen, der mir auch sehr gefiel. Mit 15, 16 mochte ich vor allem die Nouvelle Vague, insbesondere Francois-Truffaut-Filme, und den Film Noir. Um mich auf ,Hautnah‘ vorzubereiten, habe ich an einer Kuratorenführung teilgenommen und das Buch zur Ausstellung gelesen.

Die Besucher sind oft schüchtern, meistens gehe ich auf sie zu. Da muss man Fingerspitzengefühl haben, man kann nicht jeden ansprechen. Bei manchen Besuchern merkt man schon direkt, die wollen lieber nicht, dass man mit ihnen redet oder dass ich ihnen etwas erkläre. Das ist dann auch in Ordnung. Meistens sind Besucher jedoch interessiert und stellen Fragen, zum Beispiel woher denn die Kleider oder die Stoffe in der Ausstellung kommen. Die Besucherresonanz auf die Ausstellung ist durchweg positiv. Oft kommen Besucher beruflich aus dem Schneiderhandwerk oder betreiben Schneidern als Hobby.

Barbara Baums Schaffen umfasst bis heute 74 Filme. Sie arbeitete eng mit Rainer Werner Fassbinder zusammen und kleidete auch berühmte Schauspielerinnen wie Meryl Streep und Catherine Zeta-Jones ein. Mein Lieblingsstück ist dieses schlichte graue Wollkostüm mit Pepita-Muster. Es ist dezent, aber sehr attraktiv mit dem Bleistiftrock und dem schwarzen Strohhut mit Tüllschleier. Hanna Schygulla hat es als Maria Braun in ,Die Ehe der Maria Braun‘ getragen.

Das Ensemble ist sehr gut erhalten, dafür, dass es schon 40 Jahre alt ist. Ich bin gelernter Textilmustergestalter und kenne mich gut mit der Wirkung von Textilien aus. Damals, in den achtziger und neunziger Jahren, waren Textildesigns für Bezugs- oder Vorhangstoffe allerdings ,wilder‘ gestaltet. Bei Kleidern mag ich es lieber schlicht. Mir gefällt auch der Anzug, den Sam Shepard in Volker Schlöndorffs ,Homo Faber‘ trägt. Er ist allerdings nicht in der Ausstellung zu sehen, weil Armani ihn entworfen hat. Für meinen Geschmack ist er mit seinem weiten, eleganten Schnitt attraktiver als die meisten Anzüge, die man heutzutage so trägt.“

Matthias Seyl, Besucherberater im Deutschen Filmmuseum bei der Ausstellung „Hautnah. Die Filmkostüme von Barbara Baum“, über ein graues Wollkostüm aus dem Film „Die Ehe der Maria Braun“.

Museum für Moderne Kunst

„Beim ersten Hinsehen habe ich laut gelacht“

„Ein halbes Jahr lang habe ich nicht im MMK gearbeitet. Während dieser Zeit bin ich trotzdem regelmäßig hierhergekommen, um die Kunst zu sehen, weil ich sie vermisst habe. Dabei konnte ich noch vor drei Jahren, als ich hier angefangen habe, kaum etwas mit den Werken anfangen. Ich habe mich oft gefragt: Was soll das denn sein? Übrigens auch die häufigste Frage der Besucher im MMK. Aber dann habe ich mehr über die moderne Kunst gelernt und versucht, die Ausstellungsstücke zu verstehen. Das ist wichtig, denn jeder Künstler denkt sich etwas dabei, wenn er ein Werk erschafft.

Ich bin eigentlich Psychologin, vielleicht mache ich mir deshalb so viele Gedanken zu den Überlegungen, die hinter der Kunst stecken. Als ich das Bild aus „Vasen-Extasen“ das erste Mal gesehen habe, habe ich laut gelacht. Ich habe es auch meinem Mann gezeigt und er hat gesagt: ‚Was soll das sein? Das ist doch total unrealistisch.’ Aber dann habe ich es länger betrachtet und habe mich selbst in dem Mann in der Vase wiedergefunden. Es ist übrigens der Künstler. Auf seinem Gesicht zeichnen sich gleichzeitig Leiden und Freude ab. Es ist eine Metapher fürs Leben. Manchmal sind die Erfahrungen, die wir machen, schmerzhaft, aber gleichzeitig ist das Leben schön und wir können es genießen.

Als ich meinem Mann von dieser Interpretation erzählt habe, hat er es verstanden. Ich finde mich in vielen Kunstwerken wieder, zum Beispiel in ,Nude‘ von Francis Bacon. Es hängt auch bei uns im Museum, wenn es nicht gerade im Depot ist. Eine Frau liegt nackt auf einem Sofa, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, das Gesicht ist verschwommen. Sie ist da, aber ihr Gesicht ist nicht da. Man sieht sie, aber man weiß nicht, wie es ihr geht. Es gibt Momente in meinem Leben, da ist es genauso. Manchmal kommen Besucher, die sehen mich, wenn ich ihre Tickets entwerte, aber gleichzeitig sehen sie mich nicht. Sie schauen einfach durch mich hindurch.“

Viviana Rodriguez Ruiz, Aufsicht im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK), über ein Foto aus der Bilderserie „Vasen-Extasen“ von Anna und Bernhard Blume, entstanden im Jahr 1987.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin in der Wirtschaft.
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