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Ausstellung im Palmengarten

Zwischen Kult und Küche

Von Claudia Schülke
 - 20:05
Es ist nicht nur Zitrone, was eine Zitrusfrucht ist, und es wächst, wenn das Klima stimmt, auch in Kübeln gut: Schaubild und Schaustücke der Ausstellung im Palmengarten.

Groß ist er nicht, aber unübersehbar. Nur: Warum versteckt dieser Herakles seine rechte Hand so verdächtig hinter dem Rücken? Ein Blick hinter die Bronze-Kopie der berühmten Farnese-Skulptur lüftet das Geheimnis. Der Kulturheros des griechischen Mythos hält drei Äpfelchen in der Hand: die goldenen Äpfel, die der überlistete Titanensohn Atlas für ihn bei den Hesperiden-Schwestern gestohlen hatte.

Es war die elfte der zwölf Arbeiten, die Herakles im Auftrag des mykenischen Königs Eurystheus erledigte, weil das Orakel von Delphi es so wollte. Die „Äpfel der Hesperiden“ machten Kulturgeschichte, aber nicht als Äpfel, sondern als Orangen. Und die kamen nicht aus dem Westen, wo die Hesperiden nahe Gibraltar hausten, sondern aus dem Osten, erst dem Fernen, dann dem Mittleren und dem Nahen.

„Citrus – Zwischen Glanz und Gloria“

Die Bronze-Skulptur des Herakles, eine Stiftung der Palmengarten Gesellschaft, schmückt die Galerie am Palmenhaus des Palmengartens in Frankfurt, wo zurzeit eine Ausstellung unter dem Titel „Citrus – Zwischen Glanz und Gloria“ die Kulturgeschichte und Biologie der Zitrusfrüchte erzählt. Als um das Jahr 310 vor Christus der griechische Philosoph Theophrast, Schüler des Aristoteles, als erster Forscher überhaupt die „Zedratzitrone“ (Citrus medica) beschrieb, nannte er sie auf gut Altgriechisch „Melon medicon“.

„Melon“ heißt nicht nur „Frucht“, sondern auch „Apfel“, und die Meder im Beinamen waren ein persisches Volk im Zagrosgebirge. Auch Alexander der Große wurde von Aristoteles erzogen. Vielleicht hat man deshalb so lange vermutet, der mazedonische Eroberer Persiens habe die Zitruspflanze nach Europa gebracht.

Das stimmt aber nicht. Jüngere Ausgrabungen haben auf Zypern Zitrussamen zutage gefördert, die auf 1200 Jahre vor Christus datiert werden, und in Cumae bei Neapel wurden 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung Zitruspflanzen kultiviert, wie Pollenanalysen belegen. Der „medische Apfel“ kommt aber auch nicht aus Persien, sondern von den südöstlichen Hängen des Himalaja, also aus China. Deshalb heißt die Orange bei den Botanikern latinisiert „Citrus sinensis“ und auf gut Deutsch Apfel-sine: chinesischer Apfel. Der lateinische Gattungsname „Citrus“ leitet sich olfaktorisch von der Zeder ab, die schon früh als kultischer Duftstoff herhalten musste, wie später die Zitrone. Wer aber hat die Frucht so früh nach Europa gebracht? Aeneas oder Odysseus aus Troja? Phönizische Seefahrer? Das weiß nicht einmal der Ausstellungskatalog. Sonst aber weiß die Ausstellung so ziemlich alles, was es über die drei Urarten Pampelmuse (Citrus maxima), Mandarine (Citrus reticulata), „Zedratzitrone“ (C. medica) und ihre zahlreichen Hybriden zu sagen und zu zeigen gibt.

In der Gärtnerei des Palmengartens hatte sich Alexander Becker nach der Schmetterlingsausstellung 2006 der Zitruspflanzen angenommen. Die tropischen Schwalbenschwänze brauchten damals Zitruspflanzen als Kinderstube für ihre Raupen. Der Gärtner kultivierte die Pflanzen weiter und kam vor etwa zwei Jahren auf die Idee, eine Schau einzurichten. Gemeinsam mit Galerie-Teamleiter Elmar Schäfer und Kuratorin Hilke Steinecke, mit Claudia Schwägerl im Projektteam und Jörg Kunz als Gestalter hat er ein Universum erschlossen, das selbst Citrus-Ignoranten faszinieren muss.

Zitrusfrüchte im Paradies?

„Früher war der Citrus elitär, heute ist er überall“, sagt Steinecke und zeigt auf die bunten Werbeplakate, die in den fünfziger Jahren Orangenkisten aus Spanien zierten und heute im Orangenpapiermuseum Salzgitter gesammelt werden. Aller damaligen Prüderie zum Trotz greift unter dem Werbeslogan „vollsaftig, zuckersüß“ eine halbnackte Eva nach einer Orange. Wuchsen im Paradies Zitrusfrüchte? Der berüchtigte biblische Apfel ist ja ein Übersetzungsfehler, weil der heilige Hieronymus Malum = das Böse mit Malum = der Apfel sprachlich verquirlte, wobei wiederum das lateinische Wort „Malus“ den Apfel- aber auch den Zitronenbaum im Römischen Reich bezeichnete.

Falsches Orange der Orangen

Schon seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert gehörte die Zedratzitrone als „Etrogzitrone“ zu den Kultpflanzen des jüdischen Laubhüttenfestes. Nach Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 verbreiteten vertriebene Juden die Zitrusfrucht an den europäischen Mittelmeerküsten. Maurische Feldherren aus Marokko führten den Citrus im achten Jahrhundert in Andalusien ein.

Die Spanier wissen heute noch, dass eine reife Orange grün ist. Wer bei uns im Supermarkt nach einer orangefarbenen Apfelsine greift, sollte wissen, dass diese künstlich mit Ethylen behandelt wurde, um die falsche Erwartung der Kunden zu erfüllen. Das „Hochgelb“, wie Goethe noch die Farbe Orange nannte, leitet schon den Alterungsprozess ein. In Brasilien, China, Indien, wo immer heute Orangen angebaut werden, greift man daher nach den grünen Früchten aus der Familie der „Rautengewächse“. Sie sind, botanisch betrachtet: Beeren. Da sie eine dicke, ledrige Haut haben, werden sie von den Botanikern auch „Panzerbeeren“ genannt, wie der Kürbis.

Der Citrus ist ein biologisches Kunstwerk. Das haben jene schon früh erkannt, die es sich leisten konnten, Kunst zu sammeln und die Frucht damit in den Ruch des Elitären brachten. Die Medici in Florenz sammelten Zitruspflanzen und trugen sechs rote Orangen im Wappen. Die Gonzaga in Mailand taten es ihnen nach. Dumm nur, dass die Zitrusbäumchen den Winter nördlich von Rom nicht überlebten. Wo sie in Kübeln kultiviert wurden, trug man sie in eigens errichtete Winterquartiere. Über ausgepflanzten Bäumen baute man abschlagbare Pomeranzenhäuser, benannt nach der Bitterorange „Citrus aurantium“, die als die Mutter aller Orangen gilt und aus deren kandiertem Fruchtfleisch Orangeat hergestellt wird. Der Ort Limone am Gardasee erinnert noch heute an diese abschlagbaren Hütten, italienisch „Limonaie“.

Eau de Cologne, Vitamin C und frisches Aroma

Auch 100 Zitrusbäume sind im Palmengarten zu sehen: Dass die immergrünen Gewächse gleichzeitig fruchten und blühen, ist faszinierend. Hilke Steinecke nimmt den Stiel einer Bitterorange zwischen die Finger: Er ist verbreitert, „geflügelt“, nennt das die Kuratorin. Auch die Dreiblattorange (Citrus trifoliata) hat einen verbreiterten Stiel. Sie ist winterhart und übersteht auch frostige Temperaturen nebenan im Botanischen Garten. „Aber die Früchte sind total bitter“, sagt Steinecke und rümpft die Nase. Sie lassen sich nur mit süßen Orangen zu „Marmelade“ verarbeiten, ein Name, der nach EU-Recht nur einem Fruchtaufstrich aus Zitrusfrüchten zusteht.

Aus der Küche sind Zitronen und Apfelsinen nicht mehr wegzudenken. Die teure australische Fingerlimette mit ihren kugeligen Saftschläuchen ist aber nur in der Gourmetküche zu Hause. Goethe und Napoleon haben sie noch nicht gekannt, doch mit dem Duft von Eau de Cologne, das 1709 aus Zitrus kreiert worden war, konnten sie sich parfümieren. Heute verbreitet die Zitrone ihr frisches Aroma eher im Bad, ihr Geruch simuliert Hygiene. Gesund aber ist nur das in den echten Früchten enthaltene Vitamin C, das englische Seeleute, die „limeys“, vor dem Skorbut schützte. Ein Alleinstellungsmerkmal der Zitrusfrüchte ist Vitamin allerdings nicht.

Die Ausstellung im Palmengarten, Siesmayerstraße 61 in Frankfurt, Telefon; 0 69/21 23 91 11, wird bis zum 22. September gezeigt. Sie ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet Weitere Informationen im Internet unter der Adresse www.palmengarten.de

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schülke, Claudia
Claudia Schülke
Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.
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