Frankfurter Romantikmuseum

Ein Haus voller Geschichten

Von Rainer Schulze
27.08.2021
, 12:59
Fifty shades of yellow: Romantikmuseum am Goethehaus
Am 13. September wird das neue Romantikmuseum in Frankfurt eröffnet. Wer Ausstellung und Architektur erleben will, sollte viel Zeit mitbringen.

Wer das Romantikmuseum betritt, der blickt durch eine raumhohe Glaswand in den lauschigen Garten im Innenhof. Dort wachsen Bäumchen, Stauden und blau blühende Blumen. Steht der Besucher nun drinnen oder draußen? Es ist nicht die einzige Sinnestäuschung, mit der die Architektur des neuen Museums spielt. Schier endlos wirkt auch die steile Treppe, die zu den Ausstellungsräumen emporsteigt. Aber auch dies ist eine optische Täuschung, die durch die Verjüngung des blau getünchten Treppenhauses entsteht. Illusion und Auflösung, Sehnsucht und Erfüllung, solche romantischen Motive werden in der Architektur des Romantikmuseums geschickt inszeniert.

Der Architekt Christoph Mäckler stand vor keiner leichten Aufgabe. Weil gerade die Handschriften kein Tageslicht vertragen, mussten die Ausstellungsräume komplett dunkel sein. Mäckler legte daher das zentrale Treppenhaus hinter die Fassade und schuf auf Höhe der Treppenabsätze kleine Sitznischen mit bündig eingelassenen Fenstern. Denn eine fensterlose Wand wollte der Architekt unbedingt vermeiden: „Wir haben eine Verpflichtung für den öffentlichen Raum“, sagt er.

In die sensible Umgebung eingefügt

Das Romantikmuseum trumpft nicht auf. Ein monolithischer Block am Großen Hirschgraben hätte das Goethe-Haus auch in den Schatten gestellt. Damit sich das Museum in diese sensible Umgebung einfügt und das Goethe-Haus nicht dominiert, war eine kleinteilige Parzellierung gefragt. Mäckler organisierte und gliederte die Fassade so, dass der Eindruck entsteht, hier stünden drei Häuser nebeneinander, die auch drei Eingänge haben – einen Haupteingang und zwei Nebeneingänge für Schulklassen und in die Wechselausstellung. Die etwas gewöhnungsbedürftige Farbgebung in Gelbtönen und die vorspringende Fassade mit Sandsteinelementen orientieren sich am berühmten Nachbarhaus, als dessen Ergänzung Mäckler das Romantikmuseum betrachtet.

Viele Details erinnern an die Geschichte des Ortes: Das Goethe-Haus selbst wird zum Exponat. Das Romantikmuseum schließt an dessen roh belassene Brandwand an, in der beim Abriss der Nachbargebäude zur allgemeinen Überraschung ein vermauertes Fenster zum Vorschein kam, denn selbst auf dem historischen Merianplan von 1628 stand die Wand nicht frei.

Nach dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten barocken Fachwerkhauses wurde nebenan ein Bürohaus errichtet, das der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nutzte. Durch den Umzug des Börsenvereins wurde das Areal frei für das Romantikmuseum und die anschließenden Goethehöfe mit Wohnungen und Cantate-Saal, die der Architekt Michael Landes plante.

„Wir stehen auf der Altstadt“

Mäckler ließ beim Abriss des Buchhändlerhauses aus den Fünfzigerjahren die Steine bergen, zu denen die Trümmerverwertungsgesellschaft den Schutt der Altstadt zermahlen hatte. Diese Trümmersteine wurden neu zugesägt und in den Fußboden des Museumsfoyers eingelassen, der wie ein Mosaik wirkt. „Wir stehen auf der Altstadt“, sagt der Architekt. Über die abenteuerliche Vorgeschichte informiert auch eine aufschlussreiche Medieninstallation im Foyer.

Dass das Romantikmuseum nun fertig ist und vom 14. September an besichtigt werden kann, ist nicht selbstverständlich. Als mit dem Umzug des Börsenvereins über eine Folgenutzung des Areals diskutiert wurde, schlug das Freie Deutsche Hochstift einen Neubau vor, um an dieser Stelle seine einzigartige Sammlung von Handschriften der Romantik zu präsentieren. Doch die Haushaltslage der Stadt brachte das Projekt beinahe zum Scheitern. Nach der anfänglichen Absage war die Kommune von der öffentlichen Empörung derart überrascht, dass sie kleinlaut zurückruderte. Dass außer Bund und Land auch großzügige private Spender das Romantikmuseum unterstützten, machte den Rückzug vom Rückzug etwas leichter. Die städtische ABG sorgte als Bauherr dafür, dass das Budget von zwölf Millionen Euro eingehalten wurde.

Eine überwältigende Schau

Mit dem Romantikmuseum ist eine neue Attraktion entstanden, die Besucher weit über die Stadtgrenzen hinaus anziehen wird. Dafür sorgt schon der gemeinsame Eingang mit dem Goethe-Haus, denn alle Besucher, die das Geburtshaus besichtigen wollen, müssen durch das Foyer des Museums. Sie sollten unbedingt auch eine Karte für die Dauerausstellung zur Deutschen Romantik lösen – auch, wenn sie dann an diesem Tag nicht mehr viel Zeit für anderes haben werden. Denn in den originell und multimedial gestalteten Räumen im zweiten und dritten Stock ist eine überwältigende Schau zu sehen und zu erleben, in der man Tage verbringen könnte.

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Die Kuratoren des Freien Deutschen Hochstifts haben die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Büro Sounds of Silence mit viel Fantasie und Detailliebe ersonnen und das komplexe Thema aus vielen Blickwinkeln leicht zugänglich aufbereitet. Im Mittelpunkt stehen 35 Originalmanuskripte – Briefe, Gedichte, Märchen der Geschwister Brentano, von Novalis, Eichendorff, Tieck und anderen –, die lichtgeschützt in hölzernen Vitrinen darauf warten, von den Besuchern entdeckt zu werden, indem sie den Deckel anheben. „Wir wollen die Aura des Originals zeigen“, erläutert Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Hochstifts. Um „Massenflachware“ zu vermeiden, sei man bei der Auswahl bewusst sparsam gewesen. In 35 Stationen werden die Inhalte der Schriftstücke in vielen Kabinetten und Nischen erfahrbar: als Hörerlebnis, im Film, als Animation, als Installation und als Uhrwerk. Immer wieder verblüffen neue Einfälle, von der interaktiven Landkarte der Romantik bis zum Spiegelwald, an dessen Säulen ganz unterschiedliche Zitate aufleuchten: Er könne seine Erklärung des Worts „romantisch“ nicht schicken, schrieb Friedrich Schlegel 1797 an seinen Bruder August Wilhelm, „weil sie 125 Bogen lang ist“. Für Traudel aus Böblingen ist „romantisch“ schlicht ein Spaziergang durch einen Rosengarten.

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Gegen dieses romantische Ideenfeuerwerk wirkt die konventionell gestaltete Galerie der Goethezeit im ersten Obergeschoss fast ein wenig lahm. Immer wieder bieten sich auch Ausblicke: etwa durch den blauen Erker, den Bohnenkamp-Renken scherzhaft als „unser Wirtshausschild“ bezeichnet. Doch die Scheiben sind blind, die Umgebung wirkt schemenhaft, wie in einem Traum. Sehr romantisch, irgendwie.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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