Nach Schließfach-Raub

„Täter gingen geradezu dilettantisch vor“

Von Katharina Iskandar
Aktualisiert am 06.08.2019
 - 10:30
Wenig professionell gehandelt: Die Bankräuber konnten schnell von der Polizei festgenommen werden.
Nach den Schließfach-Aufbrüchen in einer Filiale der Frankfurter Sparkasse prüft die Polizei nun Verbindungen zur Clan-Kriminalität aus Berlin. In ähnlicher Weise haben Mitglieder bekannter krimineller Großfamilien Taten verübt.

Drei Tage nach dem schweren Diebstahl aus Schließfächern einer Sparkassen-Filiale im Frankfurter Bahnhofsviertel werden Bezüge zur Clan-Kriminalität aus Berlin intensiv geprüft. Das teilte die Polizei auf Anfrage mit. Wie aus Sicherheitskreisen zu hören ist, werden die Taten, die es in ähnlicher Form auch in anderen Bundesländern schon gegeben hat, in der Regel von Mitgliedern bekannter krimineller Großfamilien verübt. Im niedersächsischen Buchholz hatte eine Bande vor einem Monat Uhren und Schmuck aus Bank-Schließfächern gestohlen. Der Wert der Beute belief sich auf etwa 3,5 Millionen Euro. Die Polizei hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Serie in Hessen fortgesetzt werden sollte.

Allerdings gingen die Täter in Frankfurt, wie berichtet, nicht sehr professionell vor. Ermittler sprechen sogar davon, dass sie „geradezu dilettantisch“ gehandelt hätten. So hätten die Täter offenbar keine Ortskenntnis gehabt. Sonst hätten sie gewusst, dass gerade jene Sparkassen-Filiale an der Düsseldorfer Straße in Sichtweite zum Hauptbahnhof der denkbar schlechteste Ort für ein Verbrechen ist. Vor drei Jahren war vor der Filiale eine Überwachungskamera installiert worden, um die Drogendelikte zu dokumentieren. Das Videoband zeigt die Täter deshalb in bester Bildqualität während ihrer Ankunft, beim Betreten der Filiale und auf der Flucht. Zudem war auch die Flucht selbst offenbar wenig durchdacht.

Unkenntnis oder Leichtsinn der Täter

Gerade freitagnachmittags gehört die Düsseldorfer Straße vor dem Hauptbahnhof zu den meistbefahrenen Innenstadt-Routen. Dass sie sich im Falle eines Alarms nicht als Fluchtstrecke eignet, hat sich am Freitag dann auch gezeigt. Zudem weiß jeder, der Frankfurt nur ein wenig kennt, dass das Bahnhofsviertel tagsüber wohl das Quartier mit der höchsten Polizeidichte in ganz Deutschland ist. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum die Beamten, nachdem der Alarm ausgelöst wurde, so schnell zur Stelle waren und die Täter festnehmen konnten, indem sie kurzerhand auf das Fluchtauto schossen.

Von der Unkenntnis oder dem Leichtsinn der Täter profitieren die Ermittler. Denn indem man drei der vier Tatverdächtigen festnehmen konnte und diese sich nun in Untersuchungshaft befinden, stehen die Chancen gut, die Tat aufklären zu können. Die Verdächtigen selbst, junge Männer im Alter von 26 und 27 Jahren, schweigen zu der Tat. Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft und sind in Berlin geboren. Wie es aus Sicherheitskreisen heißt, haben alle einen „arabischen Migrationshintergrund“. In welcher Beziehung sie möglicherweise zu den kriminellen Berliner Großfamilien stehen, die in den vergangenen Jahren bundesweit für Aufsehen gesorgt haben, müsse nun geklärt werden, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Vorschnelle Schlüsse wollen die Behörden nicht ziehen. Die Polizei konzentrierte sich auch gestern auf den vierten Täter, der sich noch auf der Flucht befindet. Nach ihm wird intensiv gefahndet.

Eine sorgfältige Planung

Schließfach-Aufbrüche sind in der organisierten Kriminalität kein neues Phänomen. Schon im Oktober 2014 waren Mitglieder eines arabischen Clans mit diesem Delikt aufgefallen. Sie drangen in eine Sparkassen-Filiale im Berliner Stadtteil Mariendorf ein, ließen sich einschließen und brachen innerhalb von zwei Tagen mehr als hundert Schließfächer auf. Die Beute betrug rund 100 Millionen Euro. Allerdings scheiterte auch in diesem Fall die Flucht. Die Täter zündeten ein Gasgemisch, dabei wurde einer der Männer verletzt und später anhand seiner DNA identifiziert. Es handelte sich um ein Mitglied der berüchtigten Großfamilie R., deren Mitglieder vor zwei Jahren auch die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben sollen.

Bei den Diebstählen im niedersächsischen Buchholz gingen die Täter überlegter vor, die Taten zeugen von einer sorgfältigen Planung. Am 5. und 6. Juli hatten vier bis fünf Männer die Sparkassen-Filiale in der Nordheide gleich mehrfach betreten; immer anders gekleidet, so dass sie niemandem auffielen. Laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung, die sich auf die Ermittler berief, hatten die Täter zuvor mit Hilfe von speziellen Lesegeräten die Bankkarten der Kunden ausgespäht und waren somit überhaupt erst zu den Schließfächern vorgedrungen.

Ebenfalls am 6. Juli wurde eine Sparkasse in Hannover ausgeraubt. 48 Kunden waren betroffen. Der Schaden dort belief sich laut Polizei auf mindestens zwei Millionen Euro. Warum in Frankfurt ausgerechnet die Sparkassen-Filiale im Bahnhofsviertel ausgewählt worden war, bleibt für die Ermittler ein Rätsel. „Vielleicht“, so sagt ein Beamter, „hatten die Täter ein bestimmtes Schließfach im Visier.“ Man werde es herausfinden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Iskandar, Katharina
Katharina Iskandar
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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