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Frankfurter Hauptwache

„Einfach den Strom abgedreht“

Von Peter Badenhop
 - 13:33

Mostafa Elhady steht vor den Trümmern seiner Existenz. Oder zumindest seines Traums von der Selbständigkeit. Schon lange hatte der Ägypter, der seit vielen Jahren am Main lebt und längst ein Frankfurter geworden ist, ein eigenes Restaurant eröffnen wollen. Immer wieder hatte der Sozialwissenschaftler Pläne geschmiedet, seinen Freunden davon erzählt, das nötige Geld zusammengekratzt. Dann endlich war die Gelegenheit da: Er konnte Nach- und Untermieter in der B-Ebene der Hauptwache werden. Am 1. Oktober eröffnete er sein „Che Vegara“ direkt neben dem Ausgang zum Steinweg, ein mit viel Liebe zum Detail, viel roter Farbe und vielen orientalischen Lampen eingerichtetes Buffet-Lokal mit veganen und vegetarischen Gerichten aus Elhadys Heimat und dem gesamten Mittelmeerraum.

Doch die Freude über den Zuspruch der Gäste währte nur kurz. Nach sieben Wochen musste Elhady sein Restaurant wieder schließen. An die große Glasfront hängte er ein Plakat. „Wir müssen schließen!“ stand darauf. Und in einem langen Text schilderte Elhady, wie die VGF ihn „schikaniert“ und schließlich „ohne Vorwarnung und bei laufendem Betrieb den Strom abgedreht“ habe.

Die VGF, die städtische Verkehrsgesellschaft Frankfurt, ist Hausherr in der B-Ebene der Hauptwache. Es gibt eine eigene Abteilung, die sich um die Vermietung der zahlreichen Ladenlokale und Räumlichkeiten in der großen S- und U-Bahn-Station mit ihren unterirdischen Passagen kümmert. Gegenüber von Elhadys geschlossenem „Che Vegara“ befindet sich ein Hausmeisterbüro.

Der Umgang mit der VGF sei von Anfang an sehr schwierig gewesen, sagt Elhady. 18 Monate habe er auf die Bestätigung seines Vertrags als Untermieter des Unternehmens Backwerk warten müssen, und dann habe es nicht nur sofort nach der Eröffnung seines Restaurants immer wieder Kontrollen, sondern von anderer Seite auch die Warnung gegeben, er solle sich „warm anziehen“, die VGF wolle ihn unbedingt wieder loswerden. Sieben Mal hätten jeweils sechs Beamte und Angestellte der Stadt in den ersten vier Wochen sein Lokal kontrolliert, berichtet Elhady. Es sei immer um den Brandschutz und die elektrischen Anlagen gegangen. „Aber das haben wir problemlos überstanden.“

Dann jedoch habe an einem Tag ein Rauchmelder wegen einer Brotbackmaschine Alarm geschlagen und so einen Feuerwehreinsatz ausgelöst. Umgehend sei die fristlose Kündigung der VGF gekommen, ohne Abmahnung oder Vorwarnung. Und am 22. November sei dann ohne Ankündigung nachmittags um 15.30 Uhr der Strom abgestellt worden, als gerade eine Gruppe von Bedürftigen von der Frankfurter Tafel, die Elhady regelmäßig verköstigt hatte, im „Che Vegara“ zu Gast war. Die Folge: Große Mengen von Lebensmitteln in den Gefrier- und Kühlschränken verdarben, Pflanzen und Fische in einem großen Aquarium verendeten. Selbst zum Aufräumen wurde der Strom laut Elhady nicht wieder angestellt.

Dass die VGF als Vermieter „nicht gerade einfach“ sei, äußern auch andere Mieter in der B-Ebene. Der Hausmeister sei sehr freundlich und „in Ordnung“, schwierig werde es eine Etage höher, in der Vermietungsabteilung. Mit Namen möchte keiner der Beteiligten in der Zeitung erscheinen, aber dass die zahlreichen Wechsel und der Leerstand in der B-Ebene mit dem Umgang der VGF mit ihren Mietern zu tun hat, vermuten viele. Von Schikanen, unverhohlenen Drohungen und der „Vertreibung“ eines türkischen und eines italienischen Gastronomen ist die Rede.

Bei der VGF hüllen sich die Verantwortlichen in Schweigen. Die Chefin der Vermietungsabteilung geht nicht ans Telefon und schickt die Pressestelle vor. Dort wird darauf verwiesen, dass Elhady nicht Hauptmieter, sondern Untermieter der Firma Backwerk sei. Dieser Vertrag sei allerdings mit dem Einverständnis der VGF geschlossen worden. Im Übrigen sei die VGF dafür verantwortlich, den „betriebssicheren Zustand“ in den Ladengeschäften und Lokalen zu gewährleisten. Darum habe man Sachverständige in Elhadys Lokal geschickt und aufgrund von Mängeln den Strom abstellen lassen. Ins Detail wolle man öffentlich nicht gehen. Die Kommunikation sei „vielleicht etwas schwierig“ gewesen, aber es habe sie gegeben.

Mit dem angekündigten Umzug des Dialogmuseums in die B-Ebene der Hauptwache hat die Kündigung laut VGF nichts zu tun, obwohl der neue Standort in direkter Nachbarschaft des „Che Vegara“ liegt. Die Stadt hatte lange nach Räumen für das Museum gesucht; vor einer Woche verkündeten Bürgermeister Uwe Becker (CDU), Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und VGF-Geschäftsführer Thomas Wissgott dann die „Rettung für das Dialogmuseum“. Dieses sei als soziale und kulturelle Bildungseinrichtung für die Stadt insgesamt und besonders für die B-Ebene an der Hauptwache eine Bereicherung.

Mostafa Elhady hat inzwischen Tatsachen geschaffen – und das Ladenlokal geräumt. Um zumindest nicht alles zu verlieren, wie er sagt. Der Hauptmieter, die Firma Backwerk, hat ihm vor ein paar Tagen ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte, ohne zu riskieren, auch noch die gesamte Einrichtung zu verlieren: gegen die Erstattung seiner Kaution und der Miete nach der Schließung umgehend ausziehen. Mit einem Freund hat er deshalb innerhalb von zwei Tagen alles ausgeräumt – die Küchengeräte, die Einrichtung, die Dekoration, das große runde Buffet, die Theke und das große Messingschild an der Außenfassade – und in einem Keller eingelagert, bis er vielleicht einen anderen Ort für sein „Che Vegara“ findet. Mehr als 80. 000 Euro hat Mostafa Elhady in das gesamte Projekt investiert, er hat seine Ersparnisse und geerbtes Geld hineingesteckt, Bankkredite aufgenommen. Das scheint nun alles verloren.

Quelle: F.A.Z.
Peter Badenhop
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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