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Tierschutz

Sicheres Geleit für Erdkröten und Molche

Von Eberhard Schwarz
15.02.2022
, 06:00
Kein Durchkommen: Die Kröten kommen an der Babenhäuser Straße nicht weiter und fallen in die sicheren Eimer. Bild: Sandra Schildwächter
Damit die Laichwanderung kein böses Ende nimmt: Freiwillige bauen einen Hunderte Meter langen Krötenschutzzaun, um die Tiere vor Autos zu schützen.
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Die Hauptakteure lassen sich nicht blicken: Bei Temperaturen knapp über null Grad ist es Erdkröten und anderen Amphibien im Wald zwischen Mainhausen und Seligenstadt zu kalt, um zur jährlichen Laichwanderung zum Königsee aufzubrechen. Die nachtaktiven Tiere bleiben unsichtbar und warten auf angenehmere Wärmegrade. Hartmut Müller, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Fledermaus- und Amphibienschutz Seligenstadt und Mainhausen, wirkt dennoch zufrieden: „Der Zaun sollte stehen, bevor die Tiere loslaufen.“

Den Amphibienzaun stellen knapp 20 Aktive der Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit der Jugend des Technischen Hilfswerks Seligenstadt (THW) auf einer rund 500 Meter langen Strecke beiderseits der Babenhäuser Straße zwischen Mainhausen-Zellhausen und dem Waldweg vor der Seligenstädter Umgehungsstraße auf. Seit 2011 sorgt die Arbeitsgemeinschaft dafür, dass die Barriere die Tiere aufhält, bevor sie die Fahrbahn erreichen. Mit drei blauen THW-Fahrzeugen kommen Kinder und Jugendliche mit gelben Helmen und Warnwesten zum Einsatzort, um Hand anzulegen.

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Wenn es etwas wärmer wird, dürfte es im Waldgebiet westlich des Königsees von Amphibien wimmeln. Vor allem Erdkröten, manchmal auch Grasfrösche und vereinzelt Molche machen sich schon im Herbst in Richtung Zaun auf den Weg und graben sich bis zum Frühjahr ein. „Wenn das Wetter günstig ist, ziehen sie dann alle meist in einem Schwung zum Laichgewässer“, erläutert Müller.

Für den Krötennachwuchs: Aufstellung eines Schutzzauns in Mainhausen durch die Arbeitsgemeinschaft Fledermaus- und Amphibienschutz Seligenstadt und Mainhausen (AGFA) sowie dem Technischen Hilfswerk (THW) Bild: Sandra Schildwächter

Drei bis vier Wochen dauere die Amphibienwanderung. Auf ihrem Ziel droht den durchgefrorenen und deshalb langsam kriechenden Tieren Gefahr: Wenn sie die Straße überqueren, reichen neun Autos je Stunde, um mehr als 80 Prozent der Amphibien zu überfahren.

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Wenn die Tiere zu früh aufbrechen, werden sie plattgefahren

Am Nordufer des Königsees haben Angler Reisig ausgebracht, um den die Erdkröten ihre Laichschnüre wickeln können. Anfang Juni ziehen sich die Tiere vom Laichgewässer wieder zurück. Dann sind die Kleinkröten so weit, dass sie das Wasser verlassen können. Müller erinnert sich, dass 2021 viele Jungkröten zur Käthe-Paulus-Grundschule am Ortseingang von Zellhausen wanderten und durch die offenen Türen in das Gebäude gelangten.

Wie es aussieht, wenn Amphibien früher als erwartet aufbrechen und der Zaun noch nicht steht, hat Ute in einem früheren Jahr fotografiert: lauter plattgefahrene Tiere. Die Verwaltungsbeamtin, die anonym bleiben will, möchte den Erdkröten ein solches Schicksal ersparen und engagiert sich für den Naturschutz. Sie habe ein Herz für Tiere. Seit gut zehn Jahren macht sie bei Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft mit – „auch schon bei Kontrollen der Fledermauskästen im Wald“.

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An diesem Vormittag befestigt sie den grünen Amphibienzaun an Metallstäben, die Tiere weichen beim Kontakt mit dem Hindernis zur Seite aus. Alle 15 bis 20 Meter befindet sich im Boden ein Eimer, in den sie fallen. Zweimal am Tag, jeweils bis 9 Uhr und gegen 22 Uhr, werden Freiwillige in den nächsten Wochen den Zaun ablaufen, die männlichen und weiblichen Tiere in den Eimern zählen und auf die andere Seite der Straße tragen. In den vergangenen Jahren habe man stets 1000 bis 1500 Tiere gefunden, berichtet Müller. Etwa 300 bis 400 Amphibien wanderten im gleichen Jahr zurück; der Rest vergrabe sich erst einmal.

Für 2022 waren neue Krötentunnel geplant

Erdkröten gehören zu den geschützten Tierarten, sie dürfen weder gefangen noch getötet werden. Gartenbesitzer schätzen ihren Besuch, sie fressen Schnecken, Raupen, Regenwürmer, Tausendfüßer, Laufkäfer, Spinnen und Insekten. Nicht selten tragen die größeren Weibchen bei der Laichwanderung die Männchen auf dem Rücken.

Eigentlich sollten die Tiere 2022 erstmals durch neun Tunnel unter der Straße hindurchkriechen, doch Telekom-Leitungen müssten erst tiefer im Boden versenkt werden. Ende April soll der Amphibienzaun abgebaut werden. Unter der Babenhäuser Straße werde Hessen Mobil von Mai an die Krötentunnel errichten, hofft Müller. Den mobilen Zaun werde man andernorts aufbauen.

Achtung, Krötenwanderung! Bild: Sandra Schildwächter

Bernd Lehner, von Beruf Chemiker, engagiert sich beim THW Seligenstadt als Jugendbetreuer. Den Jungs und Mädchen gibt er Anweisungen, wie der Zaun zu befestigen ist und die Eimer platziert werden. „Wenn ihr mit der Hacke arbeiten müsst, setzt ihr auf jeden Fall den Helm auf.“ Bei den wöchentlichen Treffen der Gruppe lernten die jungen Leute nicht nur die THW-Technik und die Strukturen altersgerecht kennen, sondern auch, wie man sich im Einsatz verhalte und eine Stelle absichere, sagt Lehner. Der Spaß komme auch nicht zu kurz.

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THW-Jugend hilft mit

Der zwölf Jahre alte Tom hilft zum zweiten Mal beim Amphibienzaun mit. Jan, zwei Jahre jünger, ist erst seit dem Sommer bei der THW-Jugend dabei. Die THW-Jugend hilft der Arbeitsgemeinschaft auch bei einem anderen Projekt: Ein alter Kriegsbunker im Wald zwischen Zellhausen und Mainflingen wurde als Fledermausquartier für die Wintermonate hergerichtet. Vier weitere Betonbunker sollen noch folgen. Müller hofft, dass bis Anfang März die Bauarbeiten erledigt sind. Sind die Türen installiert, sollen Hohlblocksteine angebracht werden, in deren Nischen die Tiere überwintern können.

Warum macht man an einem kalten Wochenende beim Aufbau eines Amphibienzauns mit? Sie sei seit fast zwei Jahren im Ruhestand und wolle „etwas Vernünftiges mit meiner Freizeit machen“, sagt Jill Goldstein, die der Arbeitsgemeinschaft angehört. „Es liegt mir am Herzen, dass wir die Natur schützen.“ Bei der Arbeitsgemeinschaft gebe es viel zu tun. „Immer wenn Hartmut ruft, versuchen wir, dabei zu sein.“

Goldstein war früher „im Software Support weltweit“ tätig. Beim Aufstellen des Amphibienzauns hilft sie zum zweiten, ihr Mann zum dritten Mal mit. Beide werden in den nächsten Wochen auch Eimer kontrollieren und hineingefallene Tiere zählen. Wenn der Fledermausbestand dokumentiert wird, kann die Arbeitsgemeinschaft gleichermaßen auf das Ehepaar zählen: „Wir sind Laien und können dabei viel über die Natur lernen.“

Ute sucht derweil mit einem Müllsack ausgerüstet nach Abfall am Straßenrand. Ein Arsenal kleiner Flaschen trägt sie in kurzer Zeit zusammen. Nach ein paar Stunden steht auch der Amphibienzaun. Die Kröten können kommen.

Quelle: F.A.Z.
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