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Junge Leute und Umweltschutz

Generation Klimaprotest?

Von Helena Weise
Aktualisiert am 01.12.2019
 - 15:07
Blockade: Am diesjährigen Black Friday demonstrierten viele Jugendliche für Fridays for Future.zur Bildergalerie
Sie sind jung, sie sind politisch, und sie machen sich Sorgen um das Klima. Einer Meinung sind sie trotzdem nicht. Acht junge Menschen aus Rhein-Main sprechen über Fridays for Future.

Dominik Rauth ist nicht der Typ, der auf der Straße gegen den Kapitalismus brüllt. „Demonstrationen sind nicht so mein Ding“, sagt er. Im Prinzip hat er gegen solche Proteste aber nichts einzuwenden. Der Politikstudent kann verstehen, dass nicht jeder Lust hat, in eine Partei einzutreten. Auch Fridays for Future findet er gut, viele Kommilitonen liefen regelmäßig bei den Demos mit. Er persönlich habe freitags aber anderes zu tun und glaube, dass er an anderer Stelle mehr beitragen könne – bei den Jungen Liberalen zum Beispiel. Da habe man als Mitglied direkten Einfluss auf die Politik der FDP, mit deren Klimapolitik er sich nicht wirklich identifizieren könne.

„Mutig, optimistisch und empathisch“ wolle die FDP laut ihrem Leitbild sein. „Bei aller Liebe“, sagt Rauth, „aber Empathie ist bei der FDP nicht immer vorhanden.“ Christian Lindners Kommentar zu Fridays for Future, man solle das Thema doch den Profis überlassen, sei das beste Beispiel. „Da sollte man anders herangehen“, findet Rauth. Das Klima habe nun mal für junge Leute Priorität.

Eigentlich sollte Klimaschutz allen am Herzen liegen, fordert Rauth. Es gebe aber unterschiedliche Wege zu diesem Ziel. Er hält die Proteste von Fridays for Future nicht für übertrieben. Aber was nutze ein Verbot von Inlandsflügen in Deutschland, wenn China neue Kohlekraftwerke baue? „Man muss mehr fördern und weniger verbieten“, meint Rauth. „Ich glaube nicht, dass uns andere Kontinente in die Verzichtsgesellschaft folgen werden.“

Die Industrie einbinden

Viele ihrer Kollegen bei Volkswagen haben Angst, dass Fridays for Future ihnen den Arbeitsplatz wegnehme. Das sei ein gefährliches Gedankenspiel, sagt Annika Helten, das sie sogar selbst unterbewusst manchmal mitspiele. Bei Umstrukturierungen mache man dann schnell die Schüler verantwortlich, die freitags auf die Straße gingen – obwohl die ja eigentlich nichts dafür könnten. „VW steckt in einer Krise“, sagt die Einundzwanzigjährige. „Und die Schüler von Fridays for Future haben ebenso wie wir keine Antworten parat – sondern stellen nur die Fragen.“

Helten hat mit 16 Jahren ihre Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik bei VW im nordhessischen Baunatal begonnen. Gleich zu Beginn trat sie in die IG Metall ein – heute ist sie dort Jugendvertreterin. Sowohl die IG-Metall-Jugend als auch die Auszubildenden sprächen das Klimathema regelmäßig an, erzählt sie. Bei der jüngsten Jugendversammlung luden sie die Ortsgruppe Kassel von Fridays for Future ein und solidarisierten sich mit der Bewegung. „Wir können unsere Interessen sehr gut gemeinsam vertreten“, sagt Helten. Es gehe den Aktivisten offenbar nicht darum, mit dem Finger auf VW zu zeigen, sondern ihr gemeinsames Ziel sei es, die Regierung zum Handeln zu zwingen und zu benennen, was schieflaufe.

„Auf einem toten Planeten gibt es nun einmal keine Arbeitsplätze“, sagt Helten, deren Eltern und Bruder ebenfalls bei VW arbeiten. Klimaschutz habe für sie Priorität, und wenn das bedeute, dass der Konzern Arbeitsplätze streiche, dann sei das eben so. „Ich arbeite bei VW nur, weil ich Geld verdienen muss“, sagt sie. In ihrem Heimatort Naumburg (Kreis Kassel) machten sich viele über Fridays for Future lustig. „Was würde Greta wohl sagen?“ witzele man dort. Sie vermutet, dass sich die meisten der jungen Leute persönlich in ihrer Klimabilanz angegriffen fühlten. Dann kämen schnell sarkastische Fragen auf wie: „Soll ich jetzt meinen SUV verkaufen, oder was?“

Solche Beispiele zeigten: „Wir führen zum Teil eine Debatte, die Fridays for Future gar nicht im Sinn hatte.“ Stattdessen sollte man nach Ansicht von Helten überlegen, was Politik und Industrie gemeinsam tun könnten, um die Klimaziele zu erreichen.

Weniger dogmatisch angehen

Vor den großen Klimademonstrationen geht Tayyab Mohammad durch jede Schule und jede Klasse in Offenbach, hängt Plakate auf und sprüht Kreide. Bisher sind trotzdem noch nie mehr als 400 Menschen zum Protest erschienen. „Fridays for Future ist eine schwierige Sache in Offenbach“, sagt der 19 Jahre alte Schüler des Rudolf-Koch-Gymnasiums. Viele Mitschüler glaubten nicht, überhaupt etwas bewirken zu können. Gerade Haupt- und Realschüler bekämen immer nur vermit- telt, dass ihre Meinung unwichtig sei. Dazu komme – das weiß Mohammad aus seiner Arbeit in der Schülervertretung und im Stadtschülerrat –, dass der Klimawandel in Haupt- und Realschulen nicht so ausführlich im Unterricht behandelt werde.

Mohammad findet dennoch, dass Fridays for Future mehr Menschen anspreche als andere Bewegungen. Dass sich ausnahmsweise mal die breite Masse auf ein gemeinsames Ziel einige und dafür streite, sei der Verdienst der Schülerproteste, findet er. Deshalb störe es ihn auch nicht, dass sie eine größtenteils „bürgerliche Gruppe“ seien, wie der Vorwurf oft laute. „Das kann für uns doch ein politischer Vorteil sein“, sagt er. „In diesem Land gibt es nun einmal eine bürgerliche Mehrheit – ob man das gut findet oder nicht – und die hört auch lieber bürgerliche Meinungen.“

Der stellvertretende Schulsprecher, der seit mehr als zwei Jahren Mitglied der Linkspartei ist, versucht, alles etwas undogmatischer zu sehen. „Wir müssen die radikalen Ideologen von ihren Positionen vertreiben“, fordert er. Die brauche man nicht, und das sei auch nicht der Sinn von Fridays for Future. Gerade bei den „Funktionären“ der Bewegung wolle man den Klimaschutz mit einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik verbinden. Erst jüngst habe er sich wieder mit ein paar Anarchisten gestritten. „Ich habe auch meine Probleme mit dem Kapitalismus“, sagt Mohammad. Und natürlich ließen sich Klimawandel und die soziale Frage nicht getrennt diskutieren. „Aber wenn wir aus der Klimakrise jetzt eine Systemdebatte machen, werden wir zu gar keinem Ergebnis kommen.“

Kaum ernst genommen

Leonie Wicke ist seit der ersten Demonstration von Fridays for Future dabei. Zunächst war der Klimawandel für sie nur „eines von vielen Problemen, die wir auf der Welt haben“. Einige Monate später, am 20. September, hielt die Siebzehnjährige beim globalen Klimastreik eine Rede vor Tausenden von Menschen in Frankfurt. Fridays for Future habe sie politisiert: Je länger der Protest anhalte, desto tiefer steige sie ein, wolle endlich etwas erreichen. „Man wird geradezu süchtig“, sagt die Schülerin.

Den Dialog mit der Stadt empfindet Wicke als frustrierend. „Über Gesprächsbereitschaft geht es nicht hinaus.“ Die Forderung der Schüler, in Frankfurt den Klimanotstand auszurufen, sei den Politikern zu pauschal. Nach der Sommerpause habe die Stadtregierung Klimaschutzmaßnahmen vorstellen wollen. „Da kam aber nichts“, sagt Wicke. Die Schülerin träumt von einer autofreien Innenstadt. Aber Klimaschutz müsse global gedacht werden. Was nütze ein sauberes Frankfurt oder Deutschland, wenn dafür Kohlenstoffemissionen ins Ausland verlagert würden?

„Wir wissen, dass wir hier in Deutschland sehr privilegiert sind“, sagt sie. Klimaproteste wie der von Fridays for Future seien deshalb aber noch lange kein Wohlstandsphänomen. Um wirklich Druck auszuüben, brauche man alle gesellschaftlichen Gruppen. Im Moment seien leider hauptsächlich bürgerliche Gymnasiasten bei Fridays for Future engagiert. „Wir müssen aktiver auf die Menschen am Rand der Gesellschaft zugehen – ob arm oder reich.“

Von der Politik fühlt sich Wicke ignoriert. „Seit bald einem Jahr ist unsere einzige Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen, auf die Straße zu gehen“, sagt sie. „Und nicht einmal da werden wir ernst genommen.“

Am Ende gibt es immer einen Verlierer

Das Thema Klima begegnet Johanna Friedewald eigentlich jeden Tag: ob zu Hause bei ihrer Familie, die in Friedberg-Bruchenbrücken einen kleinen Bauernhof betreibt, oder bei Vorlesungen an der Universität in Gießen. Die Demonstrationen von „Fridays for Future“ findet die 20 Jahre alte Agrarstudentin trotzdem nicht ganz überzeugend. „Es kam so plötzlich“, sagt sie. „Aber den Klimawandel gibt es ja nicht erst seit letztem Jahr.“

Obwohl sie das Engagement der Schüler unterstützt – die Verteufelung der Bauern stört sie. „Die Landwirtschaft wird zum großen Teil für Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht“, sagt die Studentin. Dabei sei es ihre wichtigste Aufgabe, Nahrungsmittel bereitzustellen, und nicht, das Klima zu retten. Die strengeren Auflagen für Insekten- und Umweltschutz, die die Bundesregierung nun durchsetzen wolle, würde der Betrieb ihrer Eltern nicht überleben. Die neuen Vorgaben zu Blüh- und Schutzflächen neben den Äckern ließen auf den rund 60 Hektar keinen Platz, um ausreichend Getreide, Raps und Zuckerrüben anzubauen. Gemeinsam mit ihrem Vater fuhr Johanna Friedewald deshalb zu der großen Bauerndemonstration Ende Oktober in Bonn. Der Hessische Bauernverband hatte einen Bus organisiert.

„Natürlich ist Klimaschutz wichtig“, findet Friedewald. Gerade die Landwirtschaft sei ja extrem betroffen vom Klimawandel. „Aber das geht eben nicht von heute auf morgen.“ Die Leute stellten immer nur Forderungen: Mal sei es besseres Klima, dann wieder mehr Tierwohl. Man könne aber nicht alles gleichzeitig haben, sagt die Studentin. „Es gibt immer einen Verlierer.“

Zunehmendes Gefühl der Ohnmacht

„Klima ist en vogue“, sagt Finn Gölitzer. „Das Thema ist sehr präsent, und das ist auch gut so.“ Der Einundzwanzigjährige ist seit Beginn seines Studiums in der Hochschulpolitik engagiert, seit der Großdemonstration am 20. September dieses Jahres ist er bei „Fridays for Future“ aktiv und organisiert die Frankfurter Studentengruppe der Klimabewegung. An den Universitäten sei bisher noch viel zu wenig passiert, meint Gölitzer.

Der Frankfurter Soziologie- und Geographiestudent findet es spannend, sich außerhalb des Parteiensystems in Bewegungen zu organisieren. Der Streik ist seiner Meinung nach eine angemessen radikale Protestform. Die zivilen Ungehorsamsaktionen von „Extinction Rebellion“ sieht er dagegen kritisch. Diese Bewegung versuche, alle politischen Meinungen miteinzubeziehen. Er glaube aber nicht, dass man Klimapolitik abseits von links und rechts machen könne.

„Die Erzählung über das Klima sollte sich in eine bestimmte Richtung entwickeln“, sagt Gölitzer. „Es wird nicht einfach nur zu viel Kohlendioxid ausgestoßen.“ Vielmehr verweise die Klimakrise auf sämtliche Probleme unserer Gesellschaft, die bei den Protesten mitgedacht werden müssten. Soziale Gerechtigkeit sei dabei eines der wichtigsten Themen. Der Bewegung sei es deshalb wichtig, von „Klimagerechtigkeit“ zu sprechen.

Die Klimafrage als sozialen Kampf zu begreifen – dadurch erhofft sich der Student auch, mehr Menschen für den Protest zu begeistern. Im Moment sei zwar vielen jungen Leuten die Dringlichkeit des Themas bewusst, aber die wenigsten griffen ein. Nach fast einem Jahr „Fridays for Future“ ist Gölitzer von den Ergebnissen enttäuscht. „Es stellt sich eine Art Ohnmachtsgefühl ein“, sagt er. Deshalb könne es nicht dabei bleiben, freitags auf die Straße zu gehen. „Die Bewegung muss politischer werden.“

Ingenieure statt Greta

Dass der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und das linke Spektrum mal einer Meinung sein könnten, hätte Tom Rausch nicht gedacht. „Da bilden sich gerade seltsame Allianzen in der Hochschulpolitik, was das Klima angeht“, sagt der 22 Jahre alte Frankfurter RCDS-Vorsitzende. Die Linken hätten das sehr schön einen „Klassenkampf von oben“ genannt. ,Fridays for Future‘ ist ein Wohlstandsphänomen“, sagt Rausch. „Die grüne Bewegung kommt nur in den reichsten Gesellschaften an – und auch dort nur in den Großstädten.“

Doch das ist nicht das Einzige, was den angehenden Wirtschaftswissenschaftler an „Fridays for Future“ stört. Auch wirft er den Schülern und Studenten vor, dass sie sich moralisch überlegen fühlten – sie nähmen an, das Richtige zu tun und die Welt besser verstanden zu haben als Hunderttausende Parteimitglieder. „Ich kann doch nicht einfach sagen: Politik, ich habe hier die Wahrheit, und nun mach mal“, sagt er. „Wissen die Schüler von ,Fridays for Future‘ überhaupt etwas über die Klimapolitik, die in Deutschland seit Jahrzehnten gemacht wird? Wissen sie zum Beispiel, seit wann es ein Umweltministerium gibt?“

Seiner Meinung nach erzählen die Schüler freitags das, was sie montags bis donnerstags im Unterricht gehört haben. Das sei weder eine neue Jugendprotestwelle noch ein Generationenbruch wie 1968, sondern ziemlich konformistisch. Die Eltern seien doch sogar froh, wenn sie ihre Kinder zur Demo bringen könnten.

Zwar finde er es gut, dass sich die junge Generation politisiere und vorausdenke. Auch der Gedanke der Klimagerechtigkeit gefalle ihm. Doch „wenn ich es ernst meine mit dem Klimaschutz, dann muss ich auch mit konkreten Forderungen einsteigen“. Den Forderungskatalog der Frankfurter „Fridays for Future“-Gruppe an die Stadt habe er noch nicht gelesen. Ihn interessierten vielmehr die Antworten junger Ingenieure auf die Frage, was der Staat gegen den Klimawandel tun könne; außer der zehnten Subventionierung von Elektroautos. „Ich möchte junge Forscher auf der Bühne sehen und keine Greta Thunberg.“

(======================= PLUSBOX =======================)

Nicht auf Kosten der kleinen Leute

Wenn der öffentliche Nahverkehr in Frankfurt bis 2025 unentgeltlich werden sollte – wie es „Fridays for Future“ fordert –, dann wäre Iris Schaffrina ihren Job los. Zumindest würde sich ihr Aufgabenbereich deutlich verkleinern. Die Fahrausweisprüferin und ausgebildete Sicherheitskraft findet die Idee trotzdem gut. „Ich kann von Schülern nicht erwarten, dass sie alle wirtschaftlichen Faktoren mitbedenken“, sagt die Fünfundzwanzigjährige.

Schaffrina ist seit Beginn ihrer Ausbildung vor vier Jahren bei der Gewerkschaft Verdi aktiv, mittlerweile ist sie Bezirksjugendvorstand. Bei Berufsschultouren des Deutschen Gewerkschaftsbunds bringt sie ehrenamtlich jungen Menschen die Arbeit in den Gewerkschaften näher. Sie beobachtet starke Unterschiede zwischen den Auszubildenden und jenen, die schon länger im Arbeitsleben stehen. Viele ihrer älteren Kollegen sähen die Demonstranten nur als Schulschwänzer. Mit ihrer Unterstützung für „Fridays for Future“ ist Schaffrina eine Ausnahme. Die Kohlendioxidsteuer – eine weitere Forderung der Bewegung – hielten sie und viele Mitstreiter in der Gewerkschaft aber für den falschen Ansatz. Das führe nur dazu, dass man sich die entsprechenden Produkte nicht mehr leisten könne.

„Klimaschutz darf nicht auf Kosten des kleinen Mannes gehen“, sagt Schaffrina. „Wir sind eben auch nur Menschen, die arbeiten und Geld verdienen wollen.“ Zahlen sollten die Energiekonzerne, die für den größten Teil der Emissionen verantwortlich seien. Dafür sei eine Politikwende nötig, ist Schaffrina überzeugt. „Derzeit wird Politik weder für uns Arbeiter noch für die Jugend gemacht.“ Sie wünscht sich, dass der Klimaprotest bald auch zu einem politischen Streik werde. „Es müssen immer mehr Leute auf die Straße“, sagt sie. „Bitte nicht aufhören.“

Quelle: F.A.S.
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