Ganz Hessen ein Hotspot

Bouffier lehnt schärfere Corona-Regeln ab

Von Thorsten Winter und Marie Lisa Kehler
24.01.2022
, 19:22
Kurs halten: Hessens Ministerpräsident Bouffier
Die Corona-Normalstationen in Hessen füllen sich weiter. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt deutlich über dem Durchschnitt im Bund. Der Frankfurter Inzidenz-Wert ist weiter nicht korrekt und zu tief angegeben.
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Zum Dienstag bekommt auch der Werra-Meißner-Kreis den unerfreulichen Hotspot-Status. Bisher war diese ländliche Region die einzige in Hessen ohne eine Sieben-Tage-Inzidenz von 350 an drei Tagen hintereinander. Mit dieser relativen Ruhe ist es nun vorbei. Dies folgt aus dem Corona-Bulletin des Sozialministeriums. Demnach weisen zudem sieben Landkreise und Großstädte mittlerweile eine vierstellige Inzidenz auf. Der auf der Internetseite des Robert Koch-Instituts genannte Frankfurter Wert stimmt nach Angaben des Gesundheitsamts aber nicht.

In Hessen sind trotz des starken Anstiegs der Infektionszahlen keine neuen Corona-Vorgaben geplant. Es gebe keine Verschärfungen, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Montagabend in Wiesbaden nach Abschluss der Bund-Länder-Beratungen laut dpa. Da aber noch nicht abgeschätzt werden könne, wie sich die Corona-Lage weiter entwickelt, bleibe es bei den geltenden Vorgaben. Der bestehende Kurs werde beibehalten, es müsse weiter vorsichtig vorgegangen werden, betonte der Regierungschef. Die derzeit geltende Corona-Verordnung in Hessen gilt Bouffier zufolge bis zum 12. Februar.

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„Hessens Wirtschaft begrüßt, dass die bestehenden Auflagen nicht verschärft werden.„ Doch die nur vagen Ankündigungen von Öffnungen seien schlechte Nachrichten für viele Betriebe. Änderungen erst Ende Februar oder Anfang März kämen für sie zu spät. „Je länger 2G im Einzelhandel und 2G-Plus im Gastgewerbe andauern, desto gravierender die wirtschaftlichen Folgen“, heißt es in einer ersten Reaktion des Hessischen Industrie- und Handelskammertags.

Probleme bei Datenübertragung

Derweil kommt eine interessante Nachricht aus der Frankfurter Universität: Eine neue Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität und der University of Kent zeigt, dass die SARS-CoV-2 Omikron-Variante weniger gut zelluläre Abwehrmechanismen („die Interferonantwort“) gegen Viren blockieren kann als die Delta-Variante. Außerdem deuten Zellkulturdaten darauf hin, dass acht wichtige Wirkstoffe gegen COVID-19 auch die Vermehrung der Omikron-Variante hemmen.

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Die Städte und Kreise mit vierstelliger Inzidenz sind Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach und Frankfurt sowie die Kreise Darmstadt-Dieburg, Hochtaunus und Main-Taunus. In Wiesbaden und Darmstadt ist die Kennziffer über Nacht gesunken, in Frankfurt etwa dagegen gestiegen. Der Wert für die Mainmetropole ist der fünfthöchste in Hessen, nachdem die Stadt bis Mitte vergangener Woche mit Abstand die meisten Neuinfektionen binnen sieben Tagen unter 100.000 Einwohnern gemeldet hatte. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zeigt sich besorgt wegen der Lage an Schulen.

Zu bedenken ist dessen ungeachtet folgendes: In Frankfurt dürfte die Inzidenz deutlich höher liegen, als vom RKI angegeben. Grund hierfür sei noch immer ein Problem mit der RKI-Meldesoftware Surfnet, heißt es aus dem Gesundheitsamt. Nach einem Update ist es den Angaben eines Sprechers des Amtes in mehreren Gesundheitsämtern zu Problemen gekommen, die eine Meldung der Daten weiterhin erschwerten. Es werde mit Hochdruck an einer Lösung des Problems gearbeitet. Jedoch, so der Sprecher weiter, sei das Meldeprogramm, mit dem das RKI arbeite, veraltet und nie dafür konzipiert gewesen, dass bundesweit so viele Ämter zeitgleich darauf zugreifen.

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Allein an diesem Wochenende sind nach Angaben eines Sprechers des Gesundheitsamtes Frankfurt mehr als 6000 Positivmeldungen eingegangen, die noch nicht gemeldet werden konnten. Nicht hinter jeder Meldung verbirgt sich ein neuer Fall. Bei einigen handelt es sich um PCR-Tests von schon registrierten Personen, die versuchen, sich aus der Quarantäne freizutesten. In anderen Fällen haben die Labore eine Sequenzierung der Proben vorgenommen. Auch dieses Ergebnis läuft als Doppelmeldung ein.

    Wiesbaden laut RKI mit höchster Inzidenz

    Auch an vielen anderen Orten in Hessen gibt die Inzidenz weiter Anlass zur Besorgnis, zumal nun die Kliniken wieder merklich mehr Neuaufnahmen von Corona-Kranken melden. Laut RKI hat die Landeshauptstadt Wiesbaden mit 1450 die höchste Inzidenz in Hessen nach 868 vor sieben Tagen. Mit 1420 binnen Wochenfrist verzeichneten Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern folgt Darmstadt. Offenbach liegt mit 1342 dahinter, der Landkreis Darmstadt-Dieburg kommt auf 1228 nach 728 vor einer Woche. Die links des Rheins gelegene rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Mainz weist 1144 nach 1228 auf. Der umliegende Kreise Mainz-Bingen kommt auf 858.

    Die hohen Zahlen haben allesamt mit der Ausbreitung der Omikron-Variante auch durch Reiserückkehrer zu tun. Sie gilt als noch ansteckender als die bisher dominierende Delta-Variante. Laut Virologin Sandra Ciesek ist wegen Omikron das Ansteckungsrisiko so hoch wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

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    Die Hospitalisierungsindizenz stagniert nach einem Anstieg zum Ende der vergangenen Woche wieder. Sie ist außer der Belegung von Intensivbetten mit Covid-Kranken einer der beiden Richtwerte für die Corona-Politik und steht bei 3,84 nach 2,64 vor einer Woche geklettert. Sie spiegelt die binnen Wochenfrist von Kliniken aufgenommenen Corona-Kranken unter 100.000 Einwohnern. Eine gestiegene Sieben-Tage-Inzidenz zieht seit Beginn der Pandemie regelmäßig mit Verzug von ein bis zwei Wochen mehr Covid-Patienten in Krankenhäusern nach sich. Das zeigt sich auch wieder auf den Normalstationen.

    Mehr als 10.000 Neuinfektionen

    4459 neue Fälle haben die hessischen Gesundheitsämter über Nacht gemeldet, nach 3342 vor einer Woche. Dabei ist der zu Wochenbeginn übliche Meldeverzug zu bedenken. Fünf Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 sind demnach hinzugekommen. Vor sieben Tagen hatte das Sozialministerium zwei weitere gemeldet. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 sind offiziell 8727 Menschen in Hessen an oder mit Covid-19 gestorben.

    Die Hessen-Inzidenz beträgt knapp 937 nach gut 626 vor sieben Tagen. Der Durchschnitt im Bund beträgt 840. Für die Hotspots gelten weitere Schutzregeln wie Maskenpflicht an besonders belebten Orten in der Öffentlichkeit und ein Alkoholverbot an der frischen Luft. Nach fünf Tagen unterhalb der Grenze fällt die Region wieder aus der Regelung hinaus.

    In den Kliniken hat sich die Lage binnen Wochenfrist uneinheitlich entwickelt. Nach Angaben des Sozialministeriums lagen zuletzt 745 Corona-Kranke auf Normalstationen nach 660 vor Wochenfrist. 222 Covid-Patienten betreuen die Kräfte auf Intensivstationen, ebenso viele wie vor sieben Tagen.

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    Pandemie der Ungeimpften

    64,6 Prozent der auf hessischen Intensivstationen behandelten Corona-Patienten sind laut Ministerium nicht oder nicht ausreichend geimpft. Das sind 1,6 Prozent mehr als vor einer Woche. 29,2 Prozent sind vollständig geimpft, 3,4 Prozentpunkt weniger. Insgesamt stagnieren aber die Werte seit Wochen auf diesem Niveau.

    Laut RKI sind mittlerweile 71,9 Prozent der hessischen Bevölkerung vollständig gegen SARS-CoV-2 geimpft, bei minimal steigender Tendenz. „Wenn nur die Altersgruppe ab 12 Jahren berücksichtigt wird, beträgt der vollimmunisierte Anteil 80,6 Prozent“, so das Ministerium. Auch das bedeutet eine Stagnation trotz aller Impfsonderaktionen in ganz Hessen.

    GEW wegen Lage an Schulen besorgt

    An den hessischen Schulen spitzt sich die Corona-Lage nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) weiter zu. In vielen Regionen gebe es kaum noch eine Klasse, die nicht betroffen sei, sagte der GEW-Landesvorsitzende Thilo Hartmann am Montag der dpa in Wiesbaden. „Der Schwerpunkt des Infektionsgeschehens liegt dabei auf dem Rhein-Main-Gebiet.“ Nach dem Ende der Weihnachtsferien hatte in Hessen vor zwei Wochen wieder der Schulunterricht begonnen.

    Dessen ungeachtet wendet sich der Handelsverband Hessen gegen die 2-G-Regel. „Die hessische Landesregierung muss die unverhältnismäßige und geschäftsschädigende 2G-Regelung besser heute als morgen aufheben“, so Sven Rohde, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Hessen. Er verweist auf die Entwicklung in Bayern. Dort hat eine Händlerin erfolgreich gegen die Vorgabe geklagt. Rohde weist abermals darauf hin, dass der Einzelhandel sich seiner Verantwortung bewusst sei und dieser zu keiner Zeit als Pandemietreiber habe bezeichnet werden können.

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    Gesundheitsämter überlastet

    Täglich Tausende Neuinfektionen und vierstellige Sieben-Tage-Inzidenzen in Kreisen und Städten: Die Nachverfolgung möglicher Infektionsketten in der Corona-Pandemie belastet in hessischen Kommunen weiter die Gesundheitsämter. Obwohl auf Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin längst nicht mehr alle Kontakte nach einer nachgewiesenen Corona-Infektion verfolgt werden, können oder konnten Gesundheitsämter andere Aufgaben nur beschränkt wahrnehmen, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei mehreren Kreisen und kreisfreien Städten. „Die gesetzlichen Pflichtaufgaben des Gesundheitsamts sind kaum möglich“, heißt es zum Beispiel aus dem Kreis Hersfeld Rotenburg. In Kassel wurde von einer Reduzierung der regulären Aufgaben gesprochen und auch in Hessens größter Stadt Frankfurt gibt es Einschränkungen.

    „Aktuell können nicht alle Ursprungsaufgaben des Gesundheitsamtes Frankfurt im vollen Umfang wahrgenommen werden“, heißt es in der Main-Metropole zu den coronabedingten Einschränkungen. Auch die Stadt Offenbach meldete, dass Leistungen über einen längeren Zeitraum eingeschränkt werden mussten. Mittlerweile seien mit Personalverstärkungen die vorübergehend ausgesetzte Schuleingangsuntersuchung wieder aufgenommen worden.

    Während im ersten Jahr der Pandemie die lückenlose Aufklärung von Infektionsketten und die Nachverfolgung möglichst aller Corona-Kontakte als maßgebliches Instrument zur Eindämmung der Pandemie angesehen wurden, werden jetzt weitestgehend nur noch Kontakte bei besonders gefährdeten Gruppen verfolgt. Im ersten Pandemie-Jahr waren die Inzidenzen deutlich niedriger, mittlerweile sind sie in einigen Kommunen bereits vierstellig. „In der Tat konzentriert sich das Gesundheitsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg im Hinblick auf die hohe Zahl an Meldungen auf die gefährdeten Bereiche und Gruppen, diese sind Pflege, Kitas, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und so weiter“, teilte die Stadt Darmstadt mit. Die Strategie der vollständigen Kontaktnachverfolgung sei dem Schutz der besonders gefährdeten Gruppen gewichen.

    Was ist Corona? Erklärungen in leichter Sprache

    Quelle: FAZ.NET
    Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
    Thorsten Winter
    Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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    Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
    Marie Lisa Kehler
    Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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