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Mittelalterliche Gewänder

Zeitreise mit Nähnadel

Von Wolfgang Oelrich
Aktualisiert am 19.01.2020
 - 17:03
„Keine Billigstoffe aus China“: Wintermäntel Reichelsheimer Art zur Bildergalerie
Für Rollenspieler und Freunde opulenter Partykleidung: In Reichelsheim finden sie ihre Kleidung, in Sylvie Amends Gewandschneiderei.

Sylvie Amend lebt im Hier und Jetzt. Sie schaut auch gerne zurück und hilft anderen dabei, das ebenfalls zu tun. In ihrem Atelier „Die Gewandschneider von Avalon“ im Wetteraustädtchen Reichelsheim und auch online bietet die Siebenundvierzigjährige Mittelalter- und Fantasyfans alles, was deren Herz begehrt: Gewänder und Schuhe, Gürtel und Kopfbedeckungen, Schmuck und Schleier und Schwerter.

Wer den Ausstellungsraum betritt, dem verschlägt es erst einmal die Sprache. Die Verkaufsfläche ist 500 Quadratmeter groß, es sind zwei Etagen in einer 15 Meter hohen Scheune aus dem Jahr 1890, die Amend hat sanieren lassen. Nichts ist von der Stange, fast alles ist aus Holz gearbeitet, alles hat eine Geschichte. Der Sockel der zentralen, ausladenden, vier Meter hohen Treppe stammt von einer 1000 Jahre alten Eiche, die Stufen stammen von einer 300 Jahre alten Brücke aus Norddeutschland.

Inspiriert von „Game of Thrones“

Das eiserne Geländer hat ein Kunsthandwerker aus Polen geschmiedet. Ein abgestorbener Baum trägt die Decke des Anbaus am Westgiebel. Was Amend lapidar den Windfang nennt, ist ein zwölf Meter hoher, gut zwei Meter durchmessender, mit Bruchsteinen gemauerter Turm mit einem Kreuzgewölbe. „Der Architekt kam mit der Fülle von Ideen nicht immer mit“, sagt Amend lächelnd, sie sieht stolz aus dabei.

In die Scheune integriert, abgetrennt nur durch eine Glasscheibe, ist Amends Atelier. Hier fertigt sie, zusammen mit einer Angestellten, Kleider, wie sie früher einfache Mägde trugen, Leibhemden, wie sie die Ritter überstreiften, Gewänder, wie sie dem Adel im Hochmittelalter gefielen. Dafür sitzt sie auch mal bis 2 Uhr morgens an der Nähmaschine. Sie verarbeitet vor allem Leinen, feine Wolle, Brokat. „Billiges Zeug aus China, das vielleicht auch noch von Kindern produziert wird“, komme ihr nicht ins Haus, sagt sie.

Die Inspiration für die Gewänder findet Amend meist in alltäglichen Dingen, indem sie sieht, was aus ihnen werden könnte, manchmal auch in Serien und Filmen wie „Game of Thrones“ und „Der Herr der Ringe“. Ihre Kunden teilt sie in vier Hauptgruppen ein: zweite Hochzeit im Alter, „Reenacter“ (Leute, die versuchen, das Mittelalter authentisch nachzustellen), Live-Rollenspieler (meist Fantasy wie in „Herr der Ringe“ oder angelehnt ans Mittelalter) und „Steampunks“ (Untergruppe der Science-Fiction, ästhetisch inspiriert von den Dampfmaschinen des 19. Jahrhunderts). Mit Karnevalskostümen hat Amend nichts am Hut. „Ich will Menschen individuell gewanden, nicht kleiden. Und schon gar nicht verkleiden“, sagt sie.

„Das passt überhaupt nicht“

Das hört sich nach einer kostspieligen Angelegenheit an. „Mitnichten“, beteuert Amend. „Einsteiger können mit unter 200 Euro klarkommen. Die teuerste Einzelausstattung bisher kostete 2500 Euro. Normal sind bis 700 Euro. Ein Brautpaar muss in der Regel mit 1500 bis 3000 Euro rechnen. Für beide.“ Im Mittelalter seien Brautkleider übrigens traditionell grün gewesen, fügt sie hinzu. Bei der zweiten Hochzeit im Alter komme das gerade wieder in Mode. Dass die Braut weiß trage, gehe auf die englische Queen Elisabeth I. (1533 – 1603), die „jungfräuliche Königin“, zurück.

Die Zufriedenheit ihrer Kunden, die aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten stammen, hat für Amend Priorität. Zunächst macht sie sich ein Bild von ihrem Gegenüber, fragt nach seiner Geschichte und dem Charakter, den er oder sie darstellen will. Das lässt sie auf sich wirken – und tut dann ihre Meinung kund. „Ein Typ ,scheues Reh‘ wird sich als Herrscher mit pompösem Outfit nicht wohl in seiner Haut fühlen“, meint sie. Dabei sorgt ihre offene, direkte Art manchmal für Irritationen. Denn wenn es gar nicht anders geht, sagt sie zur Not auch: „Das passt überhaupt nicht. Das verkaufe ich Ihnen nicht.“ Das sei in den vergangenen 18 Jahren dreimal vorgekommen. In einem Fall sei die Kundin hinausgestürmt, aber nach zwei Wochen sei sie wiedergekommen, habe eingelenkt.

Bleibt lieber zu Hause

Zu Hause ist es für Amend am schönsten. Der Grund für diese Einstellung geht auf ihre Kindheit zurück. Ihr Ziehvater erschloss damals touristische Reisegebiete in Asien. Dabei nahm er die Familie mit. „Als Kind durch die ganze Welt gezerrt zu werden vermieste mir die Reiselust“, sagt sie rückblickend. Mit der Trennung der Eltern hatte das Reisen ein Ende. Damals war Sylvie Amend zwölf Jahre alt.

Zurück in ihrem Geburtsort Gießen, wollte die Jugendliche gerne Kimonos, die sie aus Japan kannte, tragen. Aber bei ihrer nun alleinerziehenden Mutter war das Geld stets knapp. Daher kaufte das Mädchen von ihrem Taschengeld ein paar Stoffe und nähte sich ihre Kimonos selbst.

Im Laufe der Jahre entwickelte Amend ein Faible für Mittelaltermärkte und wollte dort auch authentisch gewandet auftreten. Weil sie 1,80 Meter groß ist, sehr schlank mit einer schmalen Taille, passten Kleider von der Stange nie. Also nahm sie die Sache abermals selbst in die Hand und setzte sich an die Nähmaschine. Daraus entwickelte sich ein florierender Nebenerwerb.

Hauptberuflich hat Sylvie Amend bei einer Versicherung in Frankfurt gearbeitet. Als betriebliche Referentin war es ihre Aufgabe, Abläufe zu optimieren und Kalkulationen zu erstellen. Das dabei erworbene Basiswissen half im eigenen Unternehmen. Zunächst nahm sie freitags für die Gewandschneiderei frei, dann auch montags.

Mit 38 kürzer treten

In Laubach eröffnete sie vor 19 Jahren zunächst zu Hause ein kleines Atelier. Doch das sei nicht ideal gewesen, sagt sie, oft seien Kunden auch am Sonntagmorgen aufgetaucht, während sie mit ihrem Lebensgefährten gefrühstückt habe. Also eröffnete sie einen Laden in Gießen am Kirchenplatz. Zeitgleich trennte sie sich von ihrem Partner, weil der „ein Hausweibchen wollte, aber plötzlich eine Unternehmerin hatte“. Apropos Partner: Dreimal lief Sylvie Amend bisher vor der Hochzeit weg, weil sie „im letzten Moment“ gemerkt habe, „dass es nicht passt“.

Die Doppelbelastung aus dem Job bei der Versicherung in Frankfurt und dem wachsenden Nebenerwerb forderte irgendwann ihren Tribut. Mit 38, nach acht Jahren ohne einen freien Tag, brach Amend zusammen. Die Diagnose: Herzinfarkt. „Der Kardiologe, mit dem ich befreundet war, sagte, bei meinem Lebenswandel sei das unausweichlich gewesen. Er riet mir dringend, kürzer zu treten“, erzählt Amend. „Mir war gar nicht bewusst, dass ich mich übernehme.“

Amend konzentrierte sich auf die Schneiderei und suchte in ganz Deutschland nach einem Atelier und einem Ladenlokal. Nicht irgendein Gebäude sollte es sein, sondern eines mit Ausstrahlung und Charakter, das zum Thema Mittelalter passte. In Reichelsheim wurde sie fündig. Mit ihrem Lebensgefährten erwarb sie ein altes Hofgut mit Haus, Scheune und großem Garten, in dem früher Pferde gezüchtet wurden. In den Umbau der Scheune zu dem Atelier „Die Gewandschneider von Avalon“ steckte sie ihr gesamtes Geld. Der Name der Firma nimmt Bezug auf Marion Zimmer Bradleys Fantasy-Roman „Die Nebel von Avalon“, der die Sage von König Artus aus Sicht seiner Halbschwester Morgana erzählt.

Dem Rat ihres Arztes folgend, hat Amend die Öffnungszeiten ihres Betriebes stark beschränkt, sie verkauft und berät Kunden an zweieinhalb Tagen in der Woche. Täglich um 18 Uhr nimmt sie eine kleine Auszeit. Sicherheit und Geld seien ihr nicht so wichtig, sagt die Siebenundvierzigjährige. Das Glücklichsein an sich sei ihr Ziel. „Das Geschäft läuft so gut, dass ich davon unbeschwert leben kann“, sagt sie. Neulich erst habe sie sich wieder einmal gefragt, was ihr fehle, und sei zu dem Schluss gekommen: „eine Tüte Chips“. Mit anderen Worten: „Was will ich mehr? Ich lebe meinen Traum.“

Quelle: F.A.S.
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