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„Silicon Alley“ inklusive

Die Stadt der Jugend

Von Thorsten Winter
 - 12:00
Durchblick: Der Brandplatz, auf dem der Wochenmarkt stattfindet, fotografiert durch eine Skulptur des Künstlers Bernhard Jäger (Prototyp III, 2005) vor dem Alten Schloss Bild: Picture-Alliance

John Bryant kommt aus Kalifornien. Er kennt Ulm und München aus eigener Anschauung gut. Ebenso Valencia und das schicke Fürstentum Monaco. Überall dort hat er gearbeitet. Seit anderthalb Jahren geht der Basketball-Profi seinem Beruf in Gießen nach. Jener Stadt im Zentrum der Republik, die Lästermäuler angesichts des Mangels an einer heimeligen Altstadt gern als grau und provinziell bezeichnen. Und die überregional vor allem mit einer aus Beton gegossenen Fußgängerbrücke namens Elefantenklo verbunden wird. Ist diese oberhessische Stadt für einen polyglotten Mann wie den „Koloss aus Kalifornien“ denn nicht zu provinziell? „Nein, ganz und gar nicht“, lautet die glasklare Antwort des Centers der Gießen 46ers.

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Joybrato Mukherjee setzt noch einen drauf. „Gießen ist nicht Provinz, sondern Teil einer Metropolregion“, sagt der Präsident der örtlichen Justus-Liebig-Universität. Diese wachsende Stadt biete die Vorteile dieser Region ohne ihre Nachteile. „Gießen ist cool, ohne es zu wissen“, sagt der oberste Vertreter des mit 5600 Beschäftigten größten Arbeitgebers in der Stadt. So verwundert es nicht, wenn sein Anglisten-Kollege Ansgar Nünning meint, die Gießener hätten einen „Hang zur Selbstverzwergung“.

So mancher Ortskundige meint, daran sei Georg Büchner schuld. Der Autor und Revolutionär, einst Medizinstudent in der Stadt, bezeichnete Gießen als einen Ort der „hohen Mittelmäßigkeit“. Es sind noch weniger schmeichelhafte Worte von ihm überliefert. So etwas prägt das Image. Zumal nach Büchner ungezählte Generationen männlicher und weiblicher Studierender von Gießen zuerst den Durchgang von den Gleisen zum Bahnhof zu sehen bekommen haben - eine über Jahrzehnte abstoßende Wegstrecke.

Militär und Medizin

Dann war Gießen lange Zeit vor allem ein Militär-Standort - auch nicht jedermanns Sache. Doch seit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte und der Bundeswehr vor zwei Jahrzehnten wandelt sich die Stadt. Bisweilen sorgt sie dabei überregional für Aufsehen - so wie im Frühjahr 2006. Seinerzeit privatisierte das Land das zuvor fusionierte Uni-Klinikum Gießen und Marburg, ein in Deutschland bisher beispielloser Vorgang. Allein das Klinikum, das im Gegensatz zu seinem Pendants in Frankfurt und Mainz, profitabel ist, zählt in Gießen 5500 Beschäftigte.

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Wer mit offenen Augen durch die Stadt und ihre Randlagen geht, wer sich die dortigen Branchen ansieht, der merkt bald: Bei diesem Wandel spielen die sogenannten Lebenswissenschaften eine große Rolle. In Gestalt von Pascoe sitzt und produziert ein namhafter Vertreter der Naturmedizin-Hersteller ebenso an der Lahn wie eine Reihe von Diagnostik-Unternehmen. Im Süden der Stadt ziehen Arbeiter den Neubau für das Fraunhofer-Institut für Bioressourcen hoch. Darin sollen Wissenschaftler dereinst aus Bakterien, Pilzen und Insekten neue Wirkstoffe für Medizin, Pflanzenschutz und die Industrie entwickeln. Das passt gut zu dem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt der nach dem Chemiker Justus Liebig benannten Universität - und dem Umstand, dass in Gestalt der Trans-Mit GmbH in Gießen der größte deutsche Verwerter von Patenten sitzt, die an Hochschulen hierzulande erarbeitet worden sind.

Eine kleine „Silicon Alley“

Geht es nach Matthias Leder, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg, wird das Fraunhofer-Institut eine Art Brutstätte für Jungunternehmer und sogenannte Spin-offs hervorbringen, die für neue Arbeitsplätze sorgen und das städtische Wirtschaftsleben befruchten. Mittelbar daran beteiligt ist der Frankfurter Arzneimittelhersteller Sanofi Deutschland, der auf moderne Antibiotika hofft und für seine Zusammenarbeit mit Fraunhofer und dem Wirkstoff-Entwickler Evotec seine Naturstoff-Bibliothek geöffnet hat. Im Hinblick auf neue Technologien made in Gießen nicht zu vergessen ist die kleine, aber feine Riege an IT-Unternehmen an einer augenzwinkernd „Silicon Alley“ genannten Straße im schmucklosen Gewerbegebiet West.

Leder charakterisiert die Stadt mit drei Schlagworten: „Aufstrebend, jung und Stadt der Studenten.“ Das mag Ortsunkundige überraschen. Gelten als typische Studentenstädte doch gemeinhin Göttingen, Tübingen oder Heidelberg. Vielleicht noch Marburg, wegen der malerischen Altstadt und der lebhaften Kneipenszene. Gießen fällt dagegen den wenigsten ein. Doch die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache.

Jeder Zweite studiert

Auf fast 40000 Studierende kommen die Universität, die Technische Hochschule Mittelhessen und die Verwaltungsfachhochschule zusammen. Die kleine Theologische Hochschule nicht zu vergessen. Diese Zahl bedeutet: Fast jeder zweite der 87.000 Einwohner in der Stadt studiert. Ein solches Verhältnis gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Und: Gerade die Studierenden halten die Stadtbevölkerung jung. Mit einem Durchschnittsalter von 38,5 Jahren ist Gießen jünger als jede andere Stadt in Hessen.

Dass Gießen aufstrebend ist, zeigt das Bevölkerungswachstum. „Der Trend geht in die Städte - das gilt für Gießen in besonderem Maße“, meint Sabine Wilcken-Görich. Da sie für die Wirtschaftsförderung zuständig ist, könnte der Besucher ihren Spruch als PR-Geklingel abtun. Aber sie untermauert ihre Aussage mit Daten: In den vergangenen acht Jahren sind etwa 10.000 Männer, Frauen und Kinder hinzugekommen. Ein Plus von fast 13 Prozent im Vergleich zu 2011. In früheren Zeiten sei jede zweite Stellen in der Stadt mit Einpendlern besetzt gewesen - mittlerweile seien es fast drei Viertel. 34.300 Männer und Frauen kommen regelmäßig zum Arbeiten nach Gießen, sagt Wilcken-Görich. 15.200 Stadtbewohner fahren zum Broterwerb anderswo hin, etwa nach Frankfurt, Bad Homburg oder Wetzlar. Daraus ergibt sich ein Pendlerüberschuss von 19.000 Köpfen, Studierende inklusive.

Dieser Pendlerüberschuss wirkt sich angenehm auf die Kaufkraft am Ort aus. Die sogenannte Zentralität belief sich zuletzt auf gut 192 Prozent. Anders gesagt: In Gießen kommt doppelt so viel Kaufkraft zum Tragen wie die Einwohner selbst zur Verfügung haben. „Da gibt es nicht viele Kommunen, die das toppen“, weiß Stefan Hennemann, Wirtschaftsgeograph an der Justus-Liebig-Universität.

Innenstadt mit Kaufkraft

Von dieser Stärke profitiert auch und gerade der Einzelhandel. Die Shopping-Meile Seltersweg ist, gemessen an der Kundenfrequenz, die Nummer drei der Einkaufsstraßen in den deutschen Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Wer auf die dort vertretenen Läden blickt, sieht so etwas wie die Frankfurter Zeil im Kleinen. Bis auf einige Ausnahmen finden sich alle in der Großstadt vertretenen populären Marken dort wieder. Der Kundenliebling TK Maxx etwa war in der Stadt an der Lahn deutlich früher als am Main vertreten.

Dass Gießen viele Kunden anzieht, die eine Menge Geld in den Geschäften und Gaststätten lassen, hat auch mit einer zunächst umstrittenen Initiative von Einzelhändlern und Immobilienbesitzern zu tun: der Einführung sogenannter Business Improvement Districts in der Innenstadt nach kanadischem Vorbild, mit denen nach und nach bestimmten Lagen ein jeweils besonderes Profil gegeben worden ist. IHK-Hauptgeschäftsführer Leder nennt den Schuhhändler Heinz-Jörg Ebert und den damaligen Chef des Karstadt-Warenhauses, Wilfried Behrens, als treibende Kräfte hinter dieser Initiative, unterstützt von der IHK. Auf ihre gemeinsame Lobbyarbeit hin habe der Landtag 2005 das entsprechende Gesetz verabschiedet - und zwar einstimmig. Mittlerweile sieht Ebert, der über seine Heimat hinaus vernetzt ist, Gießen als eine der boomenden Städte Deutschlands an. Und freut sich, dass der Hang zur „Selbstverzwergung“ geringer wird.

Aber allein vom Handel lebt eine Stadt ganz sicherlich nicht. Denn gute Gewerbesteuerzahler sind Ladenbesitzer wegen der gemeinhin kleinen Gewinnspannen selten. So finden sich Einzelhändler in der Hitliste der Steuerzahler auch nicht oben wieder. Dort stehen vielmehr die Vertreter der Finanzbranche, allerdings anders als in Frankfurt inklusive Versicherungen und Makler, die gut zu tun haben. Von ihnen kommen 16 Prozent des Steueraufkommens, wie die Wirtschaftsförderin

Wilcken-Görich sagt. Allein die Volksbank Mittelhessen zählt als drittgrößtes Institut seiner Art in Deutschland am Stammsitz 1300 Beschäftigte, die Sparkasse Gießen immerhin 400. Knapp hinter der Finanzbranche folgen Metall- und Elektrofirmen. Unter den sechs besten Zahlern seien auch sechs Unternehmen aus der Baubranche einschließlich der Zulieferbetriebe.

Jahre der Krise

Diese Daten zeigen: In Gießen gibt es keinen ökonomisch prägenden Wirtschaftszweig. Nach Universität und Klinikum sowie Volksbank kommt, gemessen an der Größe der Belegschaft, lange nichts. Die nächstgrößeren Betriebe sind der Autozulieferer Tucker mit etwa 600 Mitarbeitern, der Präzisionswaagen-Hersteller Mettler Toledo mit 500 und der Autozulieferer Poppe mit 370. Der Maschinenbauer Heyligenstaedt, der Autohersteller beliefert, ist mit 230 Beschäftigten nur noch etwa ein Zehntel so groß wie in seinen Glanzzeiten vor mehr als drei Jahrzehnten.

Diesen Stellenabbau, den Niedergang der örtlichen Baukeramikindustrie und den Wegfall tausender ziviler Arbeitsplätze bei den amerikanischen Streitkräften hat die Stadt lange nicht verkraftet. Zumal Stellen schneller gestrichen worden sind als neue Arbeitsplätze aufgebaut werden konnten. So dauerte es eine Weile, bis sich das Attribut „aufstrebend“ auch im Aufbau sozialversicherungspflichtiger Stellen zeigte (siehe Grafik). Seit 2008 ging es dann aber um 14 Prozent auf gut 49.000 Jobs aufwärts. So gut die Zahl klingt, es fällt auf: Hessenweit sind sie im gleichen Zeitraum etwas stärker geklettert, um 18 Prozent. Woran liegt das?

Wirtschaftsgeograph Hennemann, der zum Arbeiten von Frankfurt an die Lahn fährt, hat dazu zwei Ideen. Grundsätzlich sieht er mittelgroße Hochschulstädte vor dem Problem, dass sie regelmäßig mehr junge Leute auf den Arbeitsmarkt entlassen als am Ort Arbeitsplätze vorhanden sind. Gießen etwa müsste jährlich 8000 zusätzliche Stellen bieten, eine utopische Zahl. Als Hochschul- und Garnisonstadt habe Gießen aber auch lange Zeit keine Notwendigkeit gehabt, andere Branchen zu entwickeln. Hinzu kam: Nach der Gebietsreform in den siebziger Jahren konnte die Stadt, anders als Marburg, nicht auf namhafte Flächen zurückgreifen, um Unternehmen anzusiedeln. Das änderte sich erst mit dem Abzug von Bundeswehr und Amerikanern.

Endlich mehr Platz

Die freiwerdenden Flächen haben der Stadt nicht nur den Bau dringend benötigter neuer Wohngebiete ermöglicht und Raum für Kulturinitiativen wie den Verein MuK gegeben, der alte Bunker nutzt. Der Großversender Otto hat die Stadt im vergangenen Jahr nur deshalb als Standort für ein neues Logistikzentrum ausgesucht; denn die gute Anbindung an die Autobahnen 5 und 45 hätte Gießen ohne diese Flächen im Osten der Stadt nichts genützt. So aber will Otto bis zu 1300 Stellen schaffen. Das wäre selbst für Frankfurt eine namhafte Zahl - für die Stadt an der Lahn gilt das umso mehr. Bürgermeister Peter Neidel (CDU) nennt die Großinvestition schlicht "überragend" für die Kommune. Otto hebt hervor: "In der Mitte Deutschlands gelegen, ist Gießen aus geographischer Sicht ein idealer Logistik-Standort." Dazu kann das Hamburger Unternehmen aus einem ordentlichen Reservoir an Arbeitskräften schöpfen. Die Arbeitslosigkeit gerade unter Männern und Frauen mit eher geringer Qualifikation ist weiter hoch; die Quote beträgt 7,5 Prozent.

Allerdings darf Gießen als Hochschul- und Dienstleistungsstandort nicht alleine gesehen werden - „das funktioniert nicht ohne Umland“, wie Jens Ihle meint, Geschäftsführer des Regionalmanagements Mittelhessen. Wenn der Chef des im benachbarten Lahn-Dill-Kreises ansässigen Schaltschrankbauers Rittal für eine dreistellige Millionensumme eine digitale Fabrik baue, dann strahle das genauso aus wie die schiere Präsenz des Milliarden-Konzerns Schunk aus der an Gießen grenzenden Gemeinde Heuchelheim. Sie ist auch Heimat einer der letzten verbliebenen deutschen Zigarrenmanufakturen. Das Stadttheater, ein Drei-Sparten-Haus, wird nicht nur aus der Stadt heraus gefüllt; dies gilt gerade im wirtschaftlichen Sinne. Land und Landkreis schießen zu.

Umgekehrt beherrscht der Magistrat von Gießen mittlerweile das Team-Spiel, wie Ihle sagt. Historisch bedingte Eifersüchteleien im Verhältnis zu Wetzlar und Marburg sind zunehmend in den Hintergrund getreten.

Auf der Wiese droht Konkurrenz

Doch trotz allen Team-Spiels mit den Nachbarn wissen die Gießener ihre Interessen gegen Angriffe aus dem Umland zu verteidigen. Schuhhändler Ebert gehört zu jenen, die sich gegen die Pläne für ein Factory Outlet nahe der A5 in Pohlheim , also gleich vor den Toren der Stadt, stark-machen. Auch Uni-Präsident Mukherjee sieht das Projekt sehr kritisch. Es könnte der Stadt Kraft rauben. Sollten viele, die bisher in deren Zentrum einkaufen und essen, künftig ihr Geld im Outlet lassen, würde Gießen leiden. Von „katastrophalen Folgen“ spricht Mukherjee gar. „Wie sollte ich hochqualifizierte Wissenschaftler an die Uni holen, wenn hier rundherum alles den Bach hinunterginge?“

Er hebt hervor, dass für den Versandhändler Otto neben anderen Faktoren auch die Hochschulen als Garanten für Fachkräfte wichtige Argumente für die Standortwahl gewesen seien. Schließlich gibt es an Universität und Technischer Hochschule für fast alles Experten, wie Mukherjee sagt. „Welche Stadt kann das schon von sich behaupten?“

Quelle: F.A.Z. Metropol
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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