Fossilienfundstätte

Grube Messel als Fenster in die Urzeit

Von Werner Breunig, Messel
13.12.2015
, 10:43
Suche: Ein Grabungsteam spaltet Schieferplatten in der Grube Messel.
Die Grube Messel hatte noch Anfang der neunziger Jahre zu einer Mülldeponie werden sollen. Vor 20 Jahren wurde sie auf die Liste der Natur-Welterbestätten gesetzt - als erste in Deutschland.

Vom Abfallproblem redet niemand mehr. Die Grube Messel hatte noch Anfang der neunziger Jahre zu einer Mülldeponie werden sollen, doch dazu kam es nicht, stattdessen ist die Grube mit ihrem Durchmesser von rund 800 Metern und einer Tiefe von 65 Metern inzwischen Unesco-Weltnaturerbe, und das seit genau 20 Jahren. Gerichte hatten damals die Planungen als unvollständig erachtet, Nachrüsten wäre zu teuer geworden, zum Müllnotstand kam es trotzdem nicht.

Und die Fossilienfundstätte wurde nicht zugeschüttet mit Hausmüll, sie blieb der Forschung erhalten. Bekannt war, dass schon im 19. Jahrhundert, als Öl aus dem Ölschiefer gewonnen wurde, immer wieder Fossilien auftauchten, darunter Krokodile. Als die Mülldeponie drohte, herrschte Goldgräberstimmung. Es ging darum zu retten, was zu retten war. Zwar war die Grube seit 1974 für Amateure gesperrt worden, aber mancher Fund gelangte doch nach draußen. Rund 20 Männer hatten sich damals in dieser sogenannten Goldgräberzeit ihre Claims eingeteilt. So gelangte auch der Fund eines Amateur-Schürfers nach draußen und sollte vor wenigen Jahren zu einer Sensation werden: „Ida“ sorgte für eine gigantische Resonanz, handelte es sich dabei doch um einen gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen mit menschentypischen Merkmalen. Er war, weil zu teuer auf dem Markt, dann ins Ausland gelangt.

Rekonstruktion einer Zeit, als Europa noch in den Tropen lag

Deutschlands erste Natur-Welterbestätte hat neben „Ida“ weitere spektakuläre Funde zu bieten: Urpferdchen, Krokodile und vor allem Säugetiere. Fossilien, deren Skelett erhalten ist, Tiere, deren Mageninhalt untersucht wird – all das erlaubt Rückschlüsse über das Leben, die Nahrungskette, die Ernährungsweise, die Fortbewegung vor 48 Millionen Jahren. 35.000 Pflanzen, 16.000 Insekten und 6000 Wirbeltiere wurden registriert. Vieles lässt sich aus einer Zeit rekonstruieren, als Europa noch in den Tropen lag.

Der Antrag, die Grube mit den in Ölschiefer eingebetteten Fossilien zum „Welterbe der Menschheit“ zu machen, diente in den neunziger Jahren auch als Rückversicherung gegen die Müllverfüllung. Heute geht es in der Grube ruhiger zu. Das Land kaufte sie 1992, betrieben wird sie von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt, bei der Erforschung hilft das Hessische Landesmuseum in Darmstadt. Beide Institutionen graben im Sommerhalbjahr mit Teams. In Darmstadt, in Frankfurt und in der Senckenberg-Außenstelle nahe der Grube werden die Funde präpariert. Senckenberg hat dort ein Nasslabor, ein Röntgenlabor, die Sammlung der Messel-Insekten, Büroräume, aber auch Schlafräume für studentische Praktikanten. Auch die Ausstellung der Funde, oft Originale, meist aber Abgüsse, ist geregelt: im nahen Messel im Museum des Heimat- und Fossilienvereins, im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt und im Senckenbergmuseum in Frankfurt.

Nur mäßige Besucherzahlen

Vor 20 Jahren, am Tag der Entscheidung des Welterbe-Komitees, die Grube als „Messel Pit Fossile Site“ in die Liste aufzunehmen, war die Rede vom „Fenster in die Urzeit“. Der wissenschaftliche Wert wird seitdem weltweit anerkannt, und die Widersacher der Mülldeponie erlebten einen seltenen Triumph.

Mehr als eine abgesperrte Grube gab es anfangs nicht zu sehen, immerhin wurde Ende der neunziger Jahre eine Aussichtsplattform gebaut, von der aus man einen Blick in das „große Loch“, wie es despektierlich hieß, werfen konnte. Besucher fanden sonst nichts: keinen Kiosk, keine Toilette, keine Informationen. Doch im Laufe der Jahre nahm sich das Land Hessen seiner Welterbestätte an: 2010 war das Besucherzentrum vollendet, das in seiner Architektur die Ölschieferschichten zitierte. Es präsentiert vor allem die Geschichte des Ölschieferabbaus, informiert über die Entstehung der Fossilien. Nach einem Vulkanausbruch füllte sich der Krater mit Wasser, wurde für viele Tiere zu einer tödlichen Falle, weil giftige Gase sie lähmten. Die Kadaver sanken in eine sauerstofffreie Tiefe, wurden mit Sediment bedeckt und versteinerten. Was hineinfiel, verweste nicht.

Das Besucherzentrum hat den Nachteil, dass es abseits der großen Städte liegt. 41.000 Besucher zählte es im vergangenen Jahr. Viele Versuche, durch Kooperationen mit Touristikverbänden, mit Busunternehmen, mit anderen Städten die Besucherströme zu erhöhen, zeigten bisher wenig Erfolg. Am Rande des Odenwaldes findet der Tourismus nicht viele Ziele, und die Zahl der Menschen, die nur dem Welterbestatus zuliebe die Anreise auf sich nehmen, ist überschaubar.

Quelle: F.A.Z.
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