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Festival „Starke Stücke“

Theater im Lastkraftwagen

Von Eva-Maria Magel
 - 19:34
Geschichtenerzähler: Meital Raz und Keren Dembinsky aus Tel Aviv.

Werden uns irgendwann Roboter Theater vorspielen? Die französische Performance „Artefact“ für einen Fertigungsroboter, zwei Hologramme und viele Computer zeigt uns schon einmal die Zukunft des Theaters. Aber solange echte Menschen beim Anblick eines Schädels und eines Miniaturgrabsteins sofort wissen, dass es nur „Hamlet“ sein kann, was da, nun ja, interpretiert wird, muss einem noch nicht bange sein.

Auch wenn das Théâtre Nouvelle Génération aus Lyon sich eine Aufgabe gestellt hat, die vor allem technikaffine Jugendliche ansprechen dürfte: Künstliche Intelligenz spekuliert darüber, wie von Bots erstellte Stücke wirken könnten. Extrem beruhigend, um das wenigste zu sagen. Bevor sie aussterben, werden die Zuschauer da eher einschlafen – aber über „sterben, schlafen“ hat ja schließlich schon Hamlet sinniert. Eine interessante Erfahrung war „Artefact“ allemal, mit dem das Theaterfestival „Starke Stücke“ für junges Publikum zu seinem fünfundzwanzigjährigen Bestehen das Frankfurter Zoo-Gesellschaftshaus an vier Tagen in Folge bespielt hat.

Spiele mit Steinen, ein Bär, der gar nicht da war, ein altes Märchen wie „Das hässliche Entlein“ neu erzählt: So geht „Starke Stücke“ in der ganzen Region in die zweite Halbzeit und gibt reichlich Anregung, was auch hierzulande gehen könnte im Theater für alle von drei, vier, acht, zwölf Jahren. Vor allem, dass es wirklich zusammengeht, verschiedene Altersgruppen mit derselben Kunst zu beschäftigen.

Mit sehr viel anspielungsreichem Witz

Hybride Formen aus Straßentheater, Tanz, Musik, Figuren, moderner Technik sind in diesem Jahr besonders häufig zu finden. Da ist „Of course a horse“, zwei winzige Einakter aus Israel, noch herrlich retro. Mit Kurbelbildern, kleinen Tricks und sehr viel anspielungsreichem Witz erzählen die beiden jungen Performerinnen Meital Raz und Keren Dembinsky darin erst die Geschichte einer absonderlichen Zugfahrt und dann die noch krausere Geschichte der beiden Zwerge Dumma und Dummi, die einen Tiger mit einem Riesen-Pups verjagen. Wo die Erwachsenen sich an der Bollywood-Persiflage ergötzen, kichern die Kinder über den Tiger.

Auch „Pakman“, eine phantastische Jonglage-Performance, die mit ihrem umgebauten Lastwagen, in denen das Publikum auf Kartons Platz nimmt, noch bis Sonntag durch Frankfurter Stadtteile tingelt, beweist, dass in denselben nur 30 Minuten Kinder und Erwachsene Unterschiedliches finden. Die Großen sehen amüsiert-betroffen ihren eigenen stressigen Arbeitsalltag in theatral verfremdeter Form. Und Stijn Grupping jongliert zu Frederik Meulyzers Percussion so unglaublich gut, dass es einen nicht wundert, wenn Kinder, wie ein kleiner Junge in Niederrad, zur zweiten Vorstellung noch mal wiederkommen – weil es so „cool“ war.

Post uit Hessdalen heißt die „Pakman“-Truppe, nach einem norwegischen Ort, in dem seltsame Lichtphänomene Ufo-Anhänger anlocken. Das passt prima zu „Starke Stücke“, denn Norwegen, dieses Jahr Buchmesse-Ehrengast, bildet mit drei Stücken auch einen Schwerpunkt des Theaterfestivals. Und vielleicht ist jemand so klug und lässt das ebenso „coole“ Panta Rei Danseteater aus Oslo im Herbst noch mal wiederkommen. Denn die drei phantastischen Tänzer-Performer Nora Martine Svenning, Jens Jeffry Trinidad und Jon Filip Fahlstrøm mit dem Live-Musiker und DJ Marcus Amadeus alias Improvisivel lösen ein, was der Titel ihres Stücks verspricht: „Make me dance“.

Wenn man sich auf das Leben einlässt

Auch wenn die unwilligste, von den Lehrkräften ins Theater geschleppte Teenager-Klasse an einem trüben Alltagsvormittag erst mal so gar keine Lust hat. Am Ende zucken sie alle, die einen mehr, die anderen weniger. Das würde man doch gern noch ein paar Klassen mehr wünschen. Vor allem, weil der Rest dessen, was die drei Tänzer in „Make me dance“ vermitteln, so ungeheuer wichtig ist. Sie erzählen, was geschehen kann, wenn man sich auf das Leben einlässt. Dass es Möglichkeiten gibt, sich selbst zum Werden zu bringen. Selbst wenn der Start gar nicht gut ausgesehen hat.

Svenning, Trinidad und Fahlstrøm mixen ihre an Street Dance orientierten, von Improvisivel live orchestrierten Tanzpassagen mit autobiographischen Monologen. Berichten, was Tanzen ihnen bedeutet, wie sie entdeckt haben, dass sie Tänzer werden wollen, welche Hindernisse es gab. Das alles in unentwegter Bewegung, bis das Publikum, einige wenige harte Knochen ausgenommen, auch ganz nonchalant bewegt wird – im besten Fall auch in der Seele. Für Publikum von zwölf Jahren an ist „Make me dance“ jetzt noch in Darmstadt zu sehen – das Festival „Starke Stücke“ läuft noch bis 1. April.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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