Hessen gegen Plastikscheiben

Streit um durchsichtige Visiere als Corona-Schutz

Von Petra Kirchhoff
Aktualisiert am 06.05.2020
 - 09:02
Nahezu unsichtbar: Gesichtsschild auf dem Kopf einer Schaufensterpuppe in Frankfurt
Warum soll ein Stofflappen vor der Verbreitung von Corona-Viren schützen, aber eine gebogene Plastikscheibe nicht? Hersteller von Visieren verstehen das Veto des Landes Hessen nicht.

Die Entscheidung des Landes Hessen, durchsichtige Gesichtsvisiere aus Kunststoff nicht als Mund- und Nasen-Bedeckung im Geschäft und in der U-Bahn zu akzeptieren, stößt bei Herstellern dieser Masken auf Unverständnis. Thomas Pfaff, Geschäftsführer des Verpackungsunternehmens Seufert aus Rodgau, das bereits eine Million der biegbaren Plastikscheiben verkauft hat, kann, wie er sagt, die Logik nicht nachvollziehen, nach der ein „einfacher Stofflappen“ andere Personen vor Corona-Viren schützen solle, nicht aber eine Scheibe aus Kunststoff. Bei einem Visier schwebt eine transparente Scheibe, die an einem Band um den Kopf fixiert ist, vor Augen, Nase und Mund.

In einem Schreiben fordert Pfaff die Landespolitik auf, ihre Entscheidung zu überdenken. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein seien Gesichtsschilder als Alltagsmasken akzeptiert. „Anerkannte Virologen“ hielten die Visiere für schützend, argumentiert der Unternehmer und bittet das zuständige Sozialministerium um „eine gerechte, konstruktive und sachliche Einschätzung“.

Keine „gleichwertige Alternative“

Das Land Hessen begründet die Ablehnung damit, die Visiere seien unten und seitlich so weit geöffnet, dass Tröpfchen und Aerosole, also die ganz feinen Tröpfchen, nur abgelenkt, aber nicht zurückgehalten würden. Rückendeckung kommt vom Robert-Koch-Institut. Dort heißt es, Visiere könnten in der Regel maximal die direkt auf der Scheibe auftretenden Tröpfchen auffangen. Sie könnten daher nicht „als gleichwertige Alternative“ zur Mund-Nasen-Bedeckung angesehen werden. Das Institut geht dabei von einer vorschriftsmäßigen Maske aus einem fest gewebtem Stoff aus, die Mund und Nase dicht abschließt.

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Der Virologe Alexander Kekulé hatte die Visiere zuletzt als „genauso gut“ wie Stoffmasken bezeichnet. Zwar könnten sich die Aerosole, etwa wenn eine Person sehr lange an einem Platz sitze, trotzdem in der Luft verteilen, aber die ganz feinen Tröpfchen spielten bei der Infektion keine große Rolle. Dagegen könne es sein, dass sich bei einem Mundschutz, der längere Zeit getragen und feucht werde, eigene Vieren sammelten. Ein Mundschutz müsse daher immer trocken sein.

Handelsverband favorisiert Visiere im Verkauf

Nicht nur Seufert, auch die Arno Arnold GmbH in Obertshausen und die Norma Group in Maintal haben die Produktion auf Plastikschilde umgestellt, die sie an Kliniken und andere Einrichtungen liefern, aber auch über den Einzelhandel an Endverbraucher verkaufen. Die Nachfrage sei sehr hoch, heißt es. Auf der Straße sind die Visiere bisher allerdings nur selten zu sehen. Ärzte und Krankenpfleger tragen die Schilde in der Regel zusammen mit einem Mundschutz.

Bei Verbrauchern kommen die Visiere deshalb gut an, weil sie hinter der Scheibe besser sprechen und atmen können. Aus diesem Grund hatte auch der Handelsverband Hessen auf die Erlaubnis der Visiere für Mitarbeiter im Verkauf gehofft. Verkäufer, die nicht geschützt hinter der Kasse sitzen, müssen bei der Arbeit ebenfalls einen Mundschutz tragen, oft über mehrere Stunden.

Quelle: FAZ.NET
Petra Kirchhoff - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Petra Kirchhoff
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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