Training mit Raubvögeln

Landung auf dem Lederhandschuh

Von Wolfgang Oelrich
31.08.2018
, 12:39
Aug’ in Aug’: Falkner Walter Reinhart und ein aus Südamerika stammender Harpyie-Adler mustern sich.
Seit 15 Jahren betreibt Walter Reinhart auf der Ronneburg eine Falknerei. Hin und wieder kostet ihn das ein T-Shirt. Auf die richtige Kommunikation kommt es an.
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Ronneburg. Blitzschnell rauscht Maja heran. Die Zuschauer am Fuß der Außenmauer der Ronneburg mit Blick bis zu Spessart, Odenwald, Taunus und Vogelsberg halten den Atem an. Maja ist offensichtlich etwas zu schnell, denn Falkner Walter Reinhart duckt sich hastig und reckt die mit einem Lederhandschuh bewehrte Faust hoch. Der Blaubussard landet spektakulär.

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Mit einer Größe von etwa 70 Zentimetern und einer Flügelspannweite von 1,70 Metern ist der an der Oberseite dunkelgrau bis bläulich gefiederte Greifvogel, auch Kordillerenadler genannt, eine majestätische Erscheinung. Auf Reinharts Faust sitzend guckt er grimmig in die Runde. „Keine Angst. Maja ist ganz lieb“, sagt der Fünfundfünfzigjährige und streicht ihr mit dem gekrümmten Zeigefinger sachte über den Schnabel.

Nach der Vorführung stellt der Falkner fest, dass sein T-Shirt am Oberarm aufgerissen ist. „Da hat sie mich wieder im Anflug mit einer Klaue erwischt. Das macht sie mit Absicht“, schimpft er. „Das ist ihre Art zu spielen.“ Die Haut ist aber unverletzt geblieben. Majas Flug ist ein Muster an Präzision.

Verwirklichung eines Kindheitstraums

Mit seiner Falknerei auf der Ronneburg, die er seit 15 Jahren betreibt, hat Walter Reinhart einen Kindheitstraum verwirklicht. Im Alter von zwölf Jahren radelte er im heimatlichen Unterfranken oft anderthalb Stunden zu einem Falkner, der ihn unter seine Fittiche nahm. Die Leidenschaft für die Tiere ließ ihn nicht mehr los.

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Etwa 20 Raubvögel hält Reinhart auf der Ronneburg im Main-Kinzig-Kreis. Hinzu kommt eine Auffangstation im benachbarten Callbach. Dort werden verletzte, verwaiste und orientierungslose Tiere abgegeben, gepäppelt und nach der Genesung wieder ausgewildert. Abgesehen von ein paar kleinen Spenden, trägt der Falkner die Kosten „zu 95 Prozent selbst“.

In Marktheidenfeld im Spessart zwischen Aschaffenburg und Würzburg hat Reinhart eine Zuchtstation gebaut. Arabische Scheichs gehören nicht zu seinen Kunden. Ob er das bedauern soll, weiß er selbst nicht so genau. „Reich werden kann man mit der Falknerei in Deutschland auf jeden Fall nicht“, sagt der Mann, der früher als Goldschmied gearbeitet hat. Die Entscheidung, vor 20 Jahren sein Hobby zum Beruf zu machen, hat er dennoch nicht bereut. „Das ist ein Fulltimejob. Schon die Falknerprüfung, der Jagdschein ist dafür Voraussetzung, ist eine Entscheidung fürs Leben.“

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Viel Kommunikation mit den Vögeln

Wenn Walter Reinhart auf dem Weg zu seinem Flugplatz an den Gehegen vorbeigeht, begrüßen ihn viele Schützlinge lautstark. „Lanen“ heißt das im Fachjargon. „Vögel, die ich selbst aufgezogen habe, sitzen nicht apathisch auf der Stange herum, sondern kommunizieren und legen ein vielfältiges Sozialverhalten an den Tag“, erläutert Reinhart. „Ihre Laute sind Begrüßung, manchmal auch die Aufforderung, dass ich mich mit ihnen beschäftigen soll. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit und einen eigenen Namen. Weibliche Greifvögel sind immer größer als männliche.“ Der weiße Gerfalke Rosalie ist eine wahre Schönheit.

Den Menschen ein Verständnis für die Natur zu vermitteln ist Reinhart ein besonderes Anliegen. Manchmal steht er vor 60 Kindern aus der Stadt. Auf die Frage nach dem deutschen Wappentier, dem Adler, schlägt ihm in der Regel Schweigen entgegen. Das größte Säugetier im Spessart? „Giraffe!“ – „Die meisten Kinder wissen heutzutage nichts über die Natur.“

„Falken bauen keine Nester, sondern nutzen die verlassenen anderer Vögel, zum Beispiel von Krähen“, sagt der Falkner vor den Schülern dann. Und er erklärt ihnen auch, dass Adler bis zu 45 Jahre alt werden können, während es bei Großfalken 20 Jahre und bei kleineren Falkenarten in der freien Natur fünf bis sechs Jahre sind, in Gefangenschaft sogar zehn Jahre. Der größte natürliche Feind der kleinen Greifvögel ist der Uhu mit einer Spannweite von bis zu 1,70 Metern.

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Schlechte Zeiten für die Schleiereule

Um die Schleiereule, früher der häufigste heimische Raubvogel, steht es sehr schlecht, wie Reinhart sagt. Als Kulturfolger nistet die Eule am liebsten in Scheunen. Wegen der gravierenden Veränderungen in der Landwirtschaft haben die Tiere aber heutzutage kaum noch Nistmöglichkeiten – und finden kaum noch Beute. Ähnlich sieht es für kleine Eulen und Steinkäuze aus. Um dem Artenschwund mit einfachen Mitteln zu begegnen, empfiehlt der Falkner, Ackerrandstreifen stehen zu lassen und Streuobstwiesen anzulegen und zu pflegen.

Dass rund um die Ronneburg etliche Windkraftanlagen gebaut werden durften, versteht Reinhart nicht. „Im Umkreis von drei Kilometern gibt es 20 Rotmilanpaare. Außerdem sind in der Gegend Schwarzmilane, Wespenbussarde, Uhus und Baumfalken anzutreffen. Für all diese Vögel sind die sich drehenden Windräder eine potentiell tödliche Gefahr“, kritisiert der Naturschützer.

Reinharts zweites Standbein ist von September bis Februar die Jagd mit den Greifvögeln. Gebucht wird er zum Beispiel bei Kaninchen- und Nilgansplagen in dicht bevölkerten Gebieten wie Parks, in denen keine Schusswaffen eingesetzt werden dürfen. Für jede Beuteart muss der Fachmann den richtigen Raubvogel auswählen. Meist setzt er speziell abgerichtete Habichte und Falken ein. Die sind auch ziemlich schnell.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter https://falknerei-ronneburg.de.

Quelle: F.A.Z.
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