Sprunghaft neue Corona-Fälle

Hessen verlängert Maskenpflicht und verschärft Bußgeldregeln

Von Thorsten Winter
Aktualisiert am 13.08.2020
 - 15:31
Wartestand: Die Marburger Virologen hoffen weiter auf die Erlaubnis, ihren Impfstoff-Kandidaten an Menschen zu testen
In Hessen sind mittlerweile mehr als 13.000 Infektionen verzeichnet worden. Der jüngste sprunghafte Anstieg sticht im Bundesvergleich heraus. Das Land verlängert nun die Maskenpflicht und verschärft die Bußgeldregeln.

Die Hoffnung auf eine wieder abflachende Corona-Kurve in Hessen dürfte fürs Erste dahin sein. Denn nach drei Tagen mit nur zweistelligen Neuinfektionen haben die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut (RKI) 132 neue bestätigte Covid-19-Fälle gemeldet. Das ist der dritthöchste Wert seit vergangenen Freitag, als die meisten Neuinfektionen seit Mitte April verzeichnet worden waren. Seit Beginn der Pandemie summieren sich die bestätigten Infektionen auf 13.008. Das Land reagiert nun mit einer Verlängerung der Maskenpflicht und erhöht die Bußgelder für Maskenverweigerer. Andererseits will es Weihnachtsmärkte ermöglichen. Erleichterung gibt es für Eltern von erkälteten Schülern mit Kindergartenkindern.

Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat derweil den vom Land geplanten Präsenzunterricht erlaubt. Eine Klage einer Frankfurter Schülerin dagegen wies das Kasseler Gericht ab, wie es mitteilt. Der Eilantrag sei unzulässig. Der Klägerin fehle es schon am erforderlichen Rechtsschutzinteresse. Das Gericht weist zudem darauf hin, die für den öffentlichen Raum erlassene Pflicht zum Mund- und Nasenschutz gelte ohnehin nicht in Klassenräumen, das gelte auch für den sonst üblichen Mindestabstand von anderthalb Metern zum Nachbarn. Die Schülerin hatte sich gegen einen Unterricht ohne den Mindestabstand gewandt.

Der neue sprunghafte Anstieg, zum Vortag war noch von 61 neuen Fällen die Rede, sticht heraus. Entspricht er doch gut neun Prozent der für ganz Deutschland gemeldeten Neuinfektionen. Hessen kommt aber nur auf einen Bevölkerungsanteil von knapp acht Prozent. Das Plus ist also überproportional.

Bußgeld schon ohne Ermahnung

Hessen verlängert angesichts dessen alle derzeit geltenden Einschränkungen wegen der Pandemie. Dazu zählen etwa eine Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr oder Beschränkungen für Veranstaltungen mit größeren Teilnehmerzahlen. „Die Pandemie ist noch nicht vorbei“, warnte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) laut dpa in Wiesbaden. Veranstaltungen mit bis zu 250 Menschen seien weiterhin ohne besondere Genehmigung durch die Behörden erlaubt, sofern es ein Hygienekonzept gebe.

Nach Angaben von Sozial-Staatssekretärin Anne Janz sollen Kindergarten- und Schulkinder mit einem Schnupfen künftig in Hessen nicht mehr sofort nach Hause geschickt werden. Das sei nur noch bei für Covid-19 typischen Symptomen wie Fieber, trockenem Husten oder allgemeiner Abgeschlagenheit notwendig.

Wer im öffentlichen Nahverkehr keine Bedeckung für Mund und Nase trägt, müsse künftig sofort 50 Euro Bußgeld bezahlen, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nach Angaben der dpa. Bisher wird zuerst einmal ermahnt, wer in Bus, Bahn oder Bahnhof ohne Maske erwischt wird. Weihnachtsmärkte soll es laut Bouffier unter Auflagen geben. So müsse die Gastronomie von anderen Ständen getrennt werden. Einzelne Kinderkarussells dürften fahren.

Marburger Virologen im Wartestand

Der neueste Anstieg verteilt sich ausweislich des aktuellen Corona-Bulletins des Landes quer über Hessen. Niedrige zweistellige Zuwächse verzeichnen etwa die Bergstraße, Frankfurt und Offenbach. Dagegen sind im Rheingau-Taunus-Kreis, der zuvor deutlich mehr neue Fälle beklagt und einen Mangel an Teststellen bemängelt hatte, nur zwei weitere Fälle bekannt geworden.

Widersprüchlich sind die Daten zum Main-Taunus. Während der Kreis zuletzt von 485 Infektionen seit März gesprochen hat, ist bei RKI und Land nur noch 461 die Rede. Das hat Folgen für die Sieben-Tage-Inzidenz, also die neuen Fälle unter 100.000 Einwohnern binnen Wochenfrist. Das Bulletin weist für den MTK eine 12 aus, der Kreis für sich selbst eine 17. Insgesamt stehen für zehn Großstädte und Landkreise zweistellige Inzidenz-Werte zu Buche, die aber allesamt weit unter der kritische Marke von 50 liegen. Sollte sie erreicht werden, könnten die Behörden regional diverse Lockerungen zurücknehmen.

Aus dem für die Seuchenbekämpfung federführenden RKI kommt aber auch eine erfreuliche Nachricht. Die Zahl der Corona-Opfer hat sich offiziell nicht weiter erhöht. 526 Todesfälle stehen in Verbindung mit der Pandemie demnach zu Buche. Auf der anderen Seite stagniert aber auch die Gruppe der als genesen geltenden Patienten. Das Bundesinstitut spricht von 11.500. Auf ein Corona-Opfer kommen weiterhin rechnerisch fast 22 Genesene; das ist ein hoher Wert.

Derweil wartet das Virologen-Team der Universität Marburg weiter auf die Erlaubnis des Paul-Ehrlich-Instituts für klinische Tests ihres Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19. Dies teilte eine Sprecherin der F.A.Z. mit. Die Spezialisten hatten schon im Mai mitgeteilt, aus ihrer Sicht könnten die Tests an Menschen im September beginnen.

Eines ist mit Blick auf die Gesamtlage noch zu bedenken: Wie das RKI der F.A.Z. weiter mitteilte, erhebt es Daten zur Zahl der Genesenen nicht offiziell. Die Erhebung sei auch nicht gesetzlich vorgesehen. „Allerdings kann man zumindest bei den Fällen, bei denen die meisten Angaben ermittelt wurden, die keine schweren Symptome hatten und die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, davon ausgehen, dass sie spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind“, heißt es in Berlin. Das RKI schätze die Zahl der Genesenen.

Das Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. Bis vor einigen Tagen berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

DRK-Testzentrum am Flughafen: Ergebnis binnen 24 Stunden

Im Corona-Testzentrum des Deutschen Roten Kreuzes am Frankfurter Flughafen sind bislang keine Probleme mit Verzögerungen bei der Übermittlung von Testergebnissen wie in Bayern aufgetreten. „Innerhalb von 24 Stunden hat man auf jeden Fall ein Ergebnis“, sagte der Leiter des DRK-Testzentrums, Benedikt Hart, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Von Anfang an habe man mit Centogene, dem anderen Anbieter von Covid-19-Tests am Frankfurter Flughafen, auf ein elektronisches System gesetzt, das für die entsprechenden Kapazitäten ausgelegt sei.

Nach Angaben der hessischen Sozialstaatssekretärin Anne Janz (Grüne) fallen bisher am Flughafen etwa 1,5 bis 2 Prozent der Tests positiv aus. Hauptsächlich handele es sich um Reisende, die aus der Türkei und dem Kosovo zurückkehrten, sagte Janz am Donnerstag.

Hart zufolge wurden seit Beginn der Testpflicht am 8. August rund 8000 Menschen in dem DRK-Testzentrum auf das Coronavirus Sars-CoV-2 untersucht. Das dort genutzte System habe den Vorteil, dass sich Probanden nur einmal mit ihrer E-Mail-Adresse registrieren müssten. Mögliche Tippfehler bei der Eingabe der Adresse fielen sofort auf, weil die Probanden eine Mail zur Bestätigung ihrer Adresse erhalten.

Viele Menschen, die mit Flugzeugen aus Risikogebieten einreisen, nutzen laut Hart die Gelegenheit, sich direkt am Flughafen testen zu lassen. Dabei komme es kaum zu Wartezeiten. Die Stimmung der Probanden sei gut, viele seien dankbar für die Testmöglichkeit noch am Ort. (dpa)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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