In Hochschule und Wirtschaft

Hessen will an die Spitze der KI-Forschung

Von Inga Janović, Darmstadt
31.08.2020
, 18:36
Ein neues Zentrum für Künstliche Intelligenz in Hessen soll Forschung, Lehre und Einsatz in der Wirtschaft vorantreiben. 38 Millionen Euro stehen als Anschubfinanzierung zur Verfügung.

An Hessen führt kein Weg vorbei – dieser Slogan soll nun auch für die Erforschung und Anwendung Künstlicher Intelligenz gelten. Dafür bündelt das Land seine Kräfte in einem Zentrum für Künstliche Intelligenz, das in einigen Jahren mit 42 Professuren, verteilt auf 13 hessische Hochschulen, ausgestattet sein soll. 20 Professoren sind bereits als Gründungsmitglieder dabei, weitere 22 sollen in den nächsten fünf Jahren folgen. 38 Millionen Euro stehen bis 2024 als Anschubfinanzierung bereit; die Hoffnung, dass noch Drittmittel vom Bund und aus der Wirtschaft hinzukommen, ist groß.

Schon den Gründungsakt am Montag und den Weg bis dorthin sehen die Beteiligten als Durchbruch. Denn außer den 13 Hochschulen sind an der Erarbeitung des Konzepts auch die drei Ministerien für Kultus, Digitales und Wirtschaft beteiligt, zudem haben 40 Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihr Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. So viel Kooperation gebe es in der gesamten Republik kein zweites Mal, versicherten alle Beteiligten. „Dank seiner Alleinstellungsmerkmale kann das Zentrum, wie auch eine unabhängige Gutachterkommission ihm bescheinigt, eine hohe internationale Sichtbarkeit und Leuchtturmfunktion erlangen, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht“, gab Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Die Grünen) die Vorschusslorbeeren weiter.

„Wir bündeln die gesamte Exzellenz unserer KI-Forschung“, bestätigte Tanja Brühl, Präsidentin der TU Darmstadt. So solle der Transfer der neuen Technologien in die Wirtschaft beschleunigt werden. Da neben den fünf Universitäten und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften auch Einrichtungen wie die Hochschule für Gestaltung in Offenbach, die auf Weinbau spezialisierte Hochschule Geisenheim und die Frankfurt School of Finance and Management dabei sind, werden in Forschung und Entwicklung künftig auch Fachbereiche einbezogen, mit denen die Informatiker bislang wenig Kontakt hatten.

Die Ziele sind bereits klar

„Endlich darf ich als Informatiker auch mit anderen Disziplinen reden“, freute sich denn auch Kristian Kersting, Professor an der TU Darmstadt und Leiter des dortigen Labors für Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. An der Darmstädter Hochschule soll der Hauptsitz des Zentrums angesiedelt werden, eine Nebenstelle wird an der Goethe-Uni in Frankfurt eingerichtet, zudem wird dezentral an den beteiligten Hochschulen weitergeforscht. Kersting steht dem neuen Zentrum gemeinsam mit seiner Kollegin Mira Mezini, Expertin für Softwaretechnik, als Sprecher vor.

Wie genau die Hochschulen sich verzahnen, wo und in welchen Fachgebieten die neuen Professuren angesiedelt werden und welche Beiträge kooperationsbereite Unternehmen wie Continental, Deutsche Bank, Isra Vision und Hochtief beisteuern werden, ist im Detail noch nicht festgelegt.

Klar hingegen formulieren die Beteiligten ihr Ziel: Es gehe darum, bei der Entwicklung und Anwendung der neuen Schlüsseltechnologie vorne mit dabei zu sein, die „dritte Welle der KI“ mitzugestalten. Sie werde die neuen Algorithmen in so gut wie jeden Lebensbereich spülen. Software, die eingespeichertes und erlerntes Wissen nutzt, um eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, werde quasi zum Partner des Menschen, so die Voraussage der Wissenschaftler.

Entwicklungen in hessischen Betrieben einsetzen

Das eröffnet ein riesiges Feld praktischer Anwendungen, die möglichst schnell in hessischen Betrieben zum Einsatz kommen sollen. „Wir können den Unternehmen helfen, die richtigen Anwendungen für sich zu finden“, versicherte Matthias Willems, Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen. Das erklärt, warum der Impuls zur Gründung ursprünglich aus dem Wirtschaftsministerium kam: „Unternehmen siedeln sich dort an, wo es exzellent ausgebildete Fachkräfte gibt. Und das ist in der Regel im Umfeld von Hochschulen der Fall“, sagte Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen). Investitionen in die neue Schlüsseltechnologie seien ein Weg, Hessen zukunftsfest zu machen. Aus diesem Grund prüfe sein Haus derzeit Konzepte, um noch zusätzliche Programme aufzulegen, die Unternehmen inhaltlich und finanziell beim Umstieg unterstützen sollen. Zudem soll die Stärkung der KI-Forschung das Gründungsgeschehen „auf eine neue Ebene heben“, wie die Informatikerin Mezini sagte.

So groß die Möglichkeiten für Wirtschaft und Wissenschaft auch werden mögen, sie sind nicht ohne Risiko, und die Menschen sehen ihnen nicht ohne Ängste entgegen. Der Einsatz der KI müsse den Menschen dienen und sich an klaren ethischen Grundsätzen orientieren, betonte denn auch Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU). Deshalb brauche das Zentrum die interdisziplinäre Ausrichtung und habe beispielsweise mit dem erst im November gegründeten „Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung“ einen wichtigen Partner.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Janovic, Inga
Inga Janović
Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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