Ministerin für „faire“ Milchpreise

Grüne: Mehr Absatz ohne Gentechnik

Von Ralf Euler, Wiesbaden
08.09.2009
, 20:15
Armutsrisiko Kuh: Mit Milch erlösen die Bauern derzeit nur 18 bis 24 Cent je Liter
Die Grünen im Landtag fordern von Landwirtschaftsministerin Lautenschläger (CDU) eine Wende in der hessischen Agrarpolitik und mehr Werbung für gentechnikfreie Produkte. Lautenschläger fordert derweil "faire Milchpreise" und rügt die EU.

Die Grünen im Landtag haben Landwirtschaftsministerin Silke Lautenschläger (CDU) aufgefordert, sich für eine Wende in der hessischen Agrarpolitik starkzumachen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die landeseigene Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“ nicht stärker auf die Werbung für gentechnikfreie Lebensmittel setze, sagte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir. Die Nachfrage nach Waren, die ohne Verwendung von Gentechnik entstanden seien, übersteige das Angebot noch bei weitem. Die hessischen Landwirte seien, nicht zuletzt auch wegen eines „sehr unflexiblen Bauernverbandes“, dabei, die große Chance zu verspielen, sich neue Absatzmärkte zu erschließen.

Al-Wazir wies darauf hin, dass Unternehmen ihre Produkte seit gut einem Jahr mit der Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ versehen dürften, wobei die grafische Gestaltung des Labels bisher jedem Produzenten selbst überlassen bleibe. Er halte ein einheitliches Siegel für erstrebenswert, sagte der Grünen-Politiker, damit die Verbraucher auf einen Blick erkennen könnten, ob sie es mit gentechnikfreien Produkten zu tun hätten. „Vor allem aber brauchen wir eine großangelegte Werbekampagne für das Logo.“ Nicht zuletzt biete sich den Landwirten durch den Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel die Möglichkeit, einen höheren Preis für ihre Produkte zu erzielen.

Artgerechte Haltung der Tiere

Viele Verbraucher, so Al-Wazir nach einem Gespräch mit Repräsentanten des Fuldaer Lebensmittelunternehmens „Tegut“ und der milchverarbeitenden Genossenschaft Friesland Campina, seien durchaus willens, für gesunde Lebensmittel mehr zu bezahlen. Die offensive Vermarktung von regionalen Produkten, die artgerechte Haltung der Tiere und der Einsatz heimischer Futterpflanzen ohne Gentechnik biete kleinen und mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieben mittelfristig möglicherweise sogar die einzige Überlebenschance.

Andreas Swoboda, Mitglied der „Tegut“-Geschäftsleitung, bestätigte die wachsende Nachfrage nach „Premium- und Qualitätsprodukten“. Sein Unternehmen werde den traditionellen Anbau und die traditionelle Erzeugung von Produkten weiter fördern. Am Beispiel Milch zeige sich, dass auf diese Weise eine höhere Nachfrage geschaffen und ein aus Sicht der Landwirte „fairer“ Preis für ihre Erzeugnisse erreicht werden könne. Die Molkereigenossenschaft Friesland Campina konnte den Absatz gentechnikfreier Milch nach Angaben von Pressesprecherin Sabine Simon dank einer Werbekampagne in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 7,7 Prozent erhöhen.

Kritik an EU-Milchpolitik

Landwirtschaftsministerin Lautenschläger übte indes scharfe Kritik an der Milchpolitik der Europäischen Union. „Dass die Milchproduktion in Europa ungeachtet der Krise und des Preisverfalls weiter ausgeweitet werden darf, ist ein Schlag ins Gesicht der deutschen Landwirte“, sagte die Politikerin nach Angaben eines Ministeriumssprechers beim Bäuerinnentag in Bad Hersfeld. Sie plädierte für „faire“ Milchpreise, die beispielsweise durch ein „Milchquoten-Stilllegungsprogramm“ und den Verzicht auf die von der EU geplante Anhebung der Milchquote zum Jahr 2010/2011 erreicht werden könnten. „Die Zeit läuft den Bauern davon“, warnte Lautenschläger. Wenn die EU nicht von ihrer „verkorksten Milchpolitik“ ablasse, sei die Lebensgrundlage von rund 4000 milcherzeugenden Familienbetrieben in Hessen bedroht.

Auch der hessische Bauernverbandspräsident Friedhelm Schneider hat die EU-Linie zur Milchquote scharf gerügt: „Die EU stiehlt sich mit ihrer ablehnenden Haltung aus der Verantwortung. Das Problem am Milchmarkt ist ein globales Problem, das auch mit globalen Mitteln gelöst werden muss.“ Die langfristig steigende Nachfrage helfe unseren hessischen und deutschen Bauern nicht über die aktuelle Preismisere, deshalb seien in der jetzigen Situation schnell wirkende Maßnahmen gefragt.

Quelle: F.A.Z.
Ralf Euler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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