Gemeinsam Deutschlernen

Herzlichkeit und Einblicke in fremde Kulturen

Von Sonja Jordans
08.03.2020
, 09:51
Sprachpatin: Hildegard Krassowski (Mitte) hilft bei den Hausaufgaben.
Hildegard Krassowski unterstützt als Ehrenamtliche Migrantinnen beim Deutschlernen. Davon profitiert sie auch selbst.
ANZEIGE

Mittwochvormittags hat Hildegard Krassowski keine Zeit. Keine Zeit für ihren großen Bekanntenkreis, keine Zeit zum Theaterspielen, Lesen und für all die anderen Dinge, mit denen sie sich sonst beschäftigt. Denn mittwochs ab halb zwölf wird geübt. Dann setzt sich die Vierundsiebzigjährige mit deutscher Grammatik, Satzbau und Vokabeln auseinander – allerdings nicht, weil sie selbst noch etwas lernen muss. In den Räumen der Darmstädter Caritas unterstützt sie zwei Migrantinnen beim Deutschlernen. Krassowski hilft den Frauen, die einen Integrationskurs besuchen, bei ihren Deutsch-Hausaufgaben, beantwortet Fragen und übt neue Worte und Ausdrucksweisen. Die Seniorin ist ehrenamtliche Sprachpatin.

ANZEIGE

Seit sechs Jahren engagiert sie sich als Unterstützerin bei der Caritas. Anderthalb Stunden verbringt sie wöchentlich mit ihren Schülerinnen und erfährt dabei auch selbst noch etwas. So habe jede Frau ihre eigene Geschichte und Ängste, Hoffnungen und Träume, die sie mit in die Fremde genommen habe, erzählt sie. „Das ist mitunter sehr bewegend.“ Aktuell betreut sie eine Frau aus Ghana und eine aus Bolivien. „Sie möchten in Deutschland als Krankenschwestern arbeiten“, erzählt Krassowski. Und dafür müssten sie nun mal die Sprache lernen. „Ich vermittle ihnen, dass es ohne Sprache fast unmöglich sein wird, hier Fuß zu fassen und einen Job zu finden.“ Erfahrung im Unterrichten hat Krassowski schon während ihres Berufslebens gesammelt. Die gelernte Laborantin, die auch ein Studium als Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie abgeschlossen hat, war nach Stationen in Hannover und Berlin wegen ihres inzwischen verstorbenen Mannes nach Darmstadt gekommen.

Abenteuerliche Sprachpatenschaft

Dort hatte sie – nach einem Aufbaustudium zur Berufsschullehrerin in den Fächern Ernährung und Deutsch – in diesem Bereich an einer Schule gearbeitet. Später, als Rentnerin, wurde sie erst Lesepatin und übernahm danach die Hausaufgabenbetreuung des Caritasverbands an einer Grundschule. Dadurch kam sie zur Sprachpatenschaft. „Das hat mir gleich gefallen.“ Unter ihren ersten Schülern war eine Familie aus Syrien. Akademiker, die vor dem Krieg geflohen waren. In Deutschland angekommen, hätten die Erwachsenen fast ein Jahr auf ihren Sprachkurs warten müssen.

Um währenddessen nicht untätig zu Hause sitzen zu müssen, hätten sie mit Krassowski „vorgelernt“, wie sie erzählt. „Das war zu Anfang ein echtes Abenteuer.“ Da die Syrer kein Deutsch und kaum Englisch sprachen, habe man sich zunächst mit Händen und Füßen unterhalten, erzählt die Sprachpatin. Die Familie aber lernte rasch. „Sie waren so wissbegierig, dass ich manchmal selbst keine Antworten mehr auf ihre Fragen wusste“, erinnert sie sich. Inzwischen ist die Familie nicht mehr auf die Unterstützung der Vierundsiebzigjährigen angewiesen. Die Kinder studieren, und auch die Erwachsenen haben Fuß gefasst. Aus der Übungsgemeinschaft ist eine Freundschaft geworden. „Wir müssen mal wieder zusammen Kaffee trinken“, fällt Krassowski ein, als sie von „ihrer“ syrischen Familie erzählt. In der Vergangenheit habe man sich auch schon zum Essen getroffen, Krassowski lernte so syrische Küche und Gepflogenheiten kennen. „Nach dem Essen gibt es immer Tee“, weiß sie seitdem.

ANZEIGE

Orientierung im fremden Land

Im Gegenzug hatte sie die Familie zu einem in Deutschland sehr beliebten Menü eingeladen: Spargel. „So lernt jeder etwas aus der Heimat des anderen kennen.“ Solche Erfahrungen und die Möglichkeit, mit Menschen zusammen sein zu können, schätze sie besonders an ihrer Tätigkeit. Außerdem gefalle ihr, dass sie den Frauen helfen könne, sich ein bisschen besser in der Fremde zurechtzufinden. Dafür erhalte sie auch etwas zurück. „Ich bekomme viel Zuwendung von den Frauen, die haben mich gern und zeigen mir das mit ihrer Herzlichkeit. Das ist schön.“

Krassowski selbst sieht ihre Arbeit nur als Kleinigkeit. „Was ich mache, ist so wenig im Vergleich zu anderen Ehrenamtlichen, die sich in allen möglichen Bereichen intensiv engagieren.“ Und genau deswegen hoffen sie und die Caritas in Darmstadt, dass sich weitere Sprachpaten und Migrationshelfer finden. „Das kann jeder, und es nimmt nicht viel Zeit in Anspruch“, sagt Krassowski. Zudem sei die Arbeit bestimmt eine nette Abwechslung für manche Senioren und eine Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Angst, den Aufgaben nicht gewachsen zu sein, müsse niemand haben, versichert die Vierundsiebzigjährige. „Hausaufgabenunterstützung ist nicht schwer, dafür muss man keine Lehrerin gewesen sein.“ Außerdem gebe es noch andere Möglichkeiten, sich einzubringen. Wer die Caritas ehrenamtlich unterstützen und Migranten etwa bei Terminen begleiten oder Anträge mit ihnen ausfüllen möchte, kann sich unter der Rufnummer 01 51/10 84 32 14 oder per Mail unter n.faul@caritas-darmstadt.de an Nara Faul wenden.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE