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Historisches Museum Frankfurt

Bilder als Gedächtnis der Stadt

Von Eva-Maria Magel
 - 19:03
Ein Reich aus Fotopapier, Pappen und Geschichte: Kuratorin Martha Caspers in einem Raum der fotografischen Sammlung des Historischen Museums Frankfurtzur Bildergalerie

Sollten Sie demnächst an einer Demo teilnehmen und ein besonders bemerkenswertes oder auch ein sehr typisches Plakat mit sich herumtragen, könnte es sein, dass eine zierliche und leise, dennoch resolute Dame Sie anspricht. Weil sie Ihr Plakat haben möchte. Dann ist es Geschichte geworden.

Die jüngsten zu Geschichte gewordenen Objekte, die Martha Caspers eingesammelt hat, stammen von den ersten „Fridays for Future“. Ein besonders schönes und buntes, selbstgemaltes Pappschild haben ihr zwei kleine Mädchen geschenkt, als sie ihnen erklärt hat, warum sie es braucht. Protestkultur ist eines der vielen Sammelgebiete des Historischen Museums Frankfurt. Und auch eines von Martha Caspers.

Bildgedächtnis Frankfurts bewahren

Seit 35 Jahren ist sie am Historischen Museum tätig, 30 Jahre lang war sie dort angestellt, erst als Fotoarchivarin, seit 2007 als Fotografie-Kuratorin. Sie ist dafür zuständig gewesen, das Bildgedächtnis Frankfurts zu bewahren. Ihr Spezialgebiet war und ist die Fotografie, aber auch Medien und Kommunikation samt deren Technik gehören zum weiten Feld dessen, was Caspers verantwortet hat. Und weiter verantwortet: Aufhören ist für Caspers schier undenkbar.

Wie Fotografie gesellschaftlichen Wandel und räumliche Veränderung zeigt, tritt wohl noch besser hervor, seit im 2017 neu eröffneten Museum wechselnde Medien eine deutlich größere Rolle spielen. Abgesehen von den Abertausenden Fotos der eigenen Sammlungsobjekte umfasst die eigentliche Fotosammlung des Museums etwa 290.000 Fotografien von der frühen Fotografiegeschichte in Frankfurt, die Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts einsetzte, bis hin zu ganz neuen Erwerbungen oder Schenkungen.

Einzelbilder und Serien, Alltagsfotografie und Kunst. Die Glasnegative aus dem Nachlass von Carl Abt (1853–1922) etwa, der zwischen 1900 und seinem Tod Frankfurter Alltag aufnahm: „Das ist ein enormer Schatz“, sagt Caspers – mit dem Haken, dass viel recherchiert werden musste. Denn außer der Tatsache, dass die Witwe dem Museum die rund 900 Aufnahmen überließ, war wenig bekannt.

„Stütze des Archivs“

Recherche macht einen großen Teil der Arbeit aus, nicht nur das sachgerechte Aufbereiten von sehr empfindlichem Material. Das war auch bei jenem prachtvollen Fotoalbum so, das aussieht wie ein reich verziertes Messbuch, aber die Fotografien Adeliger enthält. Woher genau der Schatz stammt, darf Caspers nicht verraten, nur so viel: Eine Amerikanerin hat dem Museum die „spektakuläre Schenkung“ überlassen, weil die beiden Fotografen Frankfurter gewesen sind. Friedrich Carl genannt Fritz Vogel (1806–1865) und seine gleichaltrige Frau Julie Thérèse haben von 1839 an erst mit Daguerrotypien, dann mit sogenannten Kalotypien, also Salzpapierabzügen, in Frankfurt ein Porträtgeschäft betrieben. Offenbar so florierend, dass ein russischer Adeliger gern ein solches Album besitzen wollte, in dem gekrönte Häupter und die Verwandtschaft abgelichtet sind, in opulenten Dekors und zart handcoloriert.

In den vergangenen Jahren hat Caspers zahlreiche solche Konvolute eingearbeitet. Etwa Nachlässe des Fotografen Calle Hesslefors (1946–2009) oder des Frankfurter Polizisten und Fotografen Fred Prase (1946–2003), der mit der Bahnhofsviertel-Serie „Feuerteich“ bekannt geworden ist. Dessen 8000 Fotos hat seine Witwe im Ehrenamt abgeglichen. „Ohne ein Team an Kollegen, Ehrenamtlichen und Werkverträglern ist diese Arbeit nicht zu machen“, sagt Caspers, „sie sind die Stütze des Archivs.“ Nun wird sie selbst in neuer Rolle eine Stütze.

40.000 Objekte erfassen und interpretieren

Caspers widmet sich freischaffend einem Schatz, der in den vergangenen Jahren hatte zurückstecken müssen, weil die Fotosammlung, die Forschung und Aufarbeitung, Konzeption und Präsentation im neu eröffneten Historischen Museum Raum und Zeit brauchten. Nun ist das sogenannte S-Inventar, eine Sammlung von Schriftgut, ihre Aufgabe: Mehr als 40.000 Objekte, Tagebücher, Schulhefte, Kochbücher, Handzettel und Werbebroschüren, müssen erfasst, interpretiert und zum Teil auch aussortiert werden: Denn auch Sammlungskonzepte ändern sich. Außerdem können nicht alle der zwischen 1000 und 10.000 Objekte, die dem Museum jedes Jahr angeboten werden, in die Sammlung aufgenommen werden.

Bleiben sie, landen sie wie bald das Plakat des Klimastreiks auf einem der großen weißen Tische der Archivräume, die in einem Bürogebäude fern des Museums liegen. Dann in Kisten und säurefreien Pappen, so wie es vor kurzem mit den Handzetteln und Kopiervorlagen, Stücktexten und Fotografien der „Frankfurter Spielfrauen“ geschah. Der Frauenbewegung in Frankfurt, zu der auch diese 1976 gegründete Theatergruppe gehörte, gilt ein besonderes Interesse von Caspers – „Ich komme aus der Spontibewegung“, erklärt Caspers, die sich bis heute gesellschaftspolitisch und in der Frauenbewegung engagiert. Wie die Stadt sich verändert, welche gesellschaftlichen Implikationen das bedeutet, interessiert sie auch als Kuratorin: Sie hat auch Werke in die fotografische Sammlung aufnehmen können, die etwa die Veränderung des Stadtbildes und die damit einhergehende Neuverteilung des öffentlichen Raums dokumentieren.

1971 kam Caspers, im Alter von 17 Jahren, nach Frankfurt, um am Markuskrankenhaus eine Krankenpflege-Ausbildung zu machen. Sie wollte als Krankenschwester ins Ausland – wäre nicht 1972 das damals neu konzipierte Historische Museum eröffnet worden: „Ich war 18 Jahre alt und habe das als mein Museum erkannt“, sagt Caspers. Politisch, aufgeschlossen, objektorientiert, jenseits bürgerlicher Kunstbetrachtung Geschichte und Gegenwart vermittelnd war das neue Haus, das hat es ihr angetan.

Caspers jobbte als Krankenschwester, legte am Abendgymnasium das Abitur ab und studierte: Geschichte, Soziologie, Germanistik an der Goethe-Universität. 1982 fing sie als Studentin an, am Historischen Museum zu arbeiten. Schon damals hatte sie sich auf Fotografie spezialisiert – ein Feld, das den Historikern eher fremd war. „Ich habe mich selbst zur Fotohistorikerin ausgebildet“, sagt Caspers schlicht. Mittlerweile gibt sie ihr Wissen in Seminaren und Workshops auch weiter, hat die Zeitschrift „Rundbrief Fotografie“, den Arbeitskreis Fotografie der Museen mitgegründet.

Forschung und Lehre in Japan

Im Grunde, sagt sie, hätte sie auch viele andere Aufgaben im Museum gern gemacht. Aber die Fotosammlung wurde ihr Habitat, ihr Selbstverständnis ist stets das der Wissenschaftlerin. Mit Ausstellungen zu Abisag Tüllmann, Gisèle Freund oder der Mitarbeit an „Frankfurt Macht Mode 1933–1945“ im Jahr 1999 konnte Caspers ihre Themen verbinden. Seit Jahrzehnten forscht sie zu Frauenpolitik und Frauenbildern, zu Mode im Nationalsozialismus und dem damaligen Frankfurter Modeamt, das Entwürfe für die schicke deutsche Frau im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie entwarf. Ende der neunziger Jahre kam die Fotografiesammlung des Modeamts ins Historische Museum. Wie diese Mode und das Frauenbild in Japan rezipiert worden sind, wo Caspers „ihre“ Fotos in Zeitschriften der vierziger Jahre wiederfand, untersucht sie seit Jahren – nun wird wieder mehr Zeit für Forschung und Lehre in Japan sein.

Ein besonderes Anliegen ist es ihr, die Sammlungen auch mit dem fotografischen Werk von Frauen zu bestücken, das viele Jahre gefehlt hat. Dass sie zu ihrem Abschied die Serie „Putzen“ der an der Städelschule ausgebildeten Frankfurter Fotokünstlerin Susa Templin erwerben konnte, ist Caspers eine besondere Freude. Denn Sammeln bedeutet eben nicht nur viel Glück und Zufälle, sondern immer auch: Sammlungspolitik.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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