Biber in Frankfurt

Nachtaktive Holzfäller mit kräftigem Biss

Von Mechthild Harting
14.04.2015
, 14:57
Holzfäller auf vier Beinen am Werk: Hier hat ein Biber den Baum umgelegt
Die einst in Hessen vollständig ausgerotteten Biber verbreiten sich vom Spessart her allmählich über das ganze Land. Sogar an Frankfurter Flussufern sind die Nager wieder heimisch geworden. Fachleute sind begeistert.

Noch hat keiner ein Exemplar mit eigenen Augen gesehen. Doch dass Biber auf der Frankfurter Gemarkung leben und sogar beginnen, sich dort auszubreiten, daran kann niemand ernsthaft zweifeln, der am Niddaufer in Bonames und im Berkersheimer Bogen die vielen gefällten Bäume und abgeknickten Äste sieht: Alle weisen die kräftigen Bissspuren der Nager auf. „Wir gehen mittlerweile von zwei Revieren in Frankfurt aus“, sagt Manfred Sattler. Er ist ehrenamtlicher Biberbetreuer des Regierungspräsidiums Darmstadt, kümmert sich um die Reviere der Nager in der Wetterau und hat auch Frankfurt im Blick. Wie viele Tiere zu den Revieren gehören, ob es Singles sind oder Paare in der Familiengründungsphase, das weiß er allerdings nicht.

Für die Fachleute der Umweltbehörden in Frankfurt und Darmstadt spielt die Zahl der Tiere nicht die entscheidende Rolle. Denn die ersten Biber, das wissen sie mittlerweile aus Erfahrung, bilden nur die Vorhut. Ihnen werden in den nächsten Jahren weitere folgen, die Nager werden sesshaft und vermehren sich. „In fünf bis zehn Jahren haben wir an der Nidda zahlreiche Biberreviere haben“, sagt Sattler, „das wird sich ganz schön verdichten.“

Derzeit herrscht noch große Freude über jedes Tier, das seine Bissspuren hinterlässt. Denn sie bestätigen, dass der in Hessen einst völlig ausgerottete Biber sogar in der Großstadt Frankfurt wieder angekommen ist. 1987 hatte das Land Hessen damit begonnen, 18 Biber im hessischen Spessart bei Sinntal anzusiedeln. Im vergangenen Jahr hat das Regierungspräsidium Darmstadt für ganz Hessen 135 Reviere kartiert. In der Behörde geht man von insgesamt 447 Tieren aus. Die meisten leben immer noch im Main-Kinzig-Kreis, breiten sich aber immer stärker aus. Ende 2013 wurden erstmals auch in Kassel wieder Fraßspuren von einem Biber entdeckt, ein Jahr zuvor hatte einer in Frankfurt die ersten Weiden gefällt. Dass es wieder Biber in Frankfurt gebe, zeuge auch vom Erfolg der Bemühungen, die Flüsse zu renaturieren, sagte kürzlich die Leiterin der Oberen Wasserbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt, Elisabeth Geselle, bei einem Termin an der Nidda in Frankfurt.

„Das sind doch keine Wildschweine“

Naturfreunde und Spaziergänger dürfen indes wenig Hoffnung haben, einmal einen Biber zu Gesicht zu bekommen. Nur „sehr selten“ stoße man auf ein einzelnes Tier oder gar auf ein Paar, sagt Sattler, der im Hauptberuf beim Grünflächenamt der Stadt Frankfurt tätig ist. Die Biber liebten die Dämmerung und seien oft nachts aktiv. Wer nicht gezielt nach ihnen suche, habe kaum eine Chance, eines der mitunter 40 Kilogramm schweren Tiere im Wasser oder bei der Arbeit an Bäumen zu entdecken. Was man aber sehe, seien zumindest in den Wintermonaten ihre Spuren an Büschen und Bäumen. In der kalten Jahreszeit, wenn es sonst wenig zu fressen gebe, legten die Nager Bäume um, damit sie Rinde und Triebe fressen könnten. Mitunter könne man auch später im Jahr an einem Maisfeld Fraßspuren sehen, wenn es in der Nähe eines Biberreviers liege. Niemals aber hinterließen die Tiere eine Schneise der Zerstörung. „Das sind doch keine Wildschweine“, sagt Sattler.

Irgendwann errichteten die Biber dann auch einen Bau, die sogenannte Burg, die einen direkten Zugang zum Wasser habe. Doch zunächst baue der Nager eine Röhre, in die er sich zurückziehen könne, und deren Eingang unter Wasser liege. Im nächsten Schritt folge der Bau einer Kammer, die sich oberhalb der Wasserkante befinde, berichtet Sattler. Erst daraus entstehe dann im Lauf von Jahren die Burg.

Sattler vermutet, dass die Frankfurter Tiere mittlerweile zwei Röhren an Ufern geschaffen hätten: Die eine befinde sich am Niddaaltarm in Bonames, nicht weit entfernt vom Altem Flugplatz, und die zweite am Berkersheimer Bogen. Sicher nachweisen konnte Sattler diese Röhren noch nicht. Überzeugt ist er allerdings, dass der Nager in Berkersheim nicht allein lebt. So viele Weiden, wie er dort am renaturierten Ufersaum entdeckt hat, könne nicht ein einziges Tier binnen eines Winters umlegen.

Spuren eines Nagers hat Sattler auch schon in Praunheim entdeckt. Er ist jedoch überzeugt, dass hier ein Tier, das eigentlich weiter oben am Fluss lebt, nur einen Ausflug unternommen hat. „Biber sind sehr mobil.“

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot