Internationaler Frauentag

„Zu viel Testosteron im Spiel“

Von Mechthild Harting
08.03.2020
, 16:58
Für gemischte Teams: Jürgen Banzer
Zum Internationalen Frauentag spricht der CDU-Politiker Jürgen Banzer über die Geschlechter: In der Politik gingen Männer der Sachdebatte meist aus dem Weg.
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Und plötzlich eskaliert die Situation. Über Monate ist vereinbart, wie jahrelange, gemeinsame Arbeit zu einem guten Ende geführt werden soll. Da wird von außen an die ausschließlich von Männern geführten Fraktionen in der Region herangetragen, sie säßen einem von einer Frau, der Regierungspräsidentin, verursachten veritablen Skandal auf, einem, der die Demokratie beschädige. Plötzlich sind alle Verabredungen nichts mehr wert. Es folgen hitzige Wortgefechte, hochrote Köpfe, sachliche Argumente finden keinen Platz mehr. Das Vorhaben wird von der Tagesordnung genommen. Einer, dem man es nicht zutraut, sagt anschließend: „Da ist einfach zu viel Testosteron im Spiel gewesen.“

Dieser eine ist der CDU-Politiker Jürgen Banzer, der in dieser Woche angekündigt hat, mit bald 65 Jahren nicht länger die CDU im Hochtaunuskreis führen, aber weiter in der Kommunal- und Landespolitik bleiben zu wollen. Auch der nächsten Regionalversammlung wird Banzer sicher wieder angehören, möglicherweise sogar wieder als Fraktionschef.

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Frauen wollen Austausch und Männer gewinnen

„Ich glaube, dass Männer im Ergebnis anders Politik machen als Frauen“, sagt er. „Männern kommt es darauf an zu gewinnen.“ Da werde nicht das Gespräch, aber auch nicht die Auseinandersetzung gesucht, bei der Argumente ausgetauscht werden müssten. Diesen Weg wählten die Männer nicht. Stattdessen sei ihr Ziel, Mehrheiten für die eigene Position zu finden, um zu gewinnen. Auf der Verliererseite dürfe man auf keinen Fall stehen, zu hoch sei der Prestigeverlust.

Banzer zufolge ist dieses männliche Verhalten derzeit deutlich in der CDU in der Debatte über den künftigen Bundesvorsitzenden zu beobachten. „Wer bereit ist, sich zur Wahl zu stellen, der will auch gewinnen“, sagt er. Das sei die Erwartung. Es könne also nur einen Gewinner und auf der anderen Seite Verlierer geben.

Frauen dagegen, so Banzers Beobachtung, sei es häufig nicht wichtig zu gewinnen. Sie wollten mitreden, ihre Gedanken und Positionen einbringen. Sei der zur Wahl stehende Kandidat bereit, dies zu berücksichtigen, hätten sie keine Mühe, ihn zu wählen und auf eine eigene Kandidatur zu verzichten. „Frauen sind in dieser Frage oft etwas entspannter“, fasst Banzer das zusammen. Für den CDU-Delegierten oder den Bürger bei einer Wahl, gleichgültig welcher, sei also maßgeblich, welchen Typus man am Ende als Vertreter für die eigenen politischen Vorstellungen haben wolle.

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Gemischte Teams bewähren sind

Unabhängig von Wahlen ist Banzer überzeugt, dass gemischte Teams, also solche, in denen Männer und Frauen zusammenarbeiteten, sich am besten bewährt hätten. Im Ergebnis brächten sie bessere Resultate, und sie würden auch eher gehört. In jedem Fall seien die gemischten besser als reine Männerteams. Aber auch reine Frauenteams sind Banzer zufolge keine Lösung.

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Die Schwierigkeit, dass die rein zahlenmäßige Dominanz der Männer in Firmen und Verwaltungen es erschwert, Teams in einem gesunden Proporz zu bilden, ist Banzer bewusst.

„Die Frauen bekommen langsam, aber sicher mehr Gewicht“, sagt er. Schon jetzt hat sich seiner Ansicht nach viel verändert. Es gehe in die richtige Richtung, „auch wenn es noch dauert“. Der Gleichberechtigung stärker Rechnung zu tragen und das Erreichen des Proporzes zu beschleunigen, indem, wo immer möglich, Quoten vereinbart werden, davon hält Banzer nichts. „Ich glaube, am Schluss wird es nur über die Einsicht gehen“, sagt er – über die Einsicht der Männer und nicht über gesetzliche Regelungen.

Annäherung der Geschlechter

„Am Ende müssen beide, Männer wie Frauen, in der Gesellschaft gehört werden.“ In puncto Selbstbewusstsein könnten sich die Frauen etwas von den Männern abgucken und umgekehrt die Männer von den Frauen lernen, dass sich am Schluss das beste Argument durchsetzen sollte und nicht der Wille zu gewinnen. In welchem Tempo sich die Geschlechter in dieser Form annäherten, dazu will Banzer keine Voraussage treffen. „Aber es wird so passieren.“

Müsste der Weg der Annäherung nicht so verlaufen, dass Frauen zwar couragierter aufträten, gleichzeitig aber auch Männer ihre testosterongesteuerten Auftritte reduzierten? „Das wird nicht gehen“, meint Banzer. Männer und Frauen müssten sich mit ihrem unterschiedlichen Verhalten „akzeptieren und annehmen“.

Den hitzigen Auftritt seiner CDU-Fraktion in der Regionalversammlung Südhessen hat Banzer seinerzeit lächelnd zur Kenntnis genommen. Am Ende, sagt er, habe es den vereinbarten Beschluss, der von den wütenden Männer verschoben worden war, ein halbes Jahr später gegeben. Das sei das Entscheidende. „Das Ergebnis zählt.“

Quelle: F.A.S.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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