Emma Bonn

Geschichte einer kämpfenden Seele

Von Hans Riebsamen
24.11.2021
, 17:59
Villa Bonn: Das imposante Gebäude an der Siesmayerstraße ist seit 1923 Sitz der „Frankfurter Gesellschaft“.
In New York geboren, kehrt Emma Bonn nach Frankfurt zu den Wurzeln der Familie zurück und wendet sich der Schriftstellerei zu. Die Nazis plündern sie aus, heute ist sie weitgehend vergessen.
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Mit 82 Jahren ist Arthur von Weinberg wegen seiner jüdischen Wurzeln von München aus ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt worden. Dort starb der Frankfurter Chemiker, Industrielle und Mäzen, der 1930 zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt ernannt worden war, bald darauf nach einer Gallenblasenoperation. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Weinberg auf dem Transport in das „Vorzeigelager“ im besetzten Böhmen oder in dem Lager selbst seine Cousine Emma Bonn getroffen hat.

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Auch sie, die seit Jahren bettlägerig war, wurde ohne Rücksicht auf ihren schlechten Gesundheitszustand nach Theresienstadt verbracht. Die 63 Jahre alte Schriftstellerin ist wahrscheinlich am 4. Juni dort angekommen und zwei Wochen später gestorben. Das hat ihre Großnichte Angela von Gans, die jetzt das Buch „Emma Bonn 1879 – 1942. Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ veröffentlichte, in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem herausfinden können.

Vor ihrer Deportation sind sowohl Arthur Weinberg wie auch Emma Bonn von den Schergen des Regimes ausgeplündert worden. Im Falle Weinbergs soll sich der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Friedrich Krebs persönlich Einlass in dessen Villa Haus Buchenrode in Niederrad verschafft haben und Weinberg mit den Worten „Der Jud muss raus!“ in den Park geschickt haben, um ungestört die Dokumente für einen Zwangsverkauf des Anwesens vorbereiten zu können. Dabei war der Ehrenbürger evangelisch getaufter Christ – doch das ist eine andere Geschichte.

Ausgeplündert bis auf die letzte Mark

Auch Emma Bonn wurde ihrer Villa in Feldafing am Starnberger See und ihres sonstigen Vermögens beraubt. Der SS-Mann und Münchener Ratsherr Christian Weber zwang die seit 16 Jahren ans Bett gefesselte Emma, ihr Anwesen für 160.000 Reichsmark zu verkaufen, wofür ihr dort eine Wohnrecht auf Lebenszeit versprochen wurde. Alles war freilich nur Lug und Trug. Emma wurde nicht nur bis auf die letzte Mark ausgeplündert, sondern auch im Mai 1942 zwangsweise abgeholt und nach München in das Israelitische Kranken- und Schwesternheim transportiert, ihrer letzten Station vor der Deportation.

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Vermutlich nicht alle Herren und – mittlerweile per Gerichtsurteil zugelassen – Damen der „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wirtschaft“ dürften wissen, dass Emma Bonn einst in der Villa Bonn, dem am Palmengarten gelegenen Domizil dieses elitären Clubs, gewohnt hat. Zusammen mit ihrem Bruder Max hatte sie das vom Hofarchitekten Ernst Eberhard von Ihne entworfene repräsentative Haus auch besessen und 1923 an die „Frankfurter Gesellschaft“ verkauft. Ironie des Schicksals: Cousin Arthur von Weinberg, der einige Jahre lang Vizepräsident des Clubs war, wurde 1935 zusammen mit mehr als 100 Mitgliedern mit jüdischem Hintergrund zwangsweise aus der „Gesellschaft“ ausgeschlossen.

Bettlägrig: Eine rätselhafte Krankheit schwächte Emma Bonn schon seit den Zwanzigerjahren.
Bettlägrig: Eine rätselhafte Krankheit schwächte Emma Bonn schon seit den Zwanzigerjahren. Bild: STROUX edition

Beide, Weinberg und Emma Bonn, gehörten jenem jüdischen oder jüdisch geprägten Frankfurter Großbürgertum an, dessen männliche Vertreter als Bankiers oder Industrielle die Mainmetropole um die Jahrhundertwende und während der Weimarer Zeit entscheidend vorangebracht haben. Die Familie Bonn ist ein Beispiel dafür, allen voran Emmas Vater Wilhelm Bernhard Bonn, der die „Villa Bonn“ an der heutigen Siesmayerstraße zwischen 1895 und 1897 hatte erbauen lassen. Das Geld dafür hatte er, der 1843 in Frankfurt geboren und im Philanthropin im Nordend zur Schule gegangen war, allerdings in Amerika verdient.

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Frankfurter Buben haben in New York ihr Glück gemacht

Dorthin, nach New York, war er nach einer Ausbildung bei Lazard Speyer-Ellissen, einem damals führenden Bankhaus in Frankfurt, mit 19 Jahren umgezogen, um bei der Schwesterbank Speyer & Co. anzufangen. Vier Jahre später war er schon Geschäftsführer des Finanzinstituts und finanzierte den Bau der Eisenbahnlinien „Central & Southern Pacific“ und „Union Pacific“ – mit Geld, das zu einem Gutteil jüdische Frankfurter Banken bereitgestellt hatten.

Dort in New York haben überhaupt einige Frankfurter Juden damals ihr Glück gemacht. Jakob Schiff etwa, den Bonn in sein Haus aufgenommen und in das Bankgeschäft eingeführt hatte. Zusammen mit Henry Budge – die Budge-Stiftung und das gleichnamige jüdisch-christliche Altersheim in Seckbach erinnern an diesen Mäzen und seine Frau – gründete Schiff bald ein eigenes Bankhaus: „Budge, Schiff & Co.“. Die jüdische Elite aus Frankfurt, die sich im fernen New York in dieser und anderen Bankunternehmungen zusammenschloss, kannte sich aus der Jugendzeit und vertraute sich. Die Verbindung zur alten Heimatstadt ließen die Frankfurter Buben in Amerika indes nie abreißen. Der eine oder andere kehrte sogar zurück.

Wilhelm Bernhard Bonn etwa packte 1885 Hab und Gut zusammen, und ließ sich mit Tochter Emma und Sohn Max – seine Frau Emma Heidelbach war kurz nach der Geburt von Tochter Emma 1879 gestorben – wieder in Frankfurt nieder. Nach einer Zwischenstation bei seiner Schwester Charlotte Wetzlar im Haus Niedenau 86 kaufte Bonn 1886 ein eigenes Haus an der Westendstraße und ließ sich schließlich nach seiner Wiederverheiratung mit der vermögenden Witwe Amelie Schuster die Villa Bonn bauen.

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In der deutschen Öffentlichkeit vergessen

Seine Tochter Emma, wiewohl sie ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht und als Mäzenin gewirkt hatte, ist in der deutschen Öffentlichkeit mehr oder weniger vollständig vergessen. Womöglich ändert sich das jetzt mit dem Buch Angela von Gans’, die bei der Recherche zu ihrem Buch „Familie Gans 1350 bis 1963“ auf den Namen Emma Bonn gestoßen war. Vor zwei Jahren klingelte es an ihrer Tür, der Postbote händigte ihr ein Paket aus, das ein Buch mit hundert Gedichten Emma Bonns enthielt. Ein Nachfahre Emmas, der von ihren Familienrecherchen erfahren hatte, hatte es ihr aus Amerika geschickt.

Emma Bonn, dies kann man dem Buch entnehmen, war eine unglückliche Frau. In New York geboren, leidet sie unter ihrer Großmutter, die nach dem Tod der Mutter die Erziehung übernimmt. In Frankfurt fällt sie in die Hände einer sadistischen Gouvernante. Darüber hinaus kränkelt sie schon früh.

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In ihrem autobiographisch fundierten Roman „Das Kind im Spiegel“ hat Emma ihre Jugend beschrieben. Als Frau aus wohlhabender Familie besaß sie keinerlei Aussicht auf eine berufliche Karriere, es blieb ihr die Schriftstellerei. 1910 veröffentlicht sie erstmals eine Novelle in der Frankfurter Zeitung. Der Kauf eines Anwesens am Starnberger See für 124.000 Goldmark drei Jahre später ist eine Art Selbständigkeitserklärung, ein Ausbruch aus den engen Frankfurter Verhältnissen. Damals erwirbt sie, die geborene Amerikanerin, auch die deutsche Staatsangehörigkeit.

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Als Schriftstellerin kämpft Emma Bonn um Anerkennung, der Erfolg bleibt indes aus, wiewohl sie Zugang findet zum Literatenkreis um Thomas Mann und Bruno Frank. Dem Großmeister Mann schickt sie ihren Roman „Sonne im Westen“, der von einer schwer erkrankten Sängerin handelt. Der schrieb ihr: „Ich habe diese mit soviel ruhigem und natürlichem Anstand erzählte Geschichte einer kämpfenden Seele mit Rührung gelesen und glaube wohl, daß sie das Beste ist, was Sie gegeben haben.“ War das jetzt ein Lob oder ein getarnter Verriss, wie man ihn in Arbeitszeugnissen mit der Formulierung „Hat sich immer bemüht“ findet? Jetzt, mit Angela von Gans’ Buch, erscheinen in einer späten Wiedergutmachung immerhin drei Dutzend bisher unveröffentlichte Gedichte von ihr.

In Frankfurt vollständig vergessen

Mitte oder Ende der Zwanzigerjahre erkrankt Emma Bonn. Die Ärzte sind ratlos, vermuten eine Nervenkrankheit. Die Schriftstellerin leidet unter Lähmungserscheinungen, die sie immer häufiger ans Bett fesseln, aber auch unter antisemitischen Anwürfen. Das Telefon bleibt ihre Verbindung zur Außenwelt. Als dann die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, ist ihr Schicksal besiegelt.

In Frankfurt ist Emma Bonn vollständig vergessen, in Feldafing wurde immerhin vor der dortigen „Villa Bonn“ ein Stolperstein gesetzt.

Angela von Gans: „Emma Bonn 1879 – 1942. Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“. Mit 34 bisher unveröffentlichten Gedichten, Stroux Edition, 20 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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