Kein Weihnachtsmarkt

Kein Stress, kein Zauber, keine Einnahmen

Von Daniel Meuren
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 18:27
Ein Advent ohne Arbeit: Thomas Roie und sein Kettenkarussell haben seit 40 Jahren die Weihnachtszeit auf dem Römerberg verbracht.
In normalen Jahren würde Thomas Roie derzeit Tag für Tag von morgens acht bis Mitternacht auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten. Coronabedingt treiben den Schausteller Sorgen um.

Wo Thomas Roie jetzt steht, auf dem Frankfurter Römerberg, an der Ecke vor den Wirtshäusern „Standesämtche“ und „Schwarzer Stern“, da sollte er gar nicht stehen können. Denn an diesem Punkt, einen halben Meter neben einer in den Boden eingelassenen Metallplatte, die an das Fundament eines staufischen Wehrturms aus dem 13. Jahrhundert erinnert, befindet sich in der Adventszeit seit drei Jahrzehnten der Mittelpunkt seines Kettenkarussells. Rund um dieses Zentrum würde sich ohne Corona alles drehen, drei bis vier Meter in der Luft würden die an Ketten befestigten Sitze fliegen, mit vor Freude kreischenden Kindern und dem ein oder anderen Erwachsenen.

Nun aber steht Roie auf einem leeren Platz. Bis auf „Bertl“, den nach dem Transport aus Österreich ziemlich gerupften Frankfurter Weihnachtsbaum, der gerade mit Schleifen und Lichterketten geschmückt wird, ist nichts so, wie es sein sollte. „Der etwas trostlose Weihnachtsbaum steht schon sehr sinnbildlich für dieses Jahr“, sagt Roie. Der Weihnachtsmarkt rund um den 21 Meter hohen Tannenbaum ist wegen der Corona-Pandemie abgesagt. „Seit 40 Jahren habe ich jedes Jahr die Adventszeit hier verbracht. Das ist ein sehr deprimierendes Gefühl.“

Für den 55 Jahre alten Schausteller geht es nicht allein um die wirtschaftlichen Folgen eines Advents ohne Trubel. Nach einem Jahr nahezu ohne Einnahmen lagen die Hoffnungen der gesamten Schaustellerbranche auf den Erlösen aus dem Weihnachtsmarkt, der sonst ein Drittel des Jahreseinkommens sichert. Roie hat aber auch die Kinder im Sinn, denen der alljährliche Weihnachtsspaß verwehrt bleibt. „Unsere Aufgabe ist es schließlich, gerade sie zu verzaubern“, sagt er.

Lange Familientradition

In diesem Jahr bleibt die Magie aus, statt des Zaubers und des Glühweinduftes liegt Corona-Tristesse in der Luft. Roie und seine Kollegen plagen zudem massive Sorgen um die Zukunft. Noch ungewisser als ein möglicher Neustart mit Volksfesten irgendwann nach dem Winter ist für Roie, wann sich die Menschen wieder in den Massen auf solche Ereignisse trauen, die für die Schausteller die notwendige Geschäftsgrundlage sind. „Volksfeste und besonders ein Weihnachtsmarkt leben ja von ihrer besonderen Stimmung und davon, dass Nähe entsteht“, sagt Roie.

Rund 5000 Schausteller gibt es in Deutschland, die meist in langer Familientradition ihre Unternehmen führen und auch Volksfeste am Leben halten. Noch habe es im Rhein-Main-Gebiet keine Insolvenzen gegeben, sagt Roie. Im Frühjahr aber sei eine Welle von Betriebsaufgaben zu befürchten: wenn die Folgen des Jahres 2020 voll zum Tragen kämen und zusätzlich für Fahrgeschäfte die Kosten für Wartungsarbeiten oder TÜV-Zulassung drohten. „Wer in der Krise wegbricht, der wird nicht ersetzt werden“, sagt Roie. „Schausteller ist kein Ausbildungsberuf, das wird in den Familien weitergegeben. Wenn die Politik unsere Branche also jetzt nicht rettet, dann stirbt sie aus. Wir hoffen, dass in Berlin weiter richtig entschieden wird und dass man uns dabei nicht vergisst.“

„Volksfeste und Weihnachtsmärkte sind auch Kulturgüter“

Bei der Demonstration „Alarmstufe Rot“ marschierten die Schausteller Seite an Seite mit Gastronomen und Veranstaltern, in der Wahrnehmung aber spielten sie kaum eine Rolle. Manche schätzten vielleicht den drohenden Verlust gering, weil sie keine Ahnung hätten von den wirtschaftlichen Hintergründen der Branche, sagt Roie. Aber es gebe erfreulicherweise gerade in Frankfurt und auch in der dortigen Politik genug Leute, die um die Bedeutung eines 1200 Jahre alten Erwerbszweigs wüssten und um das seriöse Unternehmertum. „Volksfeste und Weihnachtsmärkte sind auch Kulturgüter, die wir uns nicht durch Corona zerstören lassen sollten“, sagt er. Er erinnert daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das halbwegs normale Leben auch durch eine Achterbahn auf dem Gelände des Zoos zurückkehrte, die der legendäre Zoodirektor Bernhard Grzimek gemeinsam mit der Schaustellerfamilie Herrhaus dank guter Kontakte zu den englischen Besatzern nach Frankfurt geholt habe. „Was wir Schausteller produzieren, das steht für authentisches Erleben, was die nach wie vor sehr hohen Besucherzahlen ja belegen. Volksfeste kann man sich nicht aufs Smartphone laden.“

Roie arbeitete schon als Kind in fünfter Generation im Betrieb seiner Eltern mit, als Zwölfjähriger saß er nach der Schule im Kassenhäuschen. Dippemess, Wäldchestag, Mainuferfest oder eben der Weihnachtsmarkt übten Faszination auf den kleinen Thomas aus, der das traditionelle Leben eines Schaustellerkinds lebte. Im Wohnwagen zog seine Familie Woche für Woche von Kirmes zu Kirmes. Gemäß besonderer Regularien für Schaustellerkinder, die bis heute gelten, besuchte er fast jeden Monat eine andere Schule. Vor drei Jahren bezog er mit seiner Frau erstmals ein Haus. „Wir lebten auch vorher mit allem Komfort, eben in unserem Wohnwagen, in dem wir 70 Quadratmeter Zuhause immer dabeihatten, egal, wo wir gerade gearbeitet haben“, sagt Roie. „Eine feste Wohnung hätte keinen Sinn ergeben.“

Nun spürt Roie erstmals in seinem Leben Stillstand. „Wir sind es gewohnt, 330 Tage im Jahr zu arbeiten und nur vom 20. Januar bis zu den Vorbereitungen für die Dippemess ab Anfang März eine Winterpause einzulegen“, sagt er. „Jetzt wäre deshalb mal Zeit, anderes nachzuholen. Aber wir haben ja gar nicht gelernt, wie man mit freier Zeit umgeht.“

Schwacher Hoffnungsschimmer

Roie spricht für sich und als Vorsitzender des Schaustellerverbands Frankfurt und Rhein-Main für 116 Betriebe vom kleinen Crêpes-Stand bis zum Betrieb einer 20 Millionen Euro teuren Achterbahn. „Niemand weiß, wann und ob diese Werte noch einmal ihren Ertrag bringen“, sagt Roie. Seine Familie, in der Frau, Tochter und Sohn eigene Stände verantworten, betreibt vier Eisbahnen, zwei Kettenkarusselle, ein Pferdekarussell und einen Stand, der auf dem Weihnachtsmarkt beispielsweise für seine Germknödel berühmt ist. In den vergangenen 50 Jahren seien in seiner Familie Investitionen von 15 bis 18 Millionen Euro getätigt worden, sagt Roie.

Ans Aufgeben denkt er trotz aller Hiobsbotschaften nicht. Er hätte auch wie die allermeisten Kollegen einen Weihnachtsmarkt durchgezogen, wenngleich unter den gegebenen Umständen kein Gewinn zu erzielen gewesen wäre. „Es ist nun mal unsere Aufgabe, den Menschen in der Weihnachtszeit Weihnachtsstimmung zu verschaffen“, sagt er. „Dieser Verantwortung hätten wir uns gestellt.“ Als er diese Worte spricht, schaut er noch mal zu „Bertl“ hinüber. Dort wurden von den Technikern gerade die am Baum aufgehängten Lämpchen angestellt. Für Roie sind sie ein nur ganz schwacher Hoffnungsschimmer.

Quelle: F.A.S.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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