<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Klassische Musik

Steigendes Niveau, erweitertes Repertoire

Von Guido Holze
 - 16:39

Mehrere Amateurorchester haben sich neu gegründet, und das musikalische Niveau ihrer Konzerte ist deutlich gestiegen. Das sei am Beispiel der Frankfurter Orchester-Gesellschaft auch mit alten Tonaufnahmen belegbar, sagt Paul Landsiedel. In dem 1995 neu gegründeten Amateurorchester spielt der ausgebildete Tontechniker als Hornist mit und engagiert sich als zweiter Vorsitzender. Schon im Orchester der Volkshochschule, aus dem die Orchester-Gesellschaft hervorging, war er von der Gründung 1963 an dabei und wirkte zeitweilig auch im Philharmonischen Verein mit, dem seit 1834 bestehenden weiteren großen Amateurorchester der Stadt.

Ein völliger Wandel habe sich dabei hinsichtlich des Repertoires vollzogen. Während demnach früher die Überzeugung herrschte, Laienmusiker könnten allenfalls vermeintlich leichte Haydn-Sinfonien in kleinen Besetzungen aufführen, habe man inzwischen längst erkannt, dass große romantische Werke klanglich oft viel dankbarer zu realisieren seien als die durchsichtigen, filigranen Kompositionen der Wiener Klassik. Sogar Uraufführungen zeitgenössischer Musik hat die Orchester Gesellschaft durch intensive Probenarbeit schon bewältigt und sich zudem häufig dem entlegenen Repertoire und zu Unrecht vergessenen Werken gewidmet.

„Publikumsorchester“ brachte großen Schub

Der Dirigent Stefan Schmitt, der 1989 die Leitung des Orchesters übernahm und dem die Steigerung des Niveaus maßgeblich mit zu verdanken ist, erinnert sich, dass die Szene der Amateurmusiker Ende der achtziger Jahre längst nicht so groß war wie heute. Neben dem Volkshochschulorchester und dem Philharmonischen Verein gab es nur das Orchester der Universität. Aus diesem ging 1993 das Orchester der Jungen Sinfoniker Frankfurt hervor, das heute das dritte große Amateurorchester der Stadt ist. Weitere Neugründungen der vergangenen Jahre sind das „MainKammerOrchester“, das bislang noch nicht viel in Erscheinung getretene „Finanzplatzorchester“ sowie in der Region beispielsweise das 2010 quasi an die Seite des Landesjugendsinfonieorchesters Hessen getretene Jugend-Sinfonie-Orchester Hochtaunus.

Einen großen Schub in der klassischen Laienmusik-Szene brachte einst, wie allseits bezeugt wird, eine Idee des Vereins Frankfurter Bachkonzerte: Im Zuge seiner Abonnementkonzertreihe in der Alten Oper rief der Verein dazu auf, ein „Publikumsorchester“ zu gründen. 300 Bewerbungen gingen ein, so dass sogar Kandidaten vorspielen mussten.

„Muggen-Orchester“ sind meist Selbstläufer

Am 9. März 1986 traten dann erstmals die nun selbst musizierenden Zuhörer unter der Leitung des unlängst verstorbenen Frankfurter Cello-Professors Gerhard Mantel vor vollen Rängen im Großen Saal des Konzerthauses auf. Sechs weitere Konzerte des Publikumsorchesters folgten bis 1996. Aus dieser Zeit bestehen noch viele Kontakte. Jedenfalls gilt die klassische Laienmusik-Szene in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet als gut vernetzt. Ein Kantor, der zu einem besonderen Anlass ein großes Werk mit Orchester aufführen möchte, wird in der Regel keine Schwierigkeiten haben, einige hintere Streicher-Pulte mit ambitionierten Amateuren zu besetzen.

Die von Musikern selbst so genannten „Muggen-Orchester“, die sich zu solchen Projekten zusammenfinden, sind meist Selbstläufer: Jeder Musiker kennt weitere, die noch mitmachen könnten. Dabei kommt es oft zur völligen Durchmischung der Besetzung. Professionelle Orchestermusiker, die insbesondere bei schwierigen Bläserpartien gegen Honorar gefragt sind, treffen auf Schulmusiker oder Instrumentalpädagogen und Musikstudenten, die man wohl als semiprofessionell bezeichnen würde. Aber darunter sind auch reine Amateure, die jedoch unter Umständen engagierter spielen als die vielbeschäftigten Profis. In dieser Gemengelage finden sich auch die „Muggen-Könige“, die besonders viele Kontakte haben und in beinahe jedem Projektorchester mitwirken.

Kontaktaufnahme auch über das Internet

Derart durchmischt besetzt sind teils auch schon die Amateurorchester. In der Orchester-Gesellschaft etwa spielen Flötistinnen mit abgeschlossenem Musikstudium, die aber keine der rar gesäten Stellen für Orchestermusiker gefunden haben. Sie musizieren nun an der Seite von Bankern, Juristen, Ingenieuren und Ärzten. Diese in der Orchester-Gesellschaft dominierenden Berufsgruppen stehen repräsentativ für den vergleichsweise hohen Sozialstatus der meisten klassischen Laienmusiker.

In den Orchestern und auf private Empfehlungen hin finden sich nach wie vor die Kammermusik-Ensembles der Amateure zusammen. Neue Möglichkeiten der Kontaktaufnahme bietet dabei auch das Internet mit Seiten wie www.musiker-sucht-musiker.de. Doch ist in den nochmals gehobenen Kreisen der Amateur-Kammermusik die persönliche Empfehlung immer noch besonders wichtig.

Genug Auftrittsmöglichkeiten

Zunehmend floriert zudem das Angebot an Weiterbildungskursen für Amateurmusiker. In Frankfurt hat sich zum Beispiel 2010 der Verein „Per Musica da Camera“ gegründet, der den Schwerpunkt seiner Arbeit in der Ausrichtung von Kammermusikkursen sieht und zugleich ein „Netzwerk“ sein will. In der Landesmusikakademie Hessen in Schlitz, die erst vor kurzem ihre Kooperation mit Dr. Hoch’s Konservatorium hinsichtlich des Kursangebots verstärkt hat, gibt es quasi fortlaufend solche Seminare. Erst vor wenigen Tagen endete dort beispielsweise eine Sommerakademie für Gesang mit der Sopranistin Norma Sharp und dem Bariton Timothy Sharp, an der auch Laien teilnehmen konnten. Der allgemein bestätigte Niveauzuwachs beim klassischen Laienmusizieren mag mit diesen erweiterten Angeboten zusammenhängen.

Auftrittsmöglichkeiten für Amateur-Ensembles gibt es eigentlich seit je her genug: Bei Hochzeiten, zu Jubiläen, zu Geburtstagen, zum Abschied in den Ruhestand oder in ländlichen Regionen auch bei regulären Veranstaltungen örtlicher Kulturvereine, in Frankfurt auch als Ergänzung der Stadtteilkultur, wie etwa bei der Rödelheimer Musiknacht.

Der Wunsch ist ein „Haus der Orchester“

Ganz ungetrübt ist die Aussicht auf die Zukunft dennoch nicht. Beklagt wird nämlich zunehmend, dass immer weniger Schüler, infolge ihrer höheren Arbeitsbelastung durch die verkürzte Gymnasialzeit, Musikinstrumente erlernen, vor allem nicht mehr die besonders übungsintensiven Streichinstrumente.

Stefan Schmitt, der als Musiklehrer an der Frankfurter Carl-Schurz-Schule unterrichtet, fürchtet, „dass die großen Mengen an Tutti-Geigern nicht mehr entstehen“. Auch generell glaubt er, dass die Situation in den Amateurorchestern schwieriger werde, da die Arbeitsbelastung in vielen Berufen immer weiter steige und viele die Zeit für die regelmäßigen Proben kaum noch aufbrächten.

Eine Idee oder einen Wunsch, wie in der Stadt das Amateurmusizieren befördert werden könnte, hat er dennoch: Ideal wäre es aus Sicht, wenn es - analog zum „Haus der Chöre“ - für die Proben auch ein akustisch geeignetes „Haus der Orchester“ geben würde.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenVHSHessenHochtaunusOrchester