Religionskritik

Kein Appeasement mit dem Islamismus

Von Theresa Weiß
14.06.2019
, 18:27
Kritischer Muslim: der deutsch-ägyptische Schriftsteller und Politologe Hamed Abdel-Samad
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Ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Nein, meint der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. Er verteidigt auf einer Konferenz an der Goethe-Uni in Frankfurt sein Recht auf freie Meinungsäußerung.
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Damit Hamed Abdel-Samad frei sprechen kann, stehen sechs Personenschützer vor dem Konferenzraum des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ der Goethe-Uni. Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler ist Muslim und kritisiert den Islam: „Der Islam will von der deutschen Aufklärung profitieren, weigert sich aber, Teil dieses Prozesses zu werden.“ Auch wollen religiös-politische Gruppen Kritiker mundtot machen und somit ihren Einfluss auf die Politik ausbauen. Abdel-Samad ist überzeugt, dass sich immer weniger Deutsche trauen, Kritisches über den Islam zu sagen, weil sie sofort den Vorwurf bekommen, rassistisch zu sein. Solche Aussagen provozieren. Doch wo, wenn nicht an der Universität, solle kontrovers diskutiert werden, fragt er.

Abdel-Samad ist nicht allein. Wer sich kritisch zum Islam positioniert, sieht sich in Deutschland Bedrohungen ausgesetzt. Ein Frankfurter Beispiel aus jüngster Zeit: Zehn Menschen gehören zur „Initiative Säkularer Islam“, einer Gruppe aus Wissenschaftlern und Publizisten, die über den Islam diskutieren will und ein totalitäres Verständnis von Religion ablehnt. Vier davon müssen inzwischen von Personenschützern bewacht werden. „Weil sie auf der Abschussliste von irgendwelchen Radikalen stehen“, sagt Susanne Schröter. Die Professorin der Goethe-Universität und Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ will die kritische Auseinandersetzung mit der Religion vorantreiben. Auch darum hat sie zur Konferenz „Säkularer Islam und Islamismuskritik“ eingeladen, auf der auch Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie in Münster, sprechen.

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Kritik an der Religion

Frankfurt ist eine Insel, meint Schröter. Das Forschungszentrum sei einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem es überhaupt noch möglich ist, Kritik an der Religion zu üben. Vor der Konferenz war Schröter abermals verbal angegriffen und als Rassistin beschimpft worden, weil sie der Islamkritik eine Plattform gibt und Hamed Abdel-Samad eingeladen hat.

Seine Aussage, dass der politische Islam davon profitiert, wenn es keine Islamkritik gibt, erhitzt viele Gemüter. Auffallend ist für den Forscher, dass er diese Reaktionen vor allem in Deutschland bekommt. Trägt er seine Thesen in Ägypten oder Marokko vor, stoße er auf ein Publikum, das kritische Auseinandersetzungen würdigt. „In der arabischen Welt wird belächelt, wer behauptet, Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Und in Deutschland bin ich damit der Islamhasser.“ Auch Schröter findet das paradox: „Kritische Muslime fühlen sich bedroht von Muslimen, die postulieren, dass wir hier in einer rassistisch-islamophoben Gesellschaft leben.“

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Liberaler Reformer des Islams

Mouhanad Khorchide schlägt zunächst sanftere Töne an; er gilt als liberaler Reformer, der durch eine Auslegung des Korans und der Fatwas, die den geschichtlichen Kontext berücksichtigt, einen neuen Weg für den Islam finden will. Aber er sagt auch: „Der sogenannte Islamische Staat hat viele in der arabischen Welt wachgerüttelt.“ Er meint damit, dass die Handlungen der Terrorgruppe durch Narrative aus der Mitte des Islams gestützt wurden, mit Texten aus dem Koran etwa. Das habe viele Muslime darauf aufmerksam gemacht, dass es eine zeitgemäße Auslegung des Islams brauche. Er berichtet, dass die atheistischen Strömungen in der arabischen Welt wachsen – weil es keine alternativen Lesarten gibt, wenden sich die Jungen von der Religion ab. Und der politische Islam – die Mächtigen, die ihre Autorität auch aus der Religion ziehen – versucht, noch stärker gegenzulenken.

Vor allem in Deutschland fällt das auf fruchtbaren Boden, wie Susanne Schröter sagt. „Es entwickelt sich ein identitärer Islamismus in Deutschland, der Muslime als besondere Gruppe sieht, die Sonderrechte haben sollte und das religiös begründet.“ Wie die rechtsradikale identitäre Szene habe sie eine große Anziehungskraft auf Jugendliche. „Das ist auch deshalb problematisch, weil sich die Verbände nicht genügend abgrenzen“, sagt die Direktorin des Forschungszentrums.

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Politik und Wirtschaft halten sich bedeckt

Politik und Wirtschaft hielten angesichts der Anfeindungen, die Islamkritiker erdulden müssen, die Füße still. „Die wollen keine Partner in Saudi-Arabien verärgern“, sagt Abdel-Samad. „Diese Politik ist fatal“, ergänzt Schröter. Es gebe eine Appeasement-Haltung gegenüber Regimen wie dem in Iran, Katar und Saudi-Arabien. Geld aus Anti-Extremismustöpfen fließe an fragwürdige Organisationen. Und junge Syrer und Afghanen, die nach Deutschland kommen, sollen als Integrationsmaßnahme in eine Moscheengemeinde gehen, erzählt Schröter. „Dabei sind die froh, aus dem Einflussbereich des Islam herausgekommen zu sein.“

Obwohl gerade die Saudis seit den siebziger Jahren Programme auflegten, um junge Menschen an den Wahabismus heranzuführen, scheuten sich die deutschen Entscheider, Beziehungen zu gefährden. Dabei wollten die Jungen eigentlich anders leben, der Islam stehe dem entgegen, sagt Abdel-Samad. „Es ist eine Katastrophe, dass die Intellektuellen nicht in erster Linie der Freiheit verpflichtet sind.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weiß, Theresa
Theresa Weiß
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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