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Künstlerensemble

Wie die Perlen einer gerissenen Kette

Von Christoph Schütte
 - 19:00
„(das) heim“ erinnert an die Geschichte einer Frankfurter Villa und an 39 jüdische Mädchen.

„Hören Sie das noch? Wer hier gespielt hat? Was hier gespielt wurde?“ Nun, zunächst hört hier das Publikum vermutlich eher nichts. Nichts als ein paar isolierte, verlorene Klänge, Geräusche „wie Perlen von einer gerissen Kette“ vielleicht, wie es einmal heißt; den Atem Mona Louisa-Melinka Hempels womöglich, die die Zuschauer nun tänzerisch willkommen heißt, und ab und an das Knarren des Parketts. Keine Stimmen jedenfalls, kein Lachen, Toben, Klagen, das diesen Ort allmählich erst beleben wird. Wie sollte man derlei auch hören in dieser alten Villa im Westend. Noch vor einem Jahr hat selbst in Frankfurt kaum jemand geahnt, dass hier seit Oktober 1939 und für nicht einmal ein Jahr ein jüdisches Kinderheim gewesen ist.

Damals hatte Hedwig Michel-Levi das Haus verkauft und war über Russland nach Amerika geflohen. Und allein diese Geschichte lohnt schon den Besuch der theatralen Installation, die die Perfomer der Frankfurter Profikollektion eigens für dieses Haus entwickelt haben. Denn Katja Kämmerer und Jan Deck haben nicht nur die Vergangenheit des Hauses und den historischen Kontext akribisch recherchiert. Sie geben vor allem den 39 Mädchen, die nach den Novemberpogromen aus ganz Hessen nach Frankfurt kamen, um hier mit dem Philantropin eine der letzten jüdischen Schulen zu besuchen, einen Namen und mitunter ein Gesicht. Und das ist das Entscheidende.

Erprobtes Konzept

Der Familie Marx etwa, die sich nach dem Krieg in New York wiederfand; Hilde Kugelmann, die seit der Deportation als verschollen gilt, Marga und Gisela Levi oder Ilse Franck, von der man weder weiß, wo sie geboren ist, noch, ob sie den Holocaust überlebt hat. Wie man überhaupt so furchtbar wenig weiß. „Ästhetische Erinnerungsarbeit“ nennen Deck und Kämmerer ihr schon mit „Prison Walk“ im ehemaligen Polizeigewahrsam Klapperfeld oder „Horkheimers Geist“ im Studierendenhaus der Universität erprobtes Konzept, und auch in dieser Villa, dem früheren Haus der Begegnung des Bistums Limburg, dem die Villa seit den sechziger Jahren gehört, geht es auf ebenso fesselnde wie berührende Weise auf.

Dabei spart „(das) heim“ angesichts all der Spiegel, angesichts des durchaus hübschen, aber auch ein wenig kirchentagsseligen Finales nicht an Pathos noch wohlmeinender Pädagogik. Doch wie hier das Publikum die Villa mal schüchtern, mal neugierig, ergriffen vielleicht oder gar schamhaft voyeuristisch vom Keller bis zum Dach erkundet und wie derweil die sieben Performer die zahlreichen von Regie und Text (Natascha Gangl) vor den Augen des Betrachters ausgelegten Fäden – und mithin die frei im Haus sich bewegenden Zuschauer – hier installativ, dort szenisch Mal um Mal zusammenführen, das ist über weite Strecken einfach wunderbar gemacht.

Lauscht man eine ganze Weile den Briefen Klairle Marx’ an ihren Vater, knallt am anderen Ende des Flurs die Schauspielerin Katharina Bach in einer der stärksten, beklemmendsten Szenen mit den Türen, und bemüht sich dort der Chor der Opfer um Entschädigung. Und doch verliert man nie die Orientierung, fügen sich vielmehr Ort und historischer Kontext, gesellschaftliche Entwicklung und individuelles Schicksal im Verlauf der drei dichten Stunden immer wieder neu zu einem Bild. Einem Bild freilich mit vielen blinden, vor allem aber schmutzig-dunklen Flecken, das sich erst ganz oben, im Verschlag des Speichers unterm Dach, mit der Geschichte Käthe Heisterbergs, ein wenig aufhellt. Wenn man derlei angesichts des großen Mordens sagen kann.

Jener Leiterin der Anna-Schmidt-Schule gleich um die Ecke also, deren Gesten des Ungehorsams, des Widerstands und der Humanität geeignet scheinen, dem still und stiller werdenden Besucher angesichts der Eingangsfragen Tränen der Wut und des Zorns, der Trauer und der Scham in die Augen schießen zu lassen. „Hören Sie das noch? Wer hier gespielt hat? Was hier gespielt wurde?“ Und dann hört man es, lauscht der Stille nach, den Klängen und Geräuschen. „Wie Perlen von einer gerissen Kette rollen die Tage“, wie es bei Ilse Aichinger heißt. Nur acht der 39 Mädchen haben überlebt.

Weitere Vorstellung am 16. Juni ab 20 Uhr, in der Villa Gründergeist, Frankfurt, Gärtnerweg 62. Eine Kartenreservierung unter mail@profikollektion ist erforderlich, das Gebäude ist nicht barrierefrei.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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