L.A. Galerie in Frankfurt

Die alte Schule packt ihre Kartons

Von Christoph Schütte
28.11.2020
, 20:01
Lothar Albrecht schließt seine L.A. Galerie an der Frankfurter Domstraße nach 30 Jahren. Damit endet ein Stück Frankfurter Kunstgeschichte.

Das wäre Ihr Preis gewesen. Soll heißen: Da war sie, die Gelegenheit. Wenn wir seinerzeit nicht nur ein wenig Interesse und vielleicht ein bisschen mehr Geschmack besessen hätten, sondern auch ein wenig Kunstverstand. Und wenn wir vor allem über das nötige Kleingeld hätten verfügen können. Arthur Tress und Wolfgang Tillmans, Joan Fontcuberta und Taiji Matsue, Tracey Moffat, Naoya Hatakeyama, Ken Lum und Oliver Boberg, Irene Peschick und, und, und: Die Künstlerliste, mit der Lothar Albrecht und Agustín López seit 1990 angetreten sind und mit der die Frankfurter L.A. Galerie sich rasch einen Namen machte, liest sich – sieht man von den fehlenden Eleven der Düsseldorfer Becher-Schule einmal ab – im Rückblick wie ein Who’s who der Fotokunst der Gegenwart.

Nur dass die meisten dieser damals meist noch jungen Fotografen vor 30, 35 Jahren jenseits von Fachkreisen kaum jemand kannte. Außer – naturgemäß ist man geneigt zu sagen – Peter Weiermair, der sich als Leiter des Frankfurter Kunstvereins früh für die zeitgenössische Fotografie eingesetzt und auch den Sammler Lothar Albrecht nachhaltig für die Fotokunst begeistert hat. Und insofern vielleicht mehr noch als der Portikus-Gründer Kasper König, mehr noch auch als der Gründungsdirektor des Museums für Moderne Kunst, Jean-Christophe Ammann, seinen Anteil daran hatte, dass Albrecht eines Tages sein gesichertes Auskommen als Manager drangab, um mit López den Schritt ins Kunstgeschäft zu wagen. Ein Sprung ins kalte Wasser, keine Frage. Doch es war allemal die rechte Zeit, und hier, am Main, an diesem nicht zuletzt von Weiermair, König, Ammann gerade eben wachgeküssten Kunststandort, war damals genau der rechte Ort.

Für das neugierige, kunsthungrige Publikum galt das ganz offensichtlich ohnehin. Die Gründung des Portikus, die Entwicklung der Städelschule, das Museum für Moderne Kunst: „Frankfurt“, sagt Albrecht, „war noch kein Ort der Galerien, aber doch schon ein Ort der Kunst.“ Und auch der Handel erlebte seit Mitte der achtziger Jahre mit der rasch etablierten Art Frankfurt, mit der Eröffnung der Galerien Grässlin, Detterer oder eben der L.A. Galerie einen bemerkenswerten Aufschwung. Mit einem Mal war die kleine Metropole nicht nur als Bankenstadt, sondern auch als Kunststandort international präsent. Albrecht stürzte sich mit seinem Partner „ohne Kapital, aber mit viel Idealismus“ und einer Menge Enthusiasmus voller Lust hinein.

Außerordentlich riskant

Bald schon waren sie auf den großen Messen in Köln und Madrid, in Basel, Hongkong und New York vertreten, betreuten Künstler wie Sammler auf der ganzen Welt und eröffneten Anfang des Jahrtausends für eine Weile eine Dependance zunächst in Schanghai und dann in Peking. „Ich bin gern durch die Welt geflogen“, so Albrecht. „Und wir wollten ja eine internationale Galerie sein.“ Als Adresse für aufstrebende Künstler aus aller Welt diente er geradeso wie für den Kontakt zu internationalen Sammlern. Und es gibt nicht viele Frankfurter Galerien, denen mit vergleichbarer Selbstverständlichkeit gelungen ist, diesem Anspruch auch gerecht zu werden. Der Weg aber war naturgemäß für eine junge Galerie auch außerordentlich riskant. Kostet doch ein Messestand schnell 30.000 oder 40.000 Euro.

„Das kann einen auch ruinieren.“ Was indes nicht der Grund dafür ist, dass mit der Schließung der Galerie nun tatsächlich ein Stück Frankfurter Kunstgeschichte zu Ende geht. In gutem Einvernehmen mit den Künstlern, wie Albrecht durchaus zu Recht betont, immerhin ist das nicht selbstverständlich. Manche, wie Oliver Boberg, dessen Werk die Galerie von Anfang an begleitet hat, hätten ihre Arbeiten gar persönlich abgeholt. Sicher, den mit Corona verbundenen Einbruch der Umsätze im laufenden Jahr könne man durchaus dramatisch nennen. Und vielleicht hätten sie ohne die Pandemie auch noch um das eine oder andere Jahr verlängert. Schließlich sind in den vergangenen Jahren mit Peter Bialobrzeski, Altan Eskin oder Julian Faulhaber eine Reihe jüngerer, durchaus aufregender Positionen hinzugekommen.

Unterdessen steht etwa das Werk von Städelschulabsolventen wie Thomas Draschan oder Johannes Franzen für einen konzeptbasierten Ansatz, der das Verhältnis von Realität und Bild und Abbild und mithin das eigene Medium mit einer nachgerade ungeheuren Konsequenz und Radikalität befragt. Ein bisschen Wehmut also ist allemal dabei, bei Lothar Albrecht geradeso wie bei den Künstlern und keineswegs zuletzt beim Kunstbetrachter. Aber eigentlich, sagt Albrecht, sei es klug, jetzt aufzuhören. Weniger, weil er in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag gefeiert hat und auch López mittlerweile 60 Jahre alt ist und beide mithin nicht zuletzt aufgrund des Alters nun beschlossen haben, ihren Lebensmittelpunkt ins Baskenland zu verlegen. „Aber wir sind alte Schule.“

Keine Frage, so López, Galerien würden auch in Zukunft wichtig bleiben, und sei es in der Rolle als offenes Atelier. Als Ausstellungsort, wo die Künstler ihre neuesten Werke zeigen können. Dass freilich der Kunstmarkt nicht erst seit Corona sich verändere, lasse sich auch nicht übersehen. Und für die Wahrnehmung der Fotokunst gilt das in vielleicht noch verstärktem Maße. Nichts lässt das deutlicher ahnen als die mittlerweile fünfte Soloschau Johannes Franzens, die nun die Ausstellungstätigkeit der Galerie auf ebenso überzeugende wie nachdenklich machende Weise beschließt. Schon seit Studienzeiten denkt der einstige Meisterschüler von Peter Kubelka über die Fotografie nach und über das Wesen des fotografischen Bildes. Nur dass es, um uns ein Bild der Wirklichkeit zu zeichnen, längst schon keiner Kamera mehr bedarf.

Franzen überlässt vielmehr von der Auswahl der Motive bis zur Herstellung des Bildes den fotografischen Prozess mehr und mehr vom Computer gesteuerten Programmen, die uns eine errechnete Version der Welt als unsere eigene entwerfen. Das klingt wie Science-Fiction, und das ist es in gewisser Hinsicht auch. Und doch ist es der Realität längst ungleich näher, als wir glauben. Auch die L.A. Galerie wird schließlich weiter existieren. Im Internet. Und mithin mit analogen Bildern im virtuellen Raum. Doch immerhin, die Ausstellungen, die dort gelistet sind, die Bilder, die hier zu sehen waren, und die Erfahrung, die man als Kunstbetrachter machen, die Gespräche, die man vor den Werken führen konnte, all das hat es gegeben. Und das treue Publikum war über drei Jahrzehnte live dabei.

DIE AKTUELLE AUSSTELLUNG in der Frankfurter L.A. Galerie, Domstraße 6, ist heute, 28. November, von 11 bis 16 Uhr noch einmal geöffnet. Danach ist die Galerie nur online unter www.lagalerie.de erreichbar.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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