Mainzer Schau „Homosphäre“

Wie Kunst das Unsichtbare zeigt

Von Katharina Deschka
21.06.2022
, 20:24
Sinnbilder radioaktiver Verseuchung: Der Schweizer Künstler Julian Charrière hat Kokosnüsse vom Bikini-Atoll in Blei gehüllt und wie Kanonenkugeln gestapelt.
Wie empfindlich und schützenswert der Luftraum ist, in dem wir uns bewegen, zeigt die vielfältige Schau eindrucksvoll. Was gar nicht so einfach ist da das Thema der Ausstellung unsichtbar ist.
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Empfindlich und schützenswert ist jener Luftraum, in dem sich der Mensch bewegt: die „Homosphäre“. Auf die Besonderheiten dieses alle umgebenden, fluiden Raums möchte Stefanie Böttcher, die Direktorin der Kunsthalle Mainz, mit ihrer neuen Ausstellung hinweisen: Seine Unsichtbarkeit und die Konturlosigkeit seiner Grenzen machen ihn zu etwas, was man erst wahrnehme, wenn es von Drohnen oder Flugzeugen durchquert oder von riech- oder sichtbaren Stoffen verunreinigt werde. Über ihn treten wir in Verbindung. Und was sich in unserer direkten Umgebung befindet, atmen wir ein. Seit durch die Corona-Pandemie Aerosole unsere Begegnungen bestimmten, seit durch den Krieg in der Ukraine die Angst vor dem Einsatz von Giftgas und Atomwaffen erneut um sich greife, sei unsere Wahrnehmung des Luftraums und seiner Relevanz extrem geschärft, sagt Böttcher.

In der Kunst ist man sich der Verletzlichkeit dieser unsichtbaren Sphäre schon länger bewusst. Almut Linde macht mit ihrer Videoarbeit „Dirty Minimal“ von 2012 auf Verschmutzungen der Luft aufmerksam, die man sich abgewöhnt hat wahrzunehmen. Ihr Film zeigt Wolken, die am Himmel ziehen. Ein schöner Anblick, bis sich durch einen Schwenk herausstellt, dass sie aus einem Schlot strömen. Im Beiheft wird man aufgeklärt: Der Schlot gehört zum Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf, das, mittlerweile stillgelegt, zu den am meisten Schadstoffe emittierenden Kraftwerken Europas gehörte: 29,3 Tonnen Kohlendioxid stieß es in den drei Minuten und acht Sekunden aus, die der kurze Film dauerte.

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Schlechte Luft

Von der Feinstaubbelastung an verschiedenen Stellen in Paris berichtet Tomás Saracenos auf den ersten Blick so hübsche Arbeit „We do not breathe the same air“. Die minimalistisch anmutenden „pollution dots“, unterschiedlich hell oder dunkel gefärbte Punkte auf Papier, visualisieren die unterschiedliche Luftqualität als aus der Luft gefilterten, giftigen Feinstaub. Auch davon, wer ihn einatmet, berichtet die Arbeit: In Stadtteilen mit erwerbsschwächerer oder ausländischer Bevölkerung ist die Luft schlechter als in wohlhabenden Gegenden.

Rabih Mroués Arbeit „Again we are defeated“ erschließt sich ebenfalls erst auf den zweiten Blick: Über seine Zeichnungen wimmeln mithilfe einer Videoprojektion unzählige kleine Wesen. Sind es Insekten? Mikroben? Wer näher herantritt, erkennt Drohnen, die über umherliegende Tote schwirren. Während der aus dem Libanon stammende Mroué auf Drohnen als Kriegs- und Überwachungsgeräte verweist, die sich unbemerkt nähern, hat der Londoner Künstler James Bridle mit seinem „Drone Shadow Handbook“ die Umrisse ganz unterschiedlicher Drohnen festgehalten. Sie könnten zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden, ihre Mission sei nie eindeutig entschlüsselbar, sagt der Künstler. Vor der Mainzer Kunsthalle ist das Modell einer seiner Drohnen auf den Boden geklebt. Die Flügel haben eine Spannbreite von 15 Metern, was auf dem Boden ziemlich groß wirkt – auch wenn man das kleinste Modell des Handbuchs ausgesucht habe, wie Böttcher sagt.

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Mit einer Auslassung zeigt Walid Raad in seiner Fotoarbeit „Cotton under my feet“ den Schrecken der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York: Nur den blauen, rötlichen oder grün eingefärbten Himmel hat er seinen Bildern gelassen. Es fehlen Skyline und Flugzeuge, nichts weist auf den Terror, der sich der ahnungslosen Stadt über die wolkenlose Höhe nähert.

Ein Mahnmal

Aber die größten Gefahren können sich mitunter unsichtbar ausbreiten, wie radioaktive Strahlung. Vom Reaktorunfall in Fukushima und seinen andauernden Nachwirkungen berichtet der Beitrag des Kollektivs „Don’t follow the wind“. Und der Schweizer Künstler Julian Charrière hat für die Installation „Pacific Fiction“ gar Kokosnüsse des Bikini-Atolls in Blei gehüllt, um die Betrachter vor der Strahlung zu schützen, die auch Jahrzehnte nach den Atomtests der Amerikaner im Pazifik noch von ihnen ausgehen. In der Kunsthalle hat er sie wie Kanonenkugeln gestapelt: als Mahnmal für die langfristigen Folgen der Atomtests.

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Neben all den warnenden Stimmen ermöglicht die sechsteilige Fotoserie „Reclaiming Abundance“ des Wieners Oliver Ressler einen wohltuenden Blick in eine bessere Zukunft: Im Jahr 2050, wie es der Künstler erträumt, sind die Autobahnen bei Bruck an der Mur mit Buchen, Eschen und Föhren gesäumten Radwegen gewichen, ist aus der Skiflugschanze am Kulm eine Sommerrodelbahn geworden, ist das Gas- und Dampfkraftwerk Mellach stillgelegt und sind Auwälder wiederhergestellt, wird das Gebäude eines ehemaligen Schlacht- und Rinderzerlegebetriebs als Recyclinghof für Elektrogeräte genutzt. Aus ökologischen Gründen sind in Oliver Resslers Zukunft Fleisch- und Milchprodukte eine Rarität. Tiere werden, wenn überhaupt, artgerecht auf kleinen Biohöfen gehalten. Das sind die hoffnungsvollen Bilder dieser Ausstellung – die Utopie einer Gesellschaft auf dem besten Weg zur CO2-neutralen Gesellschaft.

Der große Auftritt in der Kunsthalle Mainz gehört der Gruppe „Forensic Architecture“. Vor einer den halben Saal umspannenden Leinwand wird der Besucher mit ihren „Cloud Studies“ konfrontiert, die Bilder von Giftwolken, schwarz in den Himmel steigenden Rauchwolken, von auseinanderrennenden Personen und brennenden Regenwäldern in schneller Folge präsentieren. Die „Rechercheagentur“ aus Künstlern und Wissenschaftlern um den Architekten Eyal Weizman hat Daten gesammelt, um die Spuren in der Luft zu analysieren, die sich nach dem Einsatz von Herbiziden in Gaza, bei Waldbränden in Indonesien und vorsätzlichen Bränden in Westpapua zeigen – um nur einige der von ihnen aufgeführten Beispiele zu nennen.

Was Forensic Architecture an Wolkenformationen auf Bildern und Filmen archiviert, auswertet und präsentiert, sind Hinweise auf sich rasch verflüchtigende Angriffe auf Menschen und die Umwelt. Denkt man aber an die Raketenangriffe, denen auch Israel ausgesetzt ist, werfen sie die Frage auf, welche Bilder von Angriffen gezeigt werden – und welche eben nicht.

Homosphäre Bis 25. September, Kunsthalle Mainz, Am Zollhafen 3-5, Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag 11-18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deschka, Katharina
Katharina Deschka
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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