Deutsche Musikgeschichte

Bornzero rockt seit mehr als 50 Jahren

Von Michael Köhler
31.12.2021
, 15:52
Bornzero: vom Konservatorium zum Krautrock, Jazz und zur Neuen Deutschen Welle.
Üben, üben, üben: Der Gitarrist Bornzero alias Dieter Bornschedel, der in seiner langen Laufbahn bei Bands wie Atlantis und Guru Guru spielte, sehnt sich den Konzertbetrieb zurück.
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In Gitarrentechnik und Stilistik ist der seit Jahrzehnten in Marburg ansässige Dieter Bornschlegel Spitzenklasse. Tägliches mehrstündiges Üben und sportives Training machen das möglich. Dazu eine von flinker Hand wie diversen Effektgeräten angetriebene Technik auf seiner elektroakustischen Gitarre. Quer über die Beine gelegt, spielt Bornschlegel alias Bornzero darauf auch perkussiv, schlägt mal die Saiten an oder zupft ganz filigran. Atemberaubend schnelles Spiel, Handschläge und Shaker an den Schuhen überblenden zu einem schier unglaublichen Klangerlebnis. Wenn er sonor singt, klingt es eigenwillig, philosophisch, in „Herausspaziert“, „Geister in mir“ und „Wenn nichts mehr geht, geht vielleicht noch alles?“. Im abgelaufenen Jahr allerdings ging es für ihn, wie für viele andere Musikerkollegen auch, schwierig.

Zeichen als exzellenter Musiker setzt Bornschlegel seit mehr als 50 Jahren. Er ist als Profi durchgestartet in einer Ära, in der plötzlich alles möglich schien: Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre hatte die noch junge und strukturlose deutsche Popkultur erstmals der bis dato angloamerikanischen Übermacht ihr Potential und viel Kreativität entgegengesetzt. Unter dem Begriff Krautrock, ein anfänglich von der britischen Musikpresse spöttisch verwandter Begriff, etablierten sich Formationen wie Can, NEU!, Faust, Atlantis, Kraftwerk, Amon Düül II, Tangerine Dream und Klaus Schulze, vor allem im Ausland. Eine Epoche, in der auch Gitarristen zu Helden aufsteigen konnten.

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Begnadeter Virtuose

Dieter Bornschlegel, Jahrgang 1954 und aufgewachsen in Dortmund, galt – wie der damals ebenfalls noch minderjährige Hannoveraner Michael Schenker von den Scorpions – als begnadeter Jungvirtuose. Auch Bornschlegel trat in den ganz frühen Jahren mit seinem Bruder auf, in einer erst The Dead Cops, dann Prestige benannten Band. Ohne Abitur gelang es dem Autodidakten, aufgrund seines Talents einen Studienplatz am Konservatorium in Dortmund zu ergattern: Der verantwortliche Professor sei beeindruckt gewesen von seinem Werdegang und seinem „Erweckungserlebnis, erzählt Bornschlegel im Gespräch mit der F.A.Z.: „Auf dem Schrank in unserem Kinderzimmer einer kleinen Bergmannswohnung in der Dortmunder Nordstadt entdeckte ich die verstaubte, verstimmte Wandergitarre meiner ältesten Schwester – seither ist das gute Stück meine ständige Begleiterin.“ Das Instrument war „Brücke nach draußen“ aus der beengten Mietwohnung, aus der er ein paar Mal ausgerissen sei.

Kaum 18 Jahre alt, klopfte bei dem Sechssaiten-Virtuosen und Bandmitglied von Dannemanns Traumtorte Ende 1972 die etablierte Hamburger Formation Atlantis um Inga Rumpf an. Tourneen und Studioaufnahmen im Rock-Mekka England für das legendäre Album „It’s Getting Better“ bleiben Bornschlegel auf ewig im Gedächtnis: „Meine erste LP – und mein Gitarrensound im ach so berühmten Londoner Tonstudio klang aus unerfindlichen Gründen grottenschlecht. Mein Selbstwertgefühl sank auf null.“ Immerhin gab es Konzerte und einen Auftritt in der Kult-Fernsehshow „Old Grey Whistle Test“.

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Mit Atlantis genoss Bornschlegel das Profi-Dasein: Gemeinsam wohnte und probte die Band in einer Hamburger Villa, ging auf Tourneen, war Headliner der seinerzeit populären German Super Rock Festivals. Dagegen nahm sich die nächste Station Bornschlegels weit asketischer aus: In der Hippiekommune der Jazzrock-Formation Guru Guru im südhessischen Finkenbach wehte ein anderer Wind rund um Mani Neumeier.

Es folgte für Bornschlegel die Neue Deutsche Welle mit TJA!, die Zusammenarbeit mit dem sri-lankischen World-Beat-Vertreter Ramesh Weeratunga und dann Bornschlegels Industrial-Projekt Das Ewige Eis – Dein Schatten zur Jahrtausendwende. Seitdem nennt sich Bornschlegel Bornzero.

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Vereinzelte Auftritte unter diesem Namen hat er immerhin in den vergangenen Wochen noch verwirklichen können. Aber wie seine internationalen Künstlerkollegen wünscht sich Bornschlegel für das Jahr 2022 vor allem eines: die Rückkehr zur Normalität.

Quelle: F.A.Z.
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