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Japanische Prepper

Nicht ohne Toilettenkabine

Von Sonja Jordans
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 12:11
Dieses Exponat soll die Luxusvariante eines Behelfsklos darstellen: Die Kunststoffbrille steht auf Wasserflaschen und  hat einen Regenschutz.zur Bildergalerie
Eine Ausstellung im Darmstädter Designhaus zeigt, wie sich Japaner auf Naturkatastrophen vorbereiten. Manches davon ist nützlich, anderes erscheint Europäern skurril.

Für die meisten Mitteleuropäer mag es befremdlich und vielleicht sogar ein wenig beängstigend wirken, was Tino Melzer zusammengetragen hat: faltbare Helme, die in eine Aktentasche oder die Ecke einer kleinen Stadtwohnung passen, ein Leuchtstab mit Alarmfunktion, der bei Dunkelheit den Weg per Licht- und Tonsignal weist, ein Rucksack, der sich bei Bedarf auch als Hocker nutzen lässt. Er ist mit dem Nötigsten gefüllt, um ein paar Tage überstehen zu können, wenn das Leben wegen einer Naturkatastrophe plötzlich nicht mehr so verläuft wie gewohnt.

„Für Japaner ist das Alltag“, sagt Melzer, Professor für Industriedesign und Ergonomie an der Hochschule Darmstadt, über die rund 150 Gegenstände, die er mit Studenten seines Fachbereichs derzeit im Designhaus an der Mathildenhöhe präsentiert. „Disaster Design“ heißt die Ausstellung, die bis Mitte März Nützliches und Praktisches für Notfallsituationen zeigt, das in Japan in jedem Kaufhaus zu bekommen ist. Wie wohl keine andere Industrienation werde das Land immer wieder von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis, schweren Regenfällen und Stürmen heimgesucht, sagt Melzer. Um sich davor schützen und mit den Folgen der Ereignisse besser umgehen zu können, verfügen dortige Haushalte über zahlreiche Produkte, die mitunter fast skurril daherkommen.

Die faltbare Papptoilette etwa, ein einfaches Gestell aus braunem Karton, unter das ein Eimer oder eine ebenfalls faltbare Plastiktüte gestellt werden können. Denn auch im Katastrophenfall sollte die Notdurft nicht einfach irgendwo verrichtet werden. Die Luxusversion des Not-WC ist eine Kunststoffbrille, die – aufgesetzt auf mehrere leere Plastikflaschen, die um einen Eimer gruppiert werden – unter einer Art Baldachin verborgen ist, der seinerseits an einem aufgespannten Regenschirm befestigt wird. Dadurch bleibt beim Toilettengang die nötige Privatsphäre gewahrt.

Für alle Katastrophen gewappnet

Auf die Idee zu der Ausstellung kam Melzer bei einer Japan-Reise. Die Hochschule Darmstadt unterhalte seit vielen Jahren Verbindungen zu einer Hochschule in Fukuoka, so der Professor. „Und dort habe ich zum ersten Mal einen der faltbaren Helme entdeckt.“ In der Ausstellung sind verschiedene Modelle zu sehen: aus Pappe, Kunststoff, mit silberglänzender Brandschutzhaube und aus durchsichtigem Plastik, ausgestattet mit Trillerpfeife, kleiner Taschenlampe und Adressfeld, auf dem sich Name und Anschrift des Helmträgers vermerken lassen – falls die Person selbst keine Angaben mehr machen kann.

Auch an das geliebte Haustier ist gedacht. Der Hund wird von einem feuerfesten Mäntelchen geschützt, an dem oben ein Griff zum einfachen Transport des Tiers angebracht ist. Und weil sich Melzer dachte, dass all diese Dinge doch einmal gezeigt werden müssten, haben er und eine Kollegin der Hochschule aus der Idee ein Projekt entwickelt. Studenten des Fachbereichs hatten zudem die Aufgabe bekommen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und eigenes Katastrophenequipment zu entwickeln.

Herausgekommen sind unter anderem ein Objekt, das optisch an eine Kinderrassel erinnert und durch schnelle Bewegungen des Nutzers Strom erzeugt, sowie ein faltbares Miniboot, auf dem sich bei Hochwasser ein paar Habseligkeiten transportieren lassen. Auch eine Hardcover-Babyschale, in der ein Kleinkind vor dem Brustkorb von Mutter oder Vater getragen werden kann, ist ein Darmstädter Entwurf. Die Schale ist mit einem Kopfschutz versehen, damit das Baby auch von oben vor herabfallenden Trümmern sicher ist.

Student Kevin Kissenberth hat Steckwände designt, die mit einer speziellen flexiblen Akustikfolie versehen sind. Das Gewebe dämpft Umgebungsgeräusche. Somit ist das System geeignet, in Notunterkünften wie Turnhallen, in denen bei Bedarf viele Menschen untergebracht werden müssen, für ein wenig Abgrenzung und Ruhe zu sorgen, wie er erläutert.

Trotz Bedrohung entspannt durch den Alltag

Der überwiegende Teil der Exponate aber stammt aus Japan und ist genauso, wie in der Ausstellung gezeigt, dort erhältlich. So gibt es etwa ein Kartenspiel, auf dem nicht nur die bekannten Farben Pik, Kreuz, Herz und Karo aufgedruckt sind. Piktogramme auf den Spielkarten zeigen außerdem, wie sich in welcher Notsituation verhalten werden sollte.

Ein großer faltbarer Plastiksack bevorratet im Notfall Trinkwasser für mehrere Tage. Und weil der Mensch auch essen muss, gibt es verschiedene, in Kunststoffbeuteln verpackte Menüs, die sich auf Minikochern zubereiten lassen. „Die hochwertigeren Essenspakete wurden von einem bekannten japanischen Koch entwickelt“, so Melzer. Verpackt in bunte Folienbeutel, sehen sie sogar recht ansprechend aus – wie übrigens fast alles, was im Designhaus gezeigt wird. Und irgendwie drängt sich beim Betrachten ein Gedanke auf: Offenbar gehen Japaner trotz der latenten Bedrohung durch Naturkatastrophen recht entspannt durch ihren Alltag. Vielleicht, weil sie auf beinahe alles vorbereitet sind.

Die Ausstellung

„Disaster Design“ im Designhaus, Eugen-Bracht-Weg 6, ist bis zum 15. März mittwochs bis sonntags von 12 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Quelle: F.A.Z.
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