FAZ plus ArtikelArchitektur auf dem Land

Die Marmelade muss zurück in den Kreppel

Von Rainer Schulze, Neu-Anspach
12.05.2022
, 08:30
So kommt Leben zurück ins Dorf: Die Kegelbahn im sächsischen Wülknitz entstand 2019 nach Plänen von KO/OK Architektur. Nicht weit draußen an der Ausfallstraße, sondern ziemlich im Kern der kleinen Landgemeinde bei Meißen.
Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt wird saniert und geht deshalb auf Wanderschaft. Die Ausstellung „Schön hier“ macht sich um die Rettung der Dörfer verdient, ausgerechnet im Hessenpark.
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Im Dorf meiner Kindheit hatte alles noch seinen festen Platz: Das Geschäft im Kern der 2000 Einwohner kleinen Ortschaft war zugleich ihr gesellschaftliches Zentrum. Drum herum lag all das, was man sonst noch zum guten Leben auf dem Lande brauchte. Schule, Gasthaus, Feuerwehrgerätehaus, Kirche, Gemeinschaftshaus, Metzgerei, Bäckerei, Sporthalle, Sparkasse, einige Handwerksbetriebe und eine Tankstelle mit Pommesbude. Dazwischen und am Rand: Wohnhäuser. Etwas weiter außerhalb, mit mehr Platz am Feldrand: Bauernhöfe. Das kompakte Dorf war wie ein Kreppel mit einem dicken Klecks Marmelade im Zentrum. Das Beste, die Einrichtungen des öffentlichen Lebens, lagen in der Mitte, umhüllt vom Teig der Wohnhäuser, der sie festhielt und stützte.

Neue Farben und Formen: Wie gute Gestaltung den öffentlichen Raum neu erlebbar macht, zeigt das dänische Aabenraa, wo das Büro ADEPT im Jahr 2021 die Gehsteige neu zuschnitt und pflasterte.
Neue Farben und Formen: Wie gute Gestaltung den öffentlichen Raum neu erlebbar macht, zeigt das dänische Aabenraa, wo das Büro ADEPT im Jahr 2021 die Gehsteige neu zuschnitt und pflasterte. Bild: Haans Joosten

Später dann, mit dem Ausbau der Einfamilienhausgebiete und Gewerbezentren am Ortsrand, wurde das Dorf immer mehr zum Donut. Der Kern ist heute, vielleicht mit Ausnahme der Kirche, hohl und leer, ein Schlafdorf. Drum herum liegt das immergleiche Band der Märkte und Einkaufszentren an der Umgehungsstraße. Peter Kurzeck hat einmal am Beispiel von Staufenberg treffend beschrieben, wie die Ortsumgehung die Dörfer getötet hat: Früher saßen die Alten auf einer Bank und schauten sich das Kommen und Gehen vor ihrer Haustür und den langsam fließenden Verkehr auf der Dorfstraße an. Heute kommt keiner mehr vorbei. Da lohnt es sich auch nicht mehr, sich vors Haus zu setzen. Vom Kreppel zum Donut – jedes Dorfkind, das vor den Neunzigerjahren auf dem Land groß geworden ist, kennt diese Entwicklung. Dann gingen die Dörfer langsam vor die Hunde, und jeder setzte sich ständig ins Auto, um irgendwo hinzufahren, weil es im Dorf nichts mehr zu besorgen gab.

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„Schön hier – Architektur auf dem Land“ ist bis zum 27. November im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach zu sehen. Der Katalog kostet 29,90 Euro. Über das umfangreiche Begleitprogramm mit ­Fachtagungen, Sommerkino und vielem mehr informiert das Architekturmuseum unter dam-online.de.

Quelle: F.A.S
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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