Kunst und Alltag

Karsten Bott bewahrt auf, was andere wegwerfen

Von Katharina Deschka
26.05.2021
, 18:59
Nur ein Ausschnitt: Karsten Bott zwischen einigen seiner Kisten
Seit drei Jahrzehnten sammelt der Künstler Karsten Bott Dinge des Alltags. In seinem Depot in Hanau lagert wohl eine halbe Million Gegenstände – vom Gürtel bis zur Stricknadel.

Doch, ein wenig Platz gibt es noch in der 250 Quadratmeter großen Halle. Etwa in der Küche, die nur halb belegt ist mit Kisten und einer vollgestellten Hochebene. Daneben darf man an einem Tisch Platz nehmen und Rhabarberkuchen mit Sahne essen. Ein wenig Raum ist außerdem noch ganz vorne, am Eingang des Lagers in Hanau, gegenüber des ehemaligen Bahnhofs Klein-Auheim. Dort, am Halleneingang, stehen ein Tisch, ein Computer und eine selbstgebaute Hohlkehle für die Fotografien, mit denen Karsten Bott seine Dinge katalogisiert.

Aber sonst herrscht drängende Enge. Manchmal bleiben zwischen den fast zur Decke gestapelten Kisten nur 30 Zentimeter breite Gänge, durch die man sich seitlich gedreht quetschen muss. „Das sind alles noch die Kisten aus Mainz“, sagt Bott und deutet auf sich im Dunkeln der Halle verlierende Stapel. In der Mainzer Kunsthalle hatte er 2011 seine bisher größte Ausstellung. Auf 600 Quadratmetern Fläche breitete er „Von jedem eins“ aus. Über Stege konnten die Besucher über den Sachen laufen. Hunderttausende Objekte des alltäglichen Gebrauchs hatte er angeordnet, und die Betrachter kamen aus dem Schauen, Erinnern und Wundern gar nicht mehr heraus. Ein Wahnsinn. Drei Viertel des Lagers sei damals leer geräumt gewesen, erzählt Bott.

Dinge sammeln und Dinge wegwerfen

Seit etwa 20 Jahren bringt der Frankfurter Künstler seine Gegenstände jetzt in dieser alten Backsteinhalle unter, einer ehemaligen Tabakfabrik, die immer noch über genug Ecken verfügt, dass Bott neue Dinge hierher holen kann, wenn er sie nur geschickt stapelt. Genug Platz hatte er freilich nicht immer. Als er ernsthaft anfing zu sammeln, also mit seinem Studium 1986 bis 1991 an der Städelschule in der Filmklasse bei Peter Kubelka, der ihm sagte „du machst das jetzt ernsthaft oder du wirfst alles weg“ – als er also als Künstler anfing zu sammeln, hatte er seine Sachen bald auf drei, vier Orte in Frankfurt verteilt. Nach einer Zeit in einer ehemaligen Fensterfabrik im Westerwald, die er sich mit anderen Künstlern teilte, kehrte er in die Rhein-Main-Region zurück. Mit drei Sattelschleppern habe er seine Sammlung hierher gebracht, erzählt Bott.

Kunstdepot: Am Alten Bahnhof in Hanau sammelt Karsten Bott seine Gegenstände.
Kunstdepot: Am Alten Bahnhof in Hanau sammelt Karsten Bott seine Gegenstände. Bild: Sandra Schildwächter

Was er vorhatte, von Anfang an, ist gewaltig, ein eigentlich unzumutbares Unterfangen. Von jedem eins möchte Bott sammeln, alle Alltagsgegenstände aufheben und vor dem Vergessenwerden bewahren, ohne sie dabei zu werten. Ein Plastikbecher ist ebenso wichtig wie eine Kiste voller Legospielsachen, ein paar Lockenwickler, eine Kaffeemühle, ein Aldiprospekt, ein Geweih. Ob die Dinge beschädigt, neu oder gebraucht sind, spielt dabei keine Rolle. Sie alle sind Dokumente unseres Lebens, Geschichtsdokumente der Menschheit, und er sammelt die Gegenstände, als stammten sie von einem unbekannten, ausgestorbenen Volk. Was er jetzt zusammentrage, sei vielleicht für die Menschen in tausend Jahren interessant, vermutet Bott. Seit 1988 nennt er seine sich stets erweiternde Sammlung „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“.

Kaufen ist Silber, Finden ist Gold

Wie ein Forscher nähert er sich den Sachen dabei an. „Die Gegenstände an sich sind unglaublich faszinierend“, sagt Bott. Am meisten findet er auf dem Sperrmüll, es sind Sachen, die andere Leute wegschmeißen. Eher selten kauft er auch Dinge. „Meistens finde ich die Sachen, das ist ja das Spannende, da sind Dinge dabei, so etwas könnte ich mir nie ausdenken.“ Doch natürlich liegt es an ihm, dem Künstler, dass sich in seiner Hand ein angeschmolzener Kochlöffel zum Ausstellungsobjekt entwickelt und alte Plastiktüten sehenswert erscheinen: Er sieht die Gegenstände anders, er reiht diese „objets trouvés“ in seine Enzyklopädie der Dinge ein.

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Seine Kunst beschränkt sich nicht aufs Sammeln und Bewahren, sondern katalogisiert, ordnet und komponiert. Für jede Ausstellung sortiert Bott die Dinge neu, verknüpft in großen Clustern hunderte, tausende Gegenstände, die sich thematisch miteinander verweben. Ein Meer der Dinge, die uns tagtäglich umgeben, wird sichtbar gemacht. Mal macht Bott das, indem er Sachen auf dem Boden auslegt, wie in Mainz. Oder er ordnet sie in Vitrinen, wie in der Schau „Gleiche Vielfache“ 2015 im Frankfurter Historischen Museum.

Vom Schrott zur Nachhaltigkeit

Natürlich schwingt in seinem Sammeln ein kritischer Aspekt mit. Denn wie viele Dinge brauchen wir eigentlich wirklich? Und wie lange halten die Sachen, bis wir sie nicht mehr nutzen und wegwerfen? Viel Schrott sei dabei, sagt Bott, so hergestellt, dass es sich nicht lohne, die Sachen zu reparieren. Sein Interesse für die Dinge entstand, weil er als Kind auf den Bauernhöfen seiner Verwandtschaft die alten, nicht mehr gebrauchten Werkzeuge von Dachböden holte. Es berührt ihn, wie Menschen früher arbeiteten und wie sich die Dinge verändern. Bücher zum Beispiel, bedauert er – und natürlich hat er eine umfangreiche Bibliothek in seinem Bestand – hätten jetzt auf erschreckende Weise an Wert verloren.

Gruseliger Anblick: Die Füße einer Schaufensterpuppe.
Gruseliger Anblick: Die Füße einer Schaufensterpuppe. Bild: Sandra Schildwächter

Ob er auch mal Sachen ablehne oder aussortiere? „Das geht nicht, wenn man manisch ist“, witzelt Bott und lacht kurz. Über eine Leiter klettert er voran auf eine der Hochebenen. Auch hier stapeln sich die Bananenkisten, von denen jede beschriftet und numeriert ist. Manchmal mit einem Datum versehen. Oder mit dem Ort der Ausstellung, in der die Dinge gezeigt wurden. „Stoffe, Vorhänge, Bettzeug“, steht auf einer Kiste, auf der nächsten „Schnittmuster, Stricknadeln, Stoffmuster“. Und „Strumpfhosen, Gürtel“. Wie viele Gegenstände er überhaupt aufbewahrt, alle fein säuberlich in Papier umwickelt, das weiß Bott auch nicht, das kann er nur schätzen. Bis zu einer halben Million Sachen dürften es wohl sein.

Alles kann Kunst werden: Impression aus Karsten Botts Lagerraum.
Alles kann Kunst werden: Impression aus Karsten Botts Lagerraum. Bild: Sandra Schildwächter

Aufhören gilt nicht

Zum 60. Geburtstag voriges Jahr nahm sich Bott vor, in den kommenden zehn Jahren die Dinge zu fotografieren und zu katalogisieren: „Abschließen“ nennt er das Projekt, für das er sich jeden Samstag mit Helfern trifft. Einer gibt die Sachen ins System, einer fotografiert den Gegenstand, den Bott aus der Kiste packt. Eine Kiste schaffen sie an einem Tag, es sind ungefähr 120 Gegenstände darin. Es soll dabei, sagt Bott, ein achtbändiges Lexikon entstehen. Auch sein zweites aktuelles Projekt ist eines der Digitalisierung: Für das Historische Museum in Frankfurt stellt er die Dinge in Netz, die dort von ihm in der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung zu sehen sind.

Die Fülle der Gegenstände, durch die er sich arbeiten muss, ist groß und wächst beständig weiter an. „Ich bin immer damit beschäftigt“, sagt Bott. Aufhören kann er nicht. „Ich sammele nach wie vor – leider.“ Nur er hat vermutlich den Mut, sich der Flut unserer alltäglichen Dinge immer aufs Neue entgegenzustellen. Sein Archiv wird niemals vollendet sein.

Eine Ausstellung von Karsten Bott wird voraussichtlich von September bis November in der Kunst Galerie Fürth zu sehen sein. Für Ende 2021 ist mit Oliver Augst und Marcel Daemgen eine Performance geplant.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deschka, Katharina
Katharina Deschka
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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