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„Die 39 Stufen“ in Darmstadt

Was nur Theater kann

Von Christoph Schütte
Aktualisiert am 03.02.2020
 - 20:09
Wilder Wechsel: Nur Béla Uhrlau (links) ist immer Hannay, Nicole Kersten, Stefan Schuster und Robert Lang schlüpfen für Hitchcock in rund 50 Rollen
Vom schottischen Hochland sind „Die 39 Stufen“ am Staatstheater Darmstadt in die Lüneburger Heide geraten. Und zeigen, was nur Theater kann.

Wahrscheinlichkeit“, so hat es Alfred Hitchcock einmal formuliert, „Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht.“ Und in der Tat, wer die Filme dieses unübertroffenen Meisters des Suspense erinnert, wer etwa sein erstes, nach John Buchans Romanvorlage gedrehtes Meisterwerk „Die 39 Stufen“ kennt, der weiß, die Plausibilität bleibt da schon einmal auf der Strecke. Ist doch die Story um den zufällig in einen Spionagethriller gestolperten, von Scotland Yard wegen Mordes und überdies von allerlei Agenten gejagten Richard Hannay schon mal hanebüchen. Was Spannung und Dramatik in Hitchcocks frühem Meisterwerk freilich keinen Abbruch tut.

Und dem Theater, so zeigt Patrick Barlows 2005 uraufgeführte und im Londoner Westend ebenso wie am Broadway erfolgreiche Bearbeitung für die Bühne, schon gleich gar nicht schadet. Wobei Barlows nach einem Konzept von Simon Corble und Nobby Dimon entstandene Theaterfassung ohnehin nichts ferner liegt, als mit dem Film in Konkurrenz zu treten. Regisseurin Antje Thoms setzt denn auch in ihrer Inszenierung am Staatstheater Darmstadt ganz auf die Mittel des Theaters und stellt sie, mehr noch, statt sie zu überspielen, nachgerade lustvoll aus.

Eine Tür und eine Lampe

Gregor Sturm (Bühne und Kostüme) lässt da für die raschen Schauplatzwechsel auf offener Szene schon mal Kulissen vom Schnürboden herunterschweben – ein Fenster etwa, eine Tür und eine Lampe für Hannays Wohnung, kaum mehr. Bei Bedarf sieht man den Techniker auch die Windmaschine auf die Bühne schieben, und Jan-S. Beyer, der hier die musikalischen Akzente setzt, steuert mit allerlei Geräuscheffekten Atmosphäre bei.

Vor allem aber sind es die vier Schauspieler, die diese Inszenierung tragen. Und bei aller Lust am Spiel dem Publikum in jeder Szene zu verstehen geben, dass wir hier nun einmal im Theater sind. Und nicht in London oder Schottland, ja nicht einmal in Darmstadt West, wo Hannay eine Wohnung hat, in Husum oder gar auf Amrum, wohin Antje Thoms die Handlung aus unerfindlichen Gründen verlagert hat. Sicher, in Südhessen mag man sich köstlich darüber amüsieren, wenn der Zug Hannay, Pamela und den einen oder anderen Ganoven über Friedberg, Gießen, Wabern nach Celle, Hamburg, Husum rattern lässt. Und Nebel wallet allenthalben.

Mal geheimnisvoll, mal schlicht

Doch ob die Flucht aus dem fahrenden Zug durchs schottische Hochland führt oder durch die Lüneburger Heide, spielt für die Geschichte keine Rolle. Und auch für das Temperament der mal fiesen, mal geheimnisvollen und mal schlicht skurrilen Typen, denen der smarte Richard Hannay unterwegs begegnet, macht es keinen großen Unterschied. Denn das ist der eigentliche Clou dieser kriminalistischen Komödie: Dass Béla Milan Uhrlau nicht nur ein formidabler Hannay ist, Nicole Kersten das Mordopfer Annabella Schmidt, eine wortkarge Frouke und die buchstäblich an Richard Hannay gefesselte Pamela zugleich – und dass vor allem Robert Lang und Stefan Schuster alle anderen sind.

Und alle heißt hier wirklich: alle. Mister Memory und der Professor, Gangster, Großmutter und Kommissar, Lilly Marleen, ein Obdachloser und ein Bauer, ein Zeitungsjunge und ein falscher Polizist; und wenn es dunkel wird im sumpfigen Gelände überdies noch Landschaft und Kulisse. Ginster, Wasserfall oder ein Dornbusch, eine Felsspalte vielleicht und noch so allerlei. Lang und Schuster schlüpfen im Verlauf der gut zwei Stunden in 40 oder 50 Rollen. Das ist mal komisch und mal aberwitzig, und spätestens, wenn Uhrlau gegen Ende, bloß, um die Romanze zum finalen Happy End ein wenig abzukürzen, kurzerhand das Drehbuch rezitiert, bleibt von der Illusion des Kinos nicht mehr wirklich viel. Vielmehr führen es „Die 39 Stufen“ nachgerade vor. Der Zauber des Theaters aber bleibt davon gänzlich unberührt.

Nächste Vorstellungen am 2., 8., 13. und 14. sowie am 22. Februar im Kleinen Haus.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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