Jüdische Künstlerinnen

Farben, Sex und Malerei

Von Christoph Schütte
05.12.2021
, 20:15
Familienbetrieb: Anna Nero (links) und Julia Ovrutschski beim Hängen ihrer Schau in der Ausstellungshalle an der Schulstraße
1995 kamen sie als Kontingentflüchtlinge aus Russland nach Frankfurt. Jetzt zeigen Anna Nero, Julia Ovrutschski und ihre Mutter Tatjana ihre Malerei gemeinsam in der Ausstellungshalle.
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Es ist mehr als eine hübsche Anekdote. Auch wenn es eine schöne Geschichte ist. Und man tatsächlich lange zurückblicken muss, um eine vergleichbare Konstellation zu finden in all den Kunstgeschichten, die Frankfurter Familien geschrieben haben. Zwei oder mehr Generationen von Malern, das hat es zuletzt bei Wilhelm Steinhausen gegeben, dessen Tochter Marie weder eine Akademie besuchen konnte noch einfach malen durfte, was sie wollte. „Bleib du bei deinen stillen Blumen“, gab der Vater seiner Tochter vor: „Die Menschen zeigen sich nicht von ihrer besten Seite, wenn man sie malt.“

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Oder im 18. Jahrhundert mit Johann Ludwig Ernst Morgensterns Dynastie von Landschafts- und Vedutenmalern. Oder, noch ein paar Jahre früher, mit Christian Georg und Johann Georg Schütz. Frauen freilich, wie sie nun in der gleichermaßen prosaisch wie plakativ „Drei – Jüdische Malerinnen aus Frankfurt“ überschriebenen Schau in der Frankfurter Ausstellungshalle 1A zu entdecken sind, waren bis auf Marie Steinhausen nicht dabei. Und Jüdinnen ohnehin nicht.

Auch wenn das für Julia Ovrutschski erst einmal von nachgeordneter Bedeutung ist. „Es ist wichtig, dass wir drei Künstlerinnen sind“, sagt die 1961 in Sankt Petersburg geborene Malerin, die 1995 mit ihrer Mutter Tatjana und ihrer damals sieben Jahre alten Tochter Anna Nero als sogenannte Kontigentflüchtlinge nach Frankfurt kam.

Mehr als drei gute Gründe

Und in der Tat, darauf kommt es an. Dabei gibt es wohlgemerkt mehr als bloß drei gute Gründe für diese im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ eingerichtete und mit Unterstützung des Zonta Clubs realisierte Ausstellung. Und allemal mehr als drei, sei es aus der Herkunft, dem Geschlecht oder der Frankfurter Heimat sich ableitende Gründe, sie sich unbedingt anzusehen.

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Schließlich gilt es, neben der jüngsten, inzwischen längst erwachsenen Künstlerin der Familie, der spätestens mit „Jetzt!“, der großen Ausstellung junger Malerei in Hamburg, Bonn, Wiesbaden und Chemnitz auch international bekannt gewordenen Anna Nero, zwei bislang weitgehend unbekannte Frankfurter Positionen zu entdecken.

Den eigenen Platz erst finden

Dabei war die in Moskau klassisch realistisch ausgebildete Großmutter Tatjana Ovrutschski, die kurz vor der Eröffnung der Schau im Alter von 86 Jahren gestorben ist, in Russland eine erfolgreiche Künstlerin. Eine Malerin, deren figurative, stets erzählerisch motivierten Arbeiten an die neusachlichen Bilder eines Otto Dix anzuknüpfen trachten und deren bühnenartige Inszenierungen so manche Verbindung zur Malerei der ersten und zweiten Generation der Leipziger Schule aufweisen. Allein, „es ist schwer, wenn man von außen kommt“, erinnert sich Ovrutschski, die neben ihrem malerischen Schaffen seit mehr als 20 Jahren mit ihrer eigenen Malschule erfolgreich ist.

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Denn tatsächlich musste auch sie ihren Platz erst finden im Kunst- und Ausstellungsbetrieb des Westens. Ihre eigenen Themen und ihren eigenen, im Vergleich zur Mutter ungleich weniger erzählerischen, mehr von formalen Fragen geleiteten Stil indes hatte sie da längst entwickelt. Mit einer Malerei in bevorzugt bescheidenem Format, die Interieur, Stillleben oder Landschaft ahnen lässt. Doch im Grunde sind ihre Bilder von der Realität zwar inspiriert, aber weitgehend abstrakt.

Kunst von drei Generationen: Bilder der Ausstellung „Drei – jüdische Künstlerinnen aus Frankfurt“
Kunst von drei Generationen: Bilder der Ausstellung „Drei – jüdische Künstlerinnen aus Frankfurt“ Bild: Michael Braunschädel

Und doch hat die jeweils höchst individuelle Malerei von Großmutter, Enkelin und Tochter mehr gemein, als es auf den ersten Blick scheint. Was nicht nur für die hier wie dort zu beobachtende Vorliebe für gebrochene oder, wie Anna Nero sagt, „künstlichen Farben“ gilt, sondern auch für die Bedeutung des Raumes. Und der mal mehr (bei Julia), mal weniger (bei ihrer Mutter) und bei Nero ganz und gar abstrakten Formen und Motive, die in ihren Kompositionen ein merkwürdiges, sich vom Betrachter ebenso wie von der Malerin zunehmend emanzipierendes Eigenleben zu entwickeln scheinen.

Vor allem aber stehen alle drei Künstlerinnen selbstbewusst in ihrer Zeit, ob sie nun Geschichten aus dem auch die emanzipierten Frauen der Sowjetunion überfordernden Haushalt, der Manege, einer Bar oder dem Varieté erzählen. Oder ob sie aus nichts als Farbe, Linien und Flächen weitgehend abstrakte Räume generieren. Oder, wie Nero, abstrakte Figuren vor einem Raster anordnen, deren Realität ganz offensichtlich eine digitale ist.

„Die Außenwelt“, so die in Mainz und Leipzig ausgebildete Künstlerin, „ist für mich nicht so relevant“. Was allenfalls die halbe Wahrheit ist. Zwar finden sich in ihren Bildern überall Formen wie aus dem 3D-Drucker. Und doch sind es Motive, die, ebenso wie das Formvokabular von Mutter und Großmutter, am Ende stets auf eine Form von Wirklichkeit zurückverweisen. Allein die stillen Blumen früherer Jahrhunderte sind ihnen allen entschieden zu wenig. „Bei meiner Oma geht es vor allem um Frauen“, bringt Anna Nero es auf den Punkt: „Bei mir geht es immer um Sex.“ Darum, sich zu behaupten. Als Frau und als Künstlerin. Und, wie bei allen Frauen in dieser bemerkenswerten Frankfurter Familie: um die Malerei.

„Drei – Jüdische Malerinnen aus Frankfurt“ Ausstellungshalle, Schulstraße 1a, bis 19. Dezember, geöffnet mittwochs und donnerstags von 14 bis 20 sowie freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr. Finissage mit Vorstellung des Katalogs am 19. Dezember von 16 Uhr an.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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