Gemeinsames Kunstprojekt

Ein Kunstwerk im Weltall, eine Botschaft für Afrika

Von Nicole Nadine Seliger, Darmstadt
11.06.2022
, 22:46
Ein Wettersatellit wird mit einem Kunstwerk aus Afrika ins All geschickt. Mit dem Kunstprojekt soll auf den Klimawandel und seine verheerenden Folgen für den Kontinent aufmerksam gemacht werden.
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Nicht weniger als Botschafter eines ganzen Kontinents sollen Géraldine Tobé, Jean David Nkot und Michel Ekeba sein. Die drei Künstler aus Afrika haben mit „Memory of today, memory of the future“ ein Werk geschaffen, das weit über die Grenzen ihres Erdteils hinaus wirken soll – bis hinein in das Weltall. Was aberwitzig klingt, ist das Ergebnis des African Space Art Projects, eines 2018 gestarteten Wettbewerbs auf Initiative der französischen Nichtregierungsorganisation African Artists for Development (AAD-Fund), dem Vermarkter der Ariane-Trägerraketen, Arianespace, und EUMETSAT, der in Darmstadt ansässigen Betreiberorganisation von Wettersatelliten. Gesucht wurde ein Kunstwerk, das auf die strategische Bedeutung der Wettersatelliten für Afrika aufmerksam macht, dem Kontinent, der am wenigsten CO2 zur weltweiten Menge beiträgt, aber am stärksten unter der globalen Erderwärmung und Extremwetterereignissen leidet. Umso wichtiger sind meteorologische Daten, wie sie der Satellit sammelt. Für den Flug ins Weltall wird das Werk der drei Künstler in digitalisierter Form auf der Trägerrakete angebracht. Komplett unüblich sei dies, versichert Vincent Gabaglio, bei EUMETSAT für internationale Kooperationen zuständig. „Der Platz auf der Trägerrakete ist eigentlich unbezahlbar.“

Stolz sei er, an diesem Projekt mitzuarbeiten, sagt Nkot, der im Mai gemeinsam mit Tobé zur Vorstellung des Werks in die EUMETSAT-Zentrale nach Darmstadt gekommen ist. „Dass wir einen Satelliten haben, der unserem Kontinent gewidmet ist, ist toll.“ Im Januar 2022 begannen Tobé, Nkot und Ekeba – drei renommierte Künstler in ihrer Heimat – mit der Arbeit und lebten dafür zwei Monate gemeinsam in einem Haus in Benin, das vom Kulturministerium des Landes bereitgestellt wurde. Wie arbeiten Künstler zusammen, die es gewohnt sind, solo kreativ zu sein? „Die Frage haben wir uns jeden Tag gestellt“, erzählt Nkot und lacht. Leicht sei es nicht gewesen. „Die Herausforderung war, unsere Egos zu überwinden“, ergänzt er. „Aber es gab die Notwendigkeit, eine Botschaft für die Welt und für Afrika zu formulieren, und daraus ist etwas entstanden, das wir nur Hand in Hand erreichen können“.

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100 ausgewählte junge afrikanische Künstler unter 40 Jahren waren gebeten worden, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Vorgaben gab es kaum. Erlaubt waren alle Techniken und Stilrichtungen: von Malerei und Fotos über Skulpturen bis zu Performances. Wichtig war nur, dass sich die Idee mit den Themen Weltall und Klima beschäftigte. 60 der eingeladenen Künstler reichten einen Vorschlag ein. Eine Jury aus Musikern, Schauspielern und Künstlern wählte daraus die drei Finalisten, Géraldine Tobé und Michel Ekeba aus der Demokratischen Republik Kongo sowie den Kameruner Jean David Nkot, die sich einer weiteren Jury stellen mussten. Als diese 16 Vertreter sich nicht entscheiden konnten, fragten sie die verbliebenen Künstler nach einer gemeinsamen Arbeit als Trio. Das fertige Kunstwerk ist nun die Kombination der drei Ideen.

Eine Replik wird langfristig in Darmstadt bleiben

Nacheinander haben sie an dem circa 80 Zentimer mal zweieinhalb Meter großen Werk gearbeitet: Zunächst die Kartographie in Acryl von Nkot als Hintergrund, danach brannte Tobé die Silhouetten einer Frau, die sich erhebt und zum Laufen ansetzt, mit Fumage-Technik in die Leinwand. Das Motiv soll auch symbolisieren, wie sich die Menschen der Zukunft zuwenden, erklärt die Künstlerin. Schließlich die Fotos der Astronautenanzüge, die Performance-Künstler Ekeba aus recycelter Elektronik herstellt. Die unterschiedlichen Farben der Astronauten sollen die verschiedenen Klimazonen Afrikas symbolisieren, erzählt Nkot. Das Original von „Memory of today, memory of the future“ wird zwar die Erde nicht verlassen, auf Reisen geht es aber dennoch: Unter anderem in Paris, Brüssel, Tansania, Benin, Marokko, Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo und Südafrika wird es ausgestellt, ehe es schließlich an die African Union Commission übergeben werden soll. Eine Replik wird langfristig in Darmstadt bleiben.

„Man sollte ein Kunstwerk nicht nur einmal anschauen, sondern immer wieder Neues entdecken“, sagt Nkot und weist auf zahlreiche Details hin, die Elemente des gesamten Kontinents vereinen: Weiße Schriftzeichen auf der Leinwand stammen vom Volk der Dogon aus Mali und sollen die Verbundenheit mit der Vergangenheit symbolisieren, kleine Falkenköpfe innerhalb von Tobés Frauengestalten ähneln optisch Federn; beide sollen an die Voodoo-Kultur in Benin erinnern. Immer wieder betonen die Künstler im Gespräch, wie wichtig es ihnen ist, den gesamten afrikanischen Kontinent und alle Gesellschaftsschichten anzusprechen, denn „die Erderwärmung betrifft alle Menschen, unabhängig von deren Herkunft“, sagt Tobé. Es sei wichtig, die Menschen für die Veränderungen durch den Klimawandel zu sensibilisieren, „um besser zu verstehen, wie das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt funktioniert und wie wir diese Erde schützen können“, sagt sie.

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Satellit ist Teil einer neuen Generation

Für den afrikanischen Kontinent ist dieser Schutz von großer Bedeutung. Die Auswirkungen des Klimawandels seien schon jetzt deutlich spürbar, erzählt Nkot. „Es ist eine Herausforderung, die Landwirtschaft so zu betreiben, dass sie den Klimawandel besteht“, sagt er und erzählt von dem wichtigen Kreislauf aus Regenzeit und Trockenperiode, der etwa für den Anbau von Getreide unentbehrlich ist. Durch die Klimaverschiebung gerät diese Abfolge aus dem Gleichgewicht, und es wird schwieriger, den genauen Zeitraum und die Intensität der Regenzeit zu bestimmen. „Die Informationen der Wettersatelliten können helfen, die guten Aussaatzeiten besser zu finden“, sagt Nkot. Auch für die Fischerei seien die Daten wertvoll. Da es auf dem afrikanischen Kontinent weniger Wetter-Bodenstationen gibt als beispielsweise in Europa, sind die Daten der Satelliten von großer Bedeutung. Sie können helfen, Wettereinflüsse und Extremwetterereignisse genauer vorherzusagen.

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Voraussichtlich Ende 2022 soll der Satellit mit dem digitalisierten Kunstwerk ins All geschossen werden, Start ist in Kourou in Französisch-Guayana an der Nordostküste Südamerikas. Der Satellit ist Teil einer neuen Generation und soll so genauere Wettervorhersagen als bisher ermöglichen. Da die Achsen stabil sind und sich nicht bewegen, können mehr Bilder erstellt werden als bisher, erklärt EUMETSAT-Mitarbeiter Gabaglio. Auch die Auflösung der Bilder sei höher, die Daten dadurch präziser. Eigene Prognosen trifft EUMETSAT allerdings nicht: Von Darmstadt aus werden die Satelliten gesteuert, die Daten werden dann an Wetterdienste, Forschungseinrichtungen und private Institutionen wie Fluggesellschaften weitergegeben, die diese auswerten und Vorhersagen erstellen.

Insgesamt 20 Jahre lang soll der Satellit an seiner Stelle im Weltall bleiben und die wichtigen Daten liefern. Das Vorhaben kostet EUMETSAT etwa 3 Milliarden Euro, gibt Gabaglio an. Auf das Kunstprojekt sei nur ein sehr kleiner, „nicht signifikanter“ Anteil entfallen. Wenn der Satellit, 36.000 Kilometer von der Erde entfernt, seinen endgültigen Platz erreicht hat, wird das Werk der drei Künstler allerdings schon nicht mehr dabei sein. Es verglüht mit dem Rest der Trägerrakete kurz nach dem Start. Der Weg ins All ist für das Kunstwerk daher eher ein symbolischer. Aber einer mit großer Bedeutung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seliger, Nicole Nadine
Nicole Nadine Seliger
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung
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