Jazzband in Existenznot

Von Weltruf, aber ohne Gagen

Von Wolfgang Sander
Aktualisiert am 08.07.2020
 - 20:00
Unterhaltung seit 1953: Die Barrelhouse Jazzband ist  nach der Dutch Swing College Band die älteste noch aktive Jazzband weltweit.
Die Barrelhouse Jazzband ist Frankfurts und Deutschlands Aushängeschild des traditionellen Jazz. Doch wenn sich ihre prekäre finanzielle Situation unter Corona nicht bald ändert, ist die Existenz der Gruppe massiv gefährdet.

So alt ist kaum eine andere geworden. Die Barrelhouse Jazzband, Frankfurts und Deutschlands Aushängeschild des traditionellen Jazz, geht schon langsam auf die siebzig zu. Im Jahr 1953 wurde das Septett um den Klarinettisten Reimer von Essen gegründet. Damit ist sie nach der Dutch Swing College Band die älteste noch aktive Jazzband weltweit. Kollektiv wurde das Ensemble schon 1968 in den Adelsstand eines Ehrenbürgers der Stadt New Orleans erhoben, eine Auszeichnung, die sie als Bewahrer eines großen kulturellen Erbes auch verdient hat. Das weiß man natürlich in der Region ebenfalls zu schätzen, wo der Bandleader 2011 den Hessischen Jazzpreis und vor einem Jahr die Goethe-Plakette des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst erhielt.

Was aber hilft das alles in Corona-Zeiten, in denen das öffentliche Konzertleben brachliegt und damit alle freischaffenden Musiker stillgestellt sind? Was hilft es vor allem bei der prekären finanziellen Situation, wie die Beispiele von vier Mitgliedern der Barrelhouse Jazzband zeigen?

Der Pianist Christof Sänger, neben seiner Tätigkeit in der Band ein hochgeschätzter Solist, kam von einer Japan-Tournee zurück, als die Pandemie ausbrach. Neben den Barrelhouse-Konzerten sollte es noch eigene Auftritte in Spanien und Russland geben. Anfang März aber war Schluss mit allen Auftritten, was seine Einnahmen auf null setzte. Auf die Anfrage nach finanzieller Unterstützung wurde er an das Jobcenter verwiesen, da die Soforthilfe nur für Betriebskosten gilt, die bei ihm kaum anfallen. Nach etlichen Anträgen und sechs Wochen, in denen er von Rücklagen lebte, bekommt er nun 500 Euro monatliche Unterstützung bis September, was nicht mal reicht, um die Kredite abzuzahlen.

Auch bei dem Schlagzeuger Michael Ehret fallen seit März hundert Prozent der Gagen weg. Andere wichtige Projekte hat er seit einiger Zeit aufgegeben, um sich auch um das Booking für die Band zu kümmern. Die Zusatzeinnahmen dafür gibt es aber nun auch nicht mehr, weil man keine Aufwandsentschädigung für nicht durchgeführte Konzerte von März bis September geltend machen kann. Da die Corona-Soforthilfe der Hessischen Landesregierung für Kunst und Kultur nur für diejenigen gilt, die bei der Künstlersozialkasse versichert sind, Ehret aber zur AOK gehört, fällt er auch hier ersatzlos durch das Raster.

Roman Klöcker wiederum, der Gitarrist der Band, war Gründer und langjähriger Leiter des Jazzclubs „Cavete“ in Marburg, von 1980 bis 2011, und daher privat krankenversichert. Erst mit der zusätzlichen Anstellung an der Marburger Musikschule 1994 konnte er sich einer gesetzlichen Krankenversicherung anschließen. Mit Eintritt in das Rentenalter vor sechs Jahren wurde er wegen zu weniger Versicherungsjahre aus der gesetzlichen Versicherung entlassen, musste sich für 400 Euro monatlich „freiwillig“ versichern und erhält jetzt 130 Euro Rente. Seine Lebenshaltung konnte er bisher mit den Konzerten der Barrelhouse Jazzband stemmen. Das fällt bei ihm nun ebenfalls aus.

Schließlich die Bassistin Lindy Huppertsberg. Ihren Wohnsitz hat sie in Rheinland-Pfalz, wo drei Monate Soforthilfe für reine Betriebskosten gezahlt werden, die bei ihr wie bei dem Pianisten nur in sehr geringen Maßen vorhanden sind. Zur Deckung ihrer monatlichen Kosten wurde auch ihr vom Landesmusikrat empfohlen, sich an die Agentur für Arbeit zu wenden, um Sozialhilfe zu beantragen. Dazu sagt sie, sie sei weder ein Sozialfall noch wirklich arbeitslos, allenfalls könne man von einem Berufsverbot sprechen.

Existenz der Band ist massiv gefährdet

Was dies alles für Musiker bedeutet, die jahrzehntelang von ihrer Konzerttätigkeit gelebt haben, im Rampenlicht standen und nun Hartz IV beantragen sollen, lässt sich nur erahnen. Dass es mehr als vier Millionen Selbständigen in Deutschland so geht und nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 57 Prozent von ihnen mit Umsatzrückgängen zu kämpfen haben, ist für die Künstler nur ein schwacher Trost.

Deshalb ist die Band jetzt auch tätig geworden und hat einen Corona-Hilfsfonds mit der Website startnext.com eingerichtet, auf der für die Band gespendet oder ein Unterstützer-Ticket von 25 Euro an für ein Konzert erworben werden kann, das im nächsten Frühjahr stattfinden soll. Damit möchte man die Gagen-Nullrunde abmildern, die seit Februar für die Band anhält und hoffentlich bald zu Ende geht. Denn wenn der Zustand anhält, ist die Existenz der Band massiv gefährdet. Es wäre ein großer Verlust für die Jazzstadt Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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