Forced Entertainment

Theater kann Leben retten

Von Eva-Maria Magel
18.11.2020
, 11:39
Die Performergruppe Forced Entertainment versucht, trotz aller Widrigkeiten weiter Kunst zu machen – mit den Mitteln, die eben gerade zur Verfügung stehen. Mit „Tabletop Shakespeare At Home“ unterhält sie Zuschauer in aller Welt.

Was war an diesem letzten Abend der rührendste Moment? Schwer zu sagen. Vielleicht war es jener, in dem Richard Lowdon das Ende des „Sturms“ leicht abgewandelt hat. Der Tisch völlig leer, auch die grüne Likörflasche, die als Prospero aufgetreten war, zieht sich zurück. Das Theater bittet um einen letzten Applaus, um eine Erlösung. Was für ein Abtritt! Nach 36 Abenden an den Küchen-, Wohnzimmer- oder Schreibtischen von Lowdon und Cathy Naden, Claire Marshall, Robin Arthur, Terry O’Connor und Jerry Killick.

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Vielleicht war es aber doch jener Zuschauer aus Los Angeles, der beteuerte: „Sie haben die Welt leichter gemacht in diesen Monaten.“ Oder die zarte alte Dame aus Großbritannien, die fast alle der 36 Folgen mit ihrem dementen Ehemann gesehen hat, der ruhig wurde und zuhörte, wenn die Performer aus Sheffield von Coriolan erzählten, von Henry IV. oder Romeo und Julia. Seit dem 17. September lief, immer von Donnerstag oder Freitag bis Sonntag, je eine Folge der „Complete Works: Tabletop Shakespeare At Home“. Der Versuch der schon legendären Performergruppe Forced Entertainment, trotz aller Widrigkeiten weiter Kunst zu machen, mit den Mitteln, die eben gerade zur Verfügung stehen.

Kunstleistung von Performer wie Publikum

Der Frankfurter Mousonturm, wo „Complete Works: Tabletop Shakespeare“ als Live-Serie 2018 gastierte, hat nun die Online-Version dieses wunderbaren Projekts über Monate hinweg in sein Programm aufgenommen. „Es war eine große Reise“, sagte Tim Etchells, der Kopf der seit 36 Jahren verbundenen Performergruppe, nach „The Tempest“. Seit 2013 experimentieren die sechs Performer damit, Shakespeare in ihren je eigenen Erzählungen, in einstündigen Versionen, mit Haushaltsgegenständen buchstäblich auf den Tisch zu bringen, und tourten damit bislang um die Welt.

Die Kunstleistung erbringen dabei beide, Performer wie Publikum: Denn nur durch die Kraft der Erzählung ein Wasserglas zum sterbenden Helden zu machen, der uns zu Tränen rührt, braucht unsere Imagination. „Daran arbeiten wir seit Jahrzehnten“, so Etchells. Die Resonanz des Publikums zeigte auch am Ende der Serie, dass in dieser Zeit des theatralen Darbens und des digitalen Überdrusses diese so schlichte, unpathetische Form des dramatischen Erzählens genau die richtige war, um das Leben vieler Zuschauer entschieden zu bereichern. Ein starkes Plädoyer für die „Systemrelevanz“ von Theater.

Von regelrecht therapeutischen, medizinischen Effekten des „Tabletop Shakespeare“ in der Corona-Zeit berichtete auch ein Zuschauer aus Kalifornien, denn zum wohl letzten der sonntäglichen Publikumsgespräche über Zoom nach der Ausstrahlung hatten sich Zuschauer aus aller Welt eingefunden.

Zum Abschied konnte Etchells verkünden, die gesammelten Aufnahmen seien, anders als bisher geplant, noch mehrere Wochen im Youtube-Kanal und auf der Internetseite der Gruppe zu sehen. Eine gute Nachricht. Denn der Online-Tisch-Shakespeare wird sicher auch ohne feste Termine seine Kraft entfalten.

„Tabletop Shakespeare“ ist bis 31. Dezember auf dem Youtube-Kanal von Forced Entertainment zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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