Videokunst und Performances

Formen des Miteinanders

Von Eugen El
Aktualisiert am 29.11.2019
 - 16:55
Laid back: Ayla Pierrot Arendt verbindet Videokunst und Live-Performances
Ein Gefühl für den Raum: Die Frankfurter Künstlerin Ayla Pierrot Arendt verbindet Videokunst und Live-Performances.

Es ist eine Überraschung: Als Ayla Pierrot Arendt, bekannt als Performancekünstlerin und Regisseurin, einen Einblick in ihr Frankfurter Atelier gewährt, fallen zuallererst zwei große Gemälde ins Auge. Auf den nicht aufgespannten Leinwänden sind gemalte und gesprühte, dynamische Formen und Strukturen zu sehen. Sie erinnern an Pflanzen oder an Tentakel. „Es ist eine neue Entwicklung“, gibt Arendt zu. Seit ihrem Studienabschluss an der Wiener Akademie der bildenden Künste im Jahr 2011 habe sie kein einziges Mal Gemälde ausgestellt. Dabei habe sie die ganzen Jahre weiterhin gemalt – „viel zu groß und immer relativ schnell auch“, wie die 1987 geborene Künstlerin sagt.

Ihre Malerei hatte Arendt nicht ohne Grund in den Hintergrund gerückt. Nach einem weiteren Studium am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft entwickelte sie mehrere Video-Choreographien, in denen sich Live-Performance und Videokunst verband. Im November 2018 war im Frankfurter Mousonturm das von Arendt konzipierte Tanzstück „Harmless Being“ zu sehen. Die Performerinnen Katja Cheraneva und Su-Mi Jang entführten das Publikum laut Ankündigungstext in „eine fluide Welt, in der alternative Formen des Miteinanders verhandelt werden“.

Seit 2017 führt Arendt zudem ihre Solo-Live-Performance „Octopussy on Tour“ in aller Welt auf, so etwa in Zürich, Gdansk oder Paris. Bei dieser Video, Sound und Malerei verbindenden Performance gehe es um die Idee des Eingeladenwerdens, sagt Arendt. Es gehe darum, an einem Versammlungsort aufzutreten und die dortige Gemeinschaft in performative, installative Situationen zu übersetzen. Arendt formuliert ihre Gedanken in einer klaren, bisweilen aber ins Abstrakte neigenden Sprache. „Ich bin eine sehr konzeptuelle Künstlerin“, sagt sie.

Abguss einer Hand

Ihr Atelier im dritten Obergeschoss der Frankfurter „basis“ wirkt angenehm unaufgeräumt. Der Raum, den Arendt mit einer Grafikdesignerin teilt, verbirgt seine tägliche Nutzung nicht. Hier und dort sind Requisiten und Kostüme aus Arendts Choreographien zu sehen. Auf einem Stuhl liegt ein schwarzes Latex-Objekt: ein mit etlichen Stofffäden durchzogener Abguss einer Hand. Das Objekt habe sie für eine Performance entwickelt, die ihre Malerei einbeziehen sollte, sagt die Künstlerin.

Dass sie ihre Gemälde wieder öffentlich zeigt, ist unterdessen das Ergebnis eines jahrelangen Nachdenkens. „Ich bin gerade zu dem Schluss gekommen, dass Malerei der Ausgangspunkt ist von dem, wie ich zur Choreographie kam“, sagt Arendt. Die Größe ihrer Gemälde erweist sich als Schlüssel zum Verständnis dieser Verbindung. Weil sie groß seien, gehe es nicht vordergründig um das eher intellektuelle Fassen des Bildmotivs, sondern um eine Beziehung mit dem Betrachter und auch um ein eher körperliches Raumgefühl. Um eben dieses Raumgefühl, aber auch dessen Veränderung, gehe es auch in ihren Performances, erklärt die Künstlerin.

„Ich bin der komplette Ateliermensch“

Auch hebt sie deren Live-Aspekt hervor. Es sei Teil des Stückes, wie sich die Betrachter verhielten und wie sie sich interessierten. Arendt erzählt von einer Szene in „Harmless Being“, in der die Performerinnen die Grenze zwischen Publikum und Bühne aufhoben und einen, wie sie sagt, „geteilten Raum“ schufen. Sie habe kein Interesse an der reinen Präsentation eines fertig gedachten Bildes, Stücks oder Objekts, sagt Arendt. Ihre Formate müssten den Betrachter einbeziehen, seien jedoch nicht partizipativ gedacht.

Durch das offene Fenster dringt indessen das laute Geräusch einer Sirene ins Atelier. Arendt betont die Bedeutung ihres Arbeitsraums: „Ich bin der komplette Ateliermensch.“ Sie sei ganztägig dort. Kreativ arbeite sie vor allem nachts. Ansonsten sei sie viel unterwegs. Als Arendt aus Wien an die Gießener Universität wechselte, zog sie direkt nach Frankfurt. Sie habe drei Jahre in Amerika gelebt, geboren sei sie aber in Bayern. „Ich glaube, ich schätze es sehr, dass es eine Art Höhe um mich gibt“, sagt Arendt, auf Hochhäuser und Berge anspielend. Frankfurt tue so, als wäre es eine Metropole und groß. Eigentlich sei die Stadt aber sehr klein. Darin sieht Arendt einen Vorteil: „Man hat hier die Möglichkeit, tolle Leute aus aller Welt kennenzulernen.“

In Frankfurt habe sie inzwischen ein kleines Netzwerk mit Personen aus den Bereichen Musik, Video, Performance und bildende Kunst aufgebaut. Im Ausstellungsbetrieb ist Arendt bisher nicht präsent gewesen. Sie nennt vor allem das Künstlerhaus Mousonturm als wichtigen Anbindungspunkt: „Dort habe ich schon verschiedene Dinge ausprobieren können und werde auch immer wieder eingeladen.“ Nun war sie aber erst einmal wieder auf Reisen. In Karlsruhe zeigte sie ihre Gemälde zusammen mit Videos. Mit „Octopussy on Tour“ war sie außerdem Ende Oktober in Japan unterwegs.

„Ich habe eine riesige Idee seit Januar“, sagt sie dann noch. Sie arbeite an einer immersiven Performance, die Videospiel- und „Escape-Room“-Logik zusammenbringe. Konkreteres kann sie dazu noch nicht erzählen. Ihre Konzepte lässt Arendt lange reifen: Das neue Stück werde sie wahrscheinlich erst Ende 2020 oder Anfang 2021 aufführen.

Quelle: F.A.Z.
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