Foto-Ausstellung in Wiesbaden

Glückliche Wissenschaft

Von Katinka Fischer
25.09.2021
, 15:50
Forschung und Leidenschaft: Die Immunologin Faith Osier präsentiert ihr Anliegen
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Die Kunsthalle Wiesbaden präsentiert neue Aufnahmen der Fotografin Herlinde Koelbl. Sie ist bekannt für sensible Poträt-Studien. Die Ausstellung zeigt nicht nur die Gesichter der Fotografierten.
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Naturwissenschaftler sind glückliche Menschen. Auf den Schwarzweißaufnahmen von Herlinde Koelbl sehen sie jedenfalls so aus. Modell saßen der Fotografin Immunologen, Biochemiker, Mikrobiologen, Meeresforscher und was es sonst noch gibt an Spezialisten, von deren Betätigungsfeldern Durchschnittsbürger vielleicht schon gehört haben, aber nicht das Geringste verstehen. Und alle haben ein Lachen, ein Schmunzeln, einen so offenen, entspannten und, vor allem, freien Ausdruck im Gesicht, dass man sie um das, was sie tun, nur beneiden kann.

Koelbl ist bekannt für sensible Porträt-Studien. Mit ihrem Namen verbindet man unter anderem die Langzeitbeobachtung „Die Spuren der Macht“, die dokumentiert, wie die Last des Amtes die Mienen von Politikern wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Angela Merkel verändert. Für ihr jüngstes Projekt „Faszination Wissenschaft“ war Koelbl – noch vor Corona – fünf Jahre quasi in der ganzen Welt unterwegs zu 60 wegweisenden Forschern, die sie an ihren jeweiligen Wirkungsstätten interviewt und fotografiert hat. Nach der Auftakt-Ausstellung 2020 in der Berliner Akademie der Wissenschaften präsentiert die Kunsthalle Wiesbaden die Ergebnisse jetzt erstmals im musealen Kontext.

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Expressive Gesten im Kontrast zur ruhenden Erscheinung

Die Forscher zeigen der Fotografin nicht allein ihr Gesicht. Neben ihrem wichtigsten Arbeitsinstrument, dem Kopf, verkörpern sie ihr Fach auch mit den Händen, deren oft expressive Gesten einen Kontrast zu der ansonsten in sich ruhenden Erscheinung der Porträtierten bilden. Auf den Innenflächen haben sie ihr Tun mit schwarzem Filzstift auf eine untypisch subjektive Formel gebracht. Der amerikanische Chemiker Richard Zare zum Beispiel, dessen Hände sich wie Schwingen eines Vogels vor seiner Brust ausbreiten, versinnbildlicht den für akademischen Erfolg unabdingbaren Zweifel mit zwei Fragezeichen erfrischend klar. Sein israelischer Kollege David Avnir indes fordert auf seiner wie zum Segensgestus erhobenen Hand: „Go wild“ und korrigiert damit das Image vermeintlich lebensferner Forschertätigkeit. Die kenianische, in Heidelberg lehrende Immunologin Faith Osier wiederum formuliert das ernste Anliegen „Make Malaria History“, während Meeresforscherin Antje Boetius mit einem von Fischlein umkreisten Zweimaster ihr zeichnerisches Potential zu erkennen gibt und die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard den Betrachtern ein Kurvendiagramm entgegenhält.

Den Eindruck, dass sich Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm abspielt, untermauern anonyme Zitate wie „Lassen Sie sich vom Scheitern zum Erfolg führen“ oder „Die Vorstellung des ,Heureka‘ ist ziemlich unromantisch. Forschung ähnelt der Besteigung des Mount Everest“. Die Wandtexte lockern die Bilderreihe auf, die den L-förmigen Ausstellungsraum säumt, während ihn fünf mittig von der Decke hängende Fahnen zu einer Installation machen. Auf den Vorder- und Rückseiten dieser Großformate sieht man die Konterfeis von Nobelpreisträgern oder Mitarbeitern der als Kooperationspartner der Schau firmierenden Max-Planck-Gesellschaft.

Dass Wissenschaft einerseits etwas sehr Gerechtes ist, weil sie ganz offenbar nicht nach Alter, Geschlecht oder Hautfarbe unterscheidet, wird ebenso sichtbar wie eine große Ungerechtigkeit: dass nämlich immense individuelle Leistungen in keinem Verhältnis stehen zu einem in der breiten Öffentlichkeit meist nur geringen Bekanntheitsgrad. Koelbls Aufnahmen geben der Wissenschaft somit ein Gesicht. Einblick in ihre Interviews erhält man im Foyer der Kunsthalle auf mehreren Bildschirmen. Sie bestätigen noch einmal, dass Forschung viel mit Leidenschaft zu tun hat. Vor allem aber liegt in den ausführlichen und einfühlsamen Gesprächen wohl auch der Schlüssel dafür, dass sich die Wissenschaftler vor Koelbls Fotokamera derart geöffnet haben.

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Die Ausstellung „Herlinde Koelbl. Faszination Wissenschaft“ in der Kunsthalle Wiesbaden, Schulberg 10, ist bis zum 31. Oktober dienstags, mittwochs sowie freitags bis sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr und donnerstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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