Fotografie-Serie in Frankfurt

Erste und letzte Fragen

Von Christoph Schütte
Aktualisiert am 08.11.2020
 - 12:01
Und die Wolken ziehen dahin: „Ohne Titel“ aus Jitka Hanzlovás Serie „WATER“, 2013 – 2019
Natur und Landschaft stehen im Zentrum der Arbeiten von Jitka Hanzlová. Diese können auch hochpoetisch sein. Die Galerie Peter Sillem in Frankfurt zeigt nun Fotografie-Serien der tschechischen Künstlerin.

Das Kabinett ist beinahe ein Schock. Nicht dass es hier und mithin zum Finale der Ausstellung in der Galerie Peter Sillem irritierende, aus dem Rahmen fallende Fotografien zu entdecken gäbe, im Gegenteil. Hier, angesichts eines saphirblau vor sich hinschmelzenden Eisblocks, von Freizeit, Sommer, Strandvergnügen und einem türkisfarbenen Meer wie aus dem Reisekatalog, kann man vielmehr Jitka Hanzlová dabei zusehen, wie sie gleichsam den Epilog zu ihrer aktuellen Serie formuliert. Und der stimmt auf eine Weise melancholisch, wie man es angesichts der vorangegangen Kapitel der schlicht „Water“ überschriebenen Folge und auch angesichts des bisherigen Werks der 1958 im tschechischen Náchod geborenen Künstlerin nicht erwartet hat.

Sicher, immer schon steht neben dem Porträt der Kontext, stehen überdies die Natur und die Landschaft im Zentrum ihres Interesses. Und seit jeher mag man Arbeiten wie „Flowers“ oder den großartigen Zyklus „Forest“ nicht nur als Variationen eines nachgerade klassischen Themas, sondern als hochpoetische Erzählung lesen. Als eine Allegorie, die sich auf zarte, ganz beiläufige Art und Weise den ersten wie den letzten Fragen widmet. Hell und Dunkel, Einsamkeit und Nähe, die sich selbst genügende Natur und der menschliche Blick markieren das Spannungsfeld, auf dem sich Hanzlovás Kunst allmählich erst, doch nachhaltig entfaltet. Was bleibt, ist der intime, vom Werden und Vergehen flüsternde und doch im Bild aus aller Zeit gefallene Augenblick.

Von dem fotografischen Paradox „der Präsenz einer Art Zeitlosigkeit“ hat nicht von ungefähr John Berger in seinem berührenden Essay zu „Forest“ gesprochen. Und wiewohl „Water“ eine im Vergleich dazu wesentlich abstraktere Werkgruppe vorstellt, knüpft Hanzlová mit ihrer aktuellen Serie genau hier an. Was die Arbeiten im Kabinett nur umso irritierender erscheinen lässt. Denn während die in Island entstandenen Aufnahmen von im Eis erstarrten Formationen, während die Sedimente, Quellen und sanft glucksenden Gewässer und keineswegs zuletzt die grandiosen Wolkenformationen ganz Ziehen, Klirren, Fließen und nichts als Form- und Formlosigkeit, Struktur und Auflösung vorstellen, tritt Hanzlová mit ihrer Kleinbildkamera nun einen Schritt zurück.

Auch hier gelingen ihr starke, den Betrachter berührende Bilder. Und doch, kein Zweifel, kehrt mit dem Menschen, mit dem das malerische Allover fassenden Horizont und mithin mit der Landschaft anstelle der Natur die aufgehobene Zeit im Werk der Essener Künstlerin zurück. Das Staunen angesichts von nichts als Fließen, Erkalten und Erstarren, von nichts als Dichte, Transparenz und Licht und Farbe vorstellenden Bildern lässt sich zwar auch vor diesem Epilog zu „Water“ nicht vertreiben. Und doch scheint uns die Welt mit einem Mal entzaubert. Man kommt und schaut und bleibt und geht. Das ist alles. Und unterdessen vergeht die Zeit.

DIE AUSSTELLUNG in der Frankfurter Galerie Peter Sillem, Dreieichstraße 2, ist bis 12. Dezember mittwochs und freitags von 10 bis 16 Uhr, donnerstags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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