Fotokunst bei Nacht

Merkwürdige Lichter

Von Eugen El
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 19:52
Kreative Atmosphäre: Felicitas von Lutzau im Offenbacher Gemeinschaftsatelier
Die Fotokünstlerin Felicitas von Lutzau aus Offenbach schafft Bilder, die schön und unheimlich sind. Wie die Moore, die sie faszinieren. Am liebsten fotografiert sie bei Nacht.

Die Gefahr ist immer präsent. Bisweilen verbringt Felicitas von Lutzau ihre Nächte in Mooren, Wäldern und Berglandschaften, um dort zu fotografieren. Dabei begibt sie sich bewusst in gefährliche Situationen. Auf diese Weise, meint die 1988 geborene Künstlerin, werden ihre Bilder „unheimlich und schön“. „Ich finde es am besten, wenn ich mich beim Fotografieren selbst ein bisschen fürchte“, bekennt sie und ergänzt: „Ich liebe die Nacht.“

Eine dunkle Romantik durchzieht von Lutzaus künstlerisches Selbstverständnis. Von ihrer freundlichen Seite präsentiert sie sich unterdessen an einem unverhofft sonnigen und warmen Herbstnachmittag. Von Lutzau strahlt Elan und Energie aus. Den Besucher empfängt sie im Offenbacher Atelier „Wäscherei“, das sie gemeinsam mit zwei Fotografen und sieben weiteren Künstlern nutzt. Der kreative Gemeinschaftsgeist spiegelt sich in der angenehm unaufgeräumten Verfassung des Ateliers wider. Ein auf Effizienz und Vereinzelung getrimmtes Kunstlabor sieht jedenfalls anders aus.

„Ich habe mich nachts auf die Lauer gelegt“

An einer Wand zeigt von Lutzau mehrere Fotografien aus der 2019 entstandenen Serie „Encounters“. Sie sind Teil ihrer künstlerischen Abschlussarbeit an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), wo sie bei Martin Liebscher studierte. Mit ihrer Lichtintensität und Farbpracht fesseln diese Landschaftsbilder den Blick. Als Motiv wählte von Lutzau eine nach ihren Worten „ur-unheimliche Landschaft“: Sie reiste zum schottischen Rannoch-Moor, dem Teufelsmoor in Worpswede und dem Schwarzen Moor in der Rhön.

„Ich habe mich nachts auf die Lauer gelegt“, berichtet die Künstlerin. Und sie erlebte dabei eine unheimliche Atmosphäre. Das Gluckern und Schmatzen des Moores habe sich langsam in ein Flüstern verwandelt. Sie habe zudem schreiende Füchse und auch röhrende Hirsche gehört. Diese Spannung ist in den Fotografien ein Stück weit spürbar. Die Aufnahmen geben weitere Rätsel auf. Hier und dort fallen ungewöhnliche Lichtphänomene ins Auge – etwa ein langer Streif, der über einem See liegt, oder ein Licht, das über einem auf einem Bergkamm stehenden Hirsch schwebt.

Verschneite Gletscherlandschaften und mystische Wälder

Woher kommen diese Lichterscheinungen? Ihre Bildmotive seien nicht digital bearbeitet, beteuert von Lutzau. Im Atelier wähle sie die Fotografien lediglich aus und drucke sie. Die Bilder entstünden vielmehr „durch Langzeitbelichtung, happy little accidents und Begegnungen“. Sie sei ein „Mondkalendermensch“ geworden und wisse, welche Lichteffekte der Erdtrabant erzeugen könne. Einige Lichtphänomene hat sie mittels Taschenlampe und geliehener Drohne geschaffen. Von Lutzau hat dieses Verfahren schon in mehreren Fotoserien vorbereitet. Frühere Expeditionen führten sie unter anderem in verschneite Gletscherlandschaften und das „Höllental“ auf der japanischen Insel Hokkaido. Der Einsatz von Langzeitbelichtung in nächtlichen Landschaften zieht sich durch ihr gesamtes Werk. Als Tochter eines Flugkapitäns und einer Flugbegleiterin kam sie schon als Kind viel in der Welt herum. Ihre Mutter, Gabriele von Lutzau, war 1977 als Stewardess an Bord der von palästinensischen Terroristen entführten „Landshut“. Mittlerweile ist sie erfolgreiche Bildhauerin.

Dank eines Stipendiums der Hessischen Kulturstiftung konnte Felicitas von Lutzau unlängst eine eigene Drohne erwerben, die sie als fliegendes Licht einsetzt. Dadurch könne sie auch in die vertikale Bildebene kommen, freut sich die Künstlerin. Das Stipendium ermöglicht ihr ein neues fotografisches Projekt. „Ich gehe in die deutschen Wälder und erforsche die Folklore und die Mythen, die dort drinstecken“, sagt von Lutzau. Sie nutzt dafür bewusst die Herbstmonate, die sie als „die mythischste Zeit im Jahr“ und „eine morbide Jahreszeit“ bezeichnet. Als Landschaften, die sie nun aufsucht, nennt von Lutzau den Bayerischen Wald, den Odenwald, die Rhön und die Sächsische Schweiz.

Niemals blind einer Fotografie vertrauen

Zum Odenwald hat sie keine lange Anreise. Sie lebt dort ohnehin, und zwar „inmitten der Natur“. Die Region bezeichnet von Lutzau als „einen riesigen Inspirationsquell“. Sie werde jedoch immer eine Offenbacher und Frankfurter Künstlerin sein, auch wenn sie woanders wohne. „Offenbach ist mein Netzwerk“, sagt von Lutzau. Sie würde nie die Verbindung dorthin kappen. Offenbach und Frankfurt seien perfekte Städte für die Kunst, da dort Geld und Kultur nah beieinander leben müssten, was für eine Vermischung sorge. Sie hebt außerdem Institutionen wie das Fotografie Forum Frankfurt und die Deutsche Börse Photography Foundation hervor.

Ebenfalls positiv blickt von Lutzau auf ihr Studium an der HfG zurück. Dort habe sie nicht nur ihre eigene künstlerische Handschrift gefunden. Sie habe auch gelernt, Technik dafür zu nutzen, die inhaltliche Aussage ihrer Arbeiten widerzuspiegeln. Nicht zuletzt habe ihr das Studium das Wissen und Können vermittelt, eigene hochwertige Fotoprints zu produzieren. „Das Bild wird erst real, wenn es aus dem Drucker kommt“, betont von Lutzau.

Zum Schluss kommt das Gespräch noch einmal auf ihr künstlerisches Selbstverständnis zurück. Als Vorbilder erwähnt sie Ólafur Elíasson und seinen Umgang mit Licht sowie Gregory Crewdson mit seinen unheimlichen, nächtlichen Fotoszenerien. Von Lutzau weiß, dass ihre Bilder durch den Einsatz von Langzeitbelichtung hyperrealistisch, überschärft und zu gesättigt wirken. Und auch wenn die Aufnahmen nicht digital bearbeitet sind, plädiert sie dafür, niemals blind einer Fotografie zu vertrauen. Sie bilde nie die Wahrheit ab. Felicitas von Lutzau erklärt, was dieses Medium in ihren Augen leistet: „Fotografie macht immer einen eigenen Imaginationsraum auf.“

Quelle: F.A.Z.
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