Fotowettbewerb

Stille herrschet allerorten

Von Florian Balke
Aktualisiert am 18.11.2020
 - 07:01
Stillstand, Literaturland: Foto-Assoziation zu F. W. Bernstein
Der Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ der F.A.Z., des hr2-kultur und des Photokontor Kittel wird alle zwei Jahre gemeinsam veranstaltet. Wichtig ist der Bezug zwischen Bild und Literatur. Dabei darf gerne um die Ecke gedacht werden. Jeder hat die Möglichkeit, sein Werk bis Ende November einzureichen.

Da steht es, das Karussell. Keine Bewegung, kein Lachen, kein Lärm, keine Musik. Keine Menschen, die von der Fliehkraft nach außen geschleudert werden und das Spiel mit den Naturgesetzen genießen. Die Sitze leer, der Drehmechanismus abgestellt, das Vergnügen an sein Ende gekommen. Es ist alles anders, als es sein soll. So wie am Ende der Welt. Zumindest scheint Sophie Schubert sich das gedacht zu haben. Ihr ist beim Blick auf das Foto, das sie beim Besuch eines verlassenen Rummelplatzes angefertigt hat, ein Vers aus F. W. Bernsteins Gedicht „Apokalypsen-Programm“ eingefallen.

Der 1938 geborene Zeichner und Dichter, der 1964 in die Redaktion der Satirezeitschrift „Pardon” eintrat und 1979 zu den Gründern des Nachfolgemagazins „Titanic” zählte, schrieb es in den neunziger Jahren. Und zeigt mit leichter Hand, dass Gott für die Erschaffung der Welt sieben Tage gebraucht haben mag, Bernstein für das Einreißen des Weltgebäudes aber nur zwölf Gedichtzeilen benötigt. Aber auch der Dichter hält sich an das tageweise Vorgehen des Schöpfers: „Montag geht die Welt zugrunde / Dienstag regnet’s und ist kalt / Mittwoch um die zehnte Stunde / wird kein Geld mehr ausgezahlt / Donnerstag nur Feuersbrünste / Freitag früh ist Jüngster Tag / Samstag Ende aller Künste / Und zwar zack auf einen Schlag / Sonntag herrscht dann endlich Ruhe / Und die Straßen wüst und leer / Auf der Post noch ein Getue / Pst – nun ist auch das nicht mehr.“ Der Sonntag, an dem endlich Ruhe herrscht, ist es, was Schubert beim Blick auf ihr Bild einfiel, mit dem sie sich 2018 am Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ beteiligte, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Sender hr2-kultur und das Photokontor Kittel alle zwei Jahre gemeinsam veranstalten.

Um die Ecke gedacht

Auch in diesem Herbst geht es um das Anfertigen und Einsenden von Bildern, die etwas mit literarischen Orten, Dichtern und Schriftstellern sowie ihren Figuren zu tun haben. Oder mit hessischen Details aus Alltag und Landschaft, denen eine literarische Würdigung zuteil wurde. Dass Profis und Amateure beim Bearbeiten ihrer Bilder sämtliche gestalterischen Freiheiten haben, können Sie auf der Internetseite des Wettbewerbs unter hr2.de/veranstaltungen nachlesen.

Dass Sie um die Ecke denken dürfen, zeigt das Bernstein-Foto von Sophie Schubert. Nicht jeder wird bei der Lektüre der ironischen Verse auf ein stillstehendes Karussell als Bildidee kommen. Aber genau solche Bilder verlassener Spielplätze, Jahrmarktsattraktionen und Kinderspielsachen haben immer wieder zur Illustration von Umwälzungen und dem Zusammenbruch des normalen Gangs der Dinge gedient – von den verwaisten Siedlungen in der Umgebung Tschernobyls bis zu den verlassenen kleinen Städten rund um Fukushima. Die Zeit scheint angehalten, das Leben steht still.

Das passt zum Herbst im zweiten Lockdown des Corona-Jahres. Kaum hatte die Stadt Frankfurt beschlossen, den verzweifelten Schaustellern auf dem Römerberg einen kleinen Herbstmarkt zu gestatten, spitzte sich die Lage wieder zu, und das schöne große Karussell stand öfter still. Aber ehe Sie in den verbleibenden Tagen des Wettbewerbs lauter Corona-Fotos schießen oder aus Ihren Datenträgern hervorkramen, bedenken Sie bitte, dass sich Ihr Bild auf die hessische Literatur beziehen muss. Ein Büchner-Zitat oder eine Andreas-Maier-Stelle zu Krankheit, Tod, Ödnis und Elend sollte schon drin sein.

Noch bis zum 25. November haben Sie Zeit, sich zu überlegen, welches Ihrer Bilder von der Jury oder in der anschließenden Publikumsabstimmung am ehesten mit einem der Preise ausgezeichnet werden könnte, die mit insgesamt 7000 Euro dotiert sind. Sie können natürlich auch das kleine Hochhaus an der Hebelstraße im Frankfurter Nordend fotografieren, in dem einst die Redaktion der „Pardon“ untergebracht war. Oder doch etwas mit den Brüdern Grimm? Was auch immer Ihnen einfällt – was Sie zur Einreichung Ihrer Aufnahmen wissen müssen, finden Sie auf der Wettbewerbsseite. Ideen gibt es im Bücherregal.

Fotowettbewerb Literaturland Hessen findet bis 25. November statt. Informationen im Internet auf der Seite von hr2

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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