Frankfurter Künstler

Malerei als Zerstörung

Von Eugen El
Aktualisiert am 09.07.2020
 - 20:20
Objekte zwischen Malerei, Collage und Skulptur: Max Geisler in seinem Offenbacher Atelier
Max Geisler hat etwas für Baumaterialien übrig. Der junge Frankfurter Künstler mit Atelier in Offenbach sieht selbst in verbogenen Aluprofilen Linien von hohem ästhetischen Reiz.

Es schien, als hätte dort eine Urgewalt gewütet. Im Frankfurter Kunstverein stand man im Frühjahr 2019 vor einer Komposition aus durchbrochenen Trockenbauwänden, verbogenen Aluprofilen, durchscheinender Dämmwolle und herabhängendem Armierungsgewebe. Die rohe Gewalt hatte indes eine auch poetische Komponente: Die Wände und ihre Bestandteile waren hier und dort mit einem feinen, vielstimmig-flirrenden Farbnebel bedeckt.

„Protect your neck“ hieß diese Rauminstallation von Max Geisler. Sie war Teil der Schau „And This Is Us“, die acht junge Positionen aus der Rhein-Main-Region präsentierte. Seine Installationen betrachtet Geisler als betretbare Bildräume. Er baue, sagt der 1990 geborene Künstler, sie stets ortsbezogen auf. Auch die Trockenbauwände errichte er für gewöhnlich eigenhändig. Er spricht von „klassischer Bauarbeitermentalität“. Das Handwerkliche habe ihm schon immer gelegen.

In erster Linie sieht sich Geisler als Maler. Die Wände seien eine Leinwand für ihn. Wenn sie aufgebaut seien, gehe er mit Vorschlaghammer und Akku-Flex auf die Wände los, erzählt Geisler: „Ich wüte da irgendwie.“ Zerstörung und Malerei fänden parallel, nicht nacheinander, statt. Es entsteht der Eindruck, als wolle Geisler das Handfeste, mitunter Brutale und das Zarte, Flüchtige zusammenbringen. Er versucht, in der Zerstörung ein schöpferisches Moment zu erkennen: „Auch verbogene Aluprofile sehe ich als Linien.“

Dass Max Geisler sich hin und wieder in eine dionysisch-rauschhafte Urgewalt verwandelt, überrascht vor allem, wenn man den Künstler in seinem Atelier besucht. Der von Tageslicht erfüllte Raum in der Offenbacher Ateliergemeinschaft „Station“ wirkt erstaunlich aufgeräumt. Draußen braust deutlich hörbar der mehrspurige Verkehr der Waldstraße vorbei. Auch Baustellenlärm dringt herein. Drinnen fällt der Blick unter anderem auf einen Metallwagen, auf dem in äußerst akkurater Anordnung breite Pinsel für Öl und Acryl zum Trocknen ausgelegt sind. Und auch sonst findet man alle Utensilien eines klassischen Malerateliers vor. Farbbehälter und Sprühdosen, Skizzenbücher und Leinwände zeugen von regem künstlerischen Betrieb.

Abstrakte Gemälde und Rauminstallationen

„Ich sehe mein Atelier schon als Produktionsstätte“, sagt Geisler. Im Gespräch zeigt er sich unprätentiös und reflektiert. Von seiner apollinisch-analytischen Seite präsentiert sich Max Geisler bei den Leinwandarbeiten, die in seinem Atelier entstehen. Die abstrakten Gemälde wirken kontrollierter und weniger spontan als die Rauminstallationen. Sie vereinigen mitunter, an Collagen erinnernd, mehrere malerische Ansätze. Es lassen sich auch Verwandtschaften zu den Installationen erkennen. So taucht gelegentlich Armierungsgewebe als Spur auf, und manchmal kommt auch auf den Leinwänden Sprühfarbe zum Einsatz. Er male am Boden, erläutert Geisler und zeigt auf eine Leinwand mit fließendem Farbauftrag. Dort habe er mit viel Wasser versetzte Acrylfarbe aufgetragen.

Dass er sich keine festen Atelierarbeitszeiten setzt, liegt an Geislers Nebenjob auf dem sozialen Feld, der von ihm auch Nachtschichten abverlangt. Wenn er ins Atelier komme, trinke er zunächst einen Kaffee, rauche eine Zigarette und überlege dann, woran er weiterarbeiten könne. Der Schaffensprozess birgt für Geisler oft Überraschungen: „Eigentlich komme ich immer von meinem ursprünglichen Gedanken ab.“ Es gebe auch Ateliertage, an denen gar nichts passiere. Manchmal wirkt Zeitdruck motivierend auf Geisler: „Ich kann sehr gut mit Terminen und Fristen umgehen.“

Seine frühe Malerei ging stark von Fotos aus

Seine künstlerische Prägung erhielt Max Geisler an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Dort studierte er bis 2018 Malerei bei Gunter Reski und Adam Jankowski – zwei, so Geisler, sehr unterschiedliche Künstlercharaktere und Hochschullehrer. „Es hätte nicht besser sein können“, sagt er rückblickend. Zu Beginn seines Studiums habe er menschenleere, apokalyptische Orte gemalt. Er habe damals Brachen im städtischen Raum besucht und fotografisch dokumentiert, erinnert sich Geisler. Seine frühe Malerei sei stark von Fotos ausgegangen. „Irgendwann habe ich den Zoom auf Oberfläche und Strukturen gemacht“, erzählt er. Geislers Arbeiten wurden abstrakter und gestischer. 2017 absolvierte er ein Auslandssemester an der Wiener Akademie für Bildende Künste. „Es war toll“, sagt Geisler über seine Zeit in Erwin Bohatschs Klasse für abstrakte Malerei.

Sein Atelier in der „Station“ bezog Geisler im vergangenen November. Der gebürtige Frankfurter lebt und malt aus Überzeugung in Offenbach: „Es ist eine angenehme Stadt, um hier zu arbeiten und von hier aus loszuschießen.“ Die Wohnungs- und Ateliermieten seien noch bezahlbar. In Offenbach habe er, so Geisler, einige Künstlerkontakte und Freunde, mit denen er den Austausch schätze. Die Hauptstadt lockt ihn nicht: „Mir war Berlin immer zu hektisch.“

Unprätentiös klingt Geisler, wenn er Zukunftsziele formuliert: „Ich will meine Arbeiten machen.“ Viel Geld hält er nicht für erstrebenswert: „Das interessiert mich wenig.“ Unabhängiger von Nebenjobs zu werden, von der eigenen Kunst leben zu können – das sind Ziele, die Geisler erwähnt und zugleich als „Traumvorstellung“ bezeichnet. Ein erster Schritt ist ihm unterdessen schon gelungen: Die Berliner Galerie Mountains, die Geisler seit 2019 vertritt, widmete ihm Anfang Juni eine Einzelpräsentation.

Quelle: F.A.Z.
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