Studiensaal im Städel saniert

Graphiken studieren auf einer hängenden Galerie

Von Michael Hierholzer
10.09.2020
, 20:21
Der Studiensaal der Graphischen Sammlung im Städel wurde mehr als ein Jahr lang saniert. Bald werden dort allen Kunstinteressierten wieder Papierarbeiten vorgelegt.

Das ist der Ort, an dem ein Kunsterlebnis der ganz besonderen Art möglich ist. Viele wissen es nicht. Manche meinen, der Studiensaal der Graphischen Sammlung im Städel Museum sei den Mitarbeiterinnen, den Fachleuten, der Forschung vorbehalten. Weit gefehlt. Er steht dem Publikum offen. Wer sich einmal intensiv mit einer Zeichnung oder einer Druckgrafik beschäftigen möchte, bekommt sie hier vorgelegt. Aus einem Raum, der mit einer Tresortür abgeriegelt ist, holt ihm ein freundlicher dienstbarer Geist das gewünschte Blatt. Sei es von Dürer oder einem Expressionisten. Nun können sich Besucher und Kunst unmittelbar begegnen. Kaffeetrinken ist dabei verboten. Und Notizen dürfen nur mit einem Bleistift niedergeschrieben werden. Denn die wertvollen Papierarbeiten aus dem Spätmittelalter bis zur Gegenwart sind empfindlich, eine versehentliche Berührung mit dem Kugelschreiber oder dem Filzstift könnte fatal sein.

Das fragile Wesen dieser Werke bringt die Notwendigkeit mit, sie für gewöhnlich in absoluter Dunkelheit zu lagern: Sie vertragen nur wenig Licht. Weshalb sie auch nur gelegentlich ausgestellt werden und dann auch ausschließlich unter gedämpften Lichtverhältnissen. „Es ist eine Sammlung im Verborgenen“, sagt deren Hüter Martin Sonnabend. „Sie gerät rasch aus dem Sinn.“

Vom Muff befreit

Zumal in den vergangenen Monaten die zarten Schätze aus der musealen Dunkelkammer für die Allgemeinheit nicht zugänglich waren: Der Studiensaal und die angrenzenden Räume wurden saniert, umgebaut, vom Muff befreit. Vor allem aber wurde die Fünfziger-Jahre-Anmutung der Architektur verstärkt. Deren Qualität herauszuheben und damit die Absichten des Baumeisters Johannes Krahn wieder deutlicher zum Vorschein kommen zu lassen, daran war Städel-Direktor Philipp Demandt viel gelegen. Krahn habe, findet er, am Städel eine „der großartigsten Museumsergänzungen“ nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen.

Der mit der Sanierung beauftragte Architekt Gisbert Pöppler aus Berlin kam auf die Idee, eine hängende Galerie einzubauen. Zunächst musste überprüft werden, ob die Statik des Gebäudes eine solche erlaubte. Es war machbar. Nun findet sich auf der ohne Stützen den Studiensaal querenden Hochebene, die sich über eine Treppe betreten lässt, ein Teil der Bibliothek. Die Galerie führt zu dem Raum, wo die Forscher sitzen. Einen weiteren Durchbruch gibt es zum sogenannten Kleinen Studiensaal – insgesamt ist die Situation offener geworden.

Aufwendig aufgearbeitet

Auch wegen der riesigen Fenster, die jetzt den Blick auch schon einmal ins Grüne ablenken können. Neu entworfen und nirgendwo anders zu erleben sind die schwarzen Tische. Das vorhandene historische Mobiliar wurde aufwendig aufgearbeitet. Allein bei genauem Hinschauen erkennt man Schrägen, etwa bei den Regalen, ein Stil-Element, das die sanierenden Architekten von Krahn übernommen und neu akzentuiert haben.

Jedes Detail wurde akribisch durchdacht. Seien es die sowohl transparenten als auch vor der einfallenden Sonne schützenden Vorhänge, die nunmehr bis zum Boden reichen, oder die Schubladen für die alten Folianten. Etwa drei Millionen Euro hat die bauliche Erneuerung der Graphischen Sammlung gekostet. Sie wurde vorwiegend aus Spenden bezahlt. Vom ersten Oktober an ist der Studiensaal wieder zugänglich.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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