Frankfurter Verlagsschau „069“

Liebe ist stärker als Unsinn

Von Florian Balke
27.06.2022
, 06:03
Präsenz: 30 Verlage haben sich bei der Schau „069“ in der Frankfurter Zentralbibliothek gezeigt
Präsenz zeigen, darum geht es: In der Zentralbibliothek der Frankfurter Stadtbücherei testen 30 Verlage aus der Mainmetropole und anderen deutschen Städten, wie krisenfest die Stimmung der Käufer ist.
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„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“ Erich Frieds Worte auf der Umhängetasche am Wagenbach-Stand beschreiben ganz gut, was das Buchgeschäft im Pandemiesommer 2022 ausmacht. Die Vernunft sagt Verlegern und Buchhändlern, dass es sich nach zum Teil existenzbedrohenden und zum Teil sehr guten Pandemiejahren schon seit Wochen lustlos dahinschleppt. Hat das Ganze dann noch Sinn?

Der Krieg verhagelt den Kunden die Kauflaune, das in den Zeiten von Lockdown und Home-Office vielerorts auf die hohe Kante gelegte Geld wird nun doch lieber für den ersten Gasrechnungsschock nach der Preiserhöhung zurückgehalten, das Vertrauen in den selbstverständlichen Besuch von Fußgängerzonen und Kulturveranstaltungen ist nach dem Auftauchen druckfrischer Omikron-Varianten einfach noch nicht stark genug. So ist das Verlegen und Verkaufen von Büchern zwar nicht unsinnig oder unvernünftig geworden, aber mit guter Laune im Augenblick nur durchzustehen, wenn man viel Liebe zur Sache mitbringt.

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30 Verlage in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei

Was die Verlage, die an der Frankfurter Verlagsschau „069“ teilnehmen, selbstverständlich tun. Mit Spannung haben sie am Wochenende darauf gewartet, ob es den Buchkäufern ebenso geht wie ihnen. Und wenn ja, wie vielen. Ein Blick auf die Stände der gut 30 Verlage, die in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei nach zwei Jahren Pandemiepause ihre Ware zeigen und zum Kauf anbieten, zeigt am Samstag, dass die Liebe stärker ist als der Unsinn.

Zwar ist es draußen auf der Zeil und unter den Sonnenschirmen des Cafés „Libretto“ voller als drinnen, aber die Gänge zwischen den Tischen sind so gut gefüllt, dass man sich in Sachen Corona gerade noch wohlfühlt. Was daran liegen mag, dass die jungen Buchhändler in der Ausbildung vom Media Campus des Börsenvereins im Frankfurter Stadtteil Seckbach gegenüber in der Kleinmarkthalle Flyer verteilen. Da es in der hohen Halle sommerlich warm ist, freut man sich trotzdem darüber, dass man bei der Sichtung des Angebots trotz leichter Kleidung nicht ins Schwitzen gerät. Eine Verlagsmitarbeiterin hat schon den Fächer hervorgeholt.

Nur mit dem Verkaufen klappt es noch nicht so ganz. Wie es laufe, fragt eine Bekannte Gerd Fischer, den Leiter des Mainbook Verlags, dessen Stand sich gleich am Eingang befindet. Der Verleger schüttelt den Kopf: „Noch nicht so doll.“ Aber darauf komme auch gar nicht an. Das Wichtigste erlebe jeder Besucher und Verleger auch so: „Die Leute haben wieder Lust, rauszugehen und sich Bücher anzusehen.“ Fischer war schon im März 2019 bei der ersten Ausgabe der Verlagsschau in der Evangelischen Akademie am Römerberg dabei und gehört dem Verein „Pro Libris“ an, der die Verlagsschau trägt. Das ist für ihn selbstverständlich. Auch wenn die kleine Messe ihm diesmal so niveauvoll literarisch geraten scheint, dass er mit seiner Genre-Ware – Mainbook verlegt vor allem Lokalkrimis – gar nicht am richtigen Platz sei. Zudem mache er einen gehörigen Teil seines Umsatzes inzwischen mit E-Books und Audiobooks. Trotzdem seien Präsenz und Ansprechbarkeit immer gut. Seinen Stand auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober hat Fischer daher ebenfalls schon gebucht.

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Tragetasche voller Bücher

Am Samstag wiederholt sich sein Kopfschütteln über die Verkaufszahlen an jedem Stand. Aber alle kennen das Einkaufen in der Frankfurter Innenstadt gut genug, um zu wissen, dass kaum jemand sich gerne mit einem Rucksack oder einer Tragetasche voller Bücher auf den Weg zum weiteren Shoppen, Kaffeetrinken oder Eisessen macht. Gut möglich auch, dass die Zentralbibliothek als Ort, an dem die Begegnung mit Büchern für Besucher sonst nicht unmittelbar mit Geld verbunden sei, sich als Veranstaltungsort erst noch etablieren müsse, sagt Franziska Neuhaus vom Moritz Verlag. Erfahrene Verlagsangehörige wie sie kennen das Phänomen zudem von anderen Wochenendmessen – am Samstag wird geschaut, am Sonntag gekauft.

Team: Axel Dielmann und Cristina Henrich-Kalveram
Team: Axel Dielmann und Cristina Henrich-Kalveram Bild: Wonge Bergmann

Bei Schöffling & Co. fragen die Besucher vor allem nach Peter Kurzeck, der nach dem Ende des Stroemfeld Verlags an der Kaiserstraße verlegt wird. Das neue Buch aus dem Nachlass des 2013 gestorbenen Schriftstellers, „Und wo mein Haus“, das in wenigen Wochen erscheint, ist aber noch im Druck und liegt am Stand nicht aus.

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Kinderbuch hoch im Kurs bei Fischer

Bei Fischer interessieren sich die Besucher besonders für das Kinderbuch, bei der Frankfurter Verlagsanstalt am anderen Ende des Raumes gibt es Rubik’s-Cube-Würfel mit Nino Haratischwili. Und am Stand von Elster & Salis aus Zürich bittet eine junge Besucherin um einen „heißen Tipp zu dem, was man gelesen haben muss“. Der Verlag gehört zu den Unternehmen, die die Organisatoren aus anderen Städten hinzugebeten haben, vom Verbrecher Verlag, der wie Wagenbach aus Berlin angereist ist, bis zu Wallstein aus Göttingen. „Aus dem aktuellen Programm?“, fragt die Mitarbeiterin. „Oder überhaupt“, antwortet die Kundin. Sie bekommt ein Exemplar des Romans „Als Jesus in die Puszta kam“ von Gábor Fónyad in die Hand gedrückt. Das zweite Buch des 1983 in Wien geborenen Autors aus einer ungarischen Familie von Musikern und Theologen erzählt vom Wiener Slacker Ludwig, in dem eine Gruppe von Ungarn den wiedergekehrten Messias entdeckt.

Österreichisch-ungarische Bücher aus Schweizer Verlagen schaffen es nicht ohne Weiteres in jede deutsche Buchhandlung. Nach diesem Gespräch weiß wieder ein Mensch mehr von Werk und Autor. Auch dafür sind die kleinen Verkaufsschauen der unabhängigen Verlage gut. Wie beim ersten Mal haben deshalb abermals Buchhändler aus der Region den Veranstaltern ihr Kommen angekündigt. Welche bessere Gelegenheit könnte es geben, das eigene Sortiment jenseits der Standardware abzurunden? So arbeiten alle mit Liebe gegen den Unsinn an.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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