Frischer Wind auf den Bühnen

So ein Theater

EIN KOMMENTAR Von Christian Riethmüller
05.07.2020
, 16:01
Die Dramaturgen der Frankfurter Städtischen Bühnen sollten sich inspirieren lassen und endlich von der aktuellen Welt erzählen. Das ganze Leben ist schließlich ein Theater.

Der Besuch der schottischen Freunde kam überraschend. Wollten die nicht eigentlich auf der Bühne stehen und proben? Schließlich sollte in wenigen Wochen ihr Theaterstück auf dem berühmten Edinburgh Festival Fringe zur Uraufführung kommen. Doch wie so vieles andere auch ist The Fringe in diesem Jahr abgesagt worden.

Deshalb wird nun nicht geprobt, sondern weiter an einer Farce geschrieben, deren Schauplatz ein echter Friseursalon in der Innenstadt von Edinburgh sein soll, mit echten Kunden als Chor, die das Geschehen auf der improvisierten Bühne kommentieren dürfen. Es wird um Europa und den Brexit gehen; um eine Bande skrupelloser Politiker; es gibt einen Rekurs auf die Konferenz von Jalta, und auch Trump und Corona werden nicht unerwähnt bleiben. Vor allem aber soll der Friseursalon als eine Schule der praktischen Weisheit dienen und das verhandeln, was das Leben ist.

Hoffentlich kommt das Stück nächstes Jahr im August zur Aufführung, was ein willkommener Anlass für eine Reise zum Fringe-Festival wäre. Die sollten auch die Dramaturgen an deutschen Bühnen dringend einmal planen und sich von der inhaltlichen Breite der Veranstaltungen in Edinburgh inspirieren lassen. Vielleicht kämen sie dann zur Einsicht, dass es bei der Programmplanung nicht damit getan ist, zu überlegen, welchen Prosastoff man denn in der nächsten Spielzeit dramatisieren könnte. Beim Blick auf die neuen Spielpläne gerade städtischer Bühnen scheint dies das Allheilmittel zu sein, um bloß nichts von der aktuellen Welt erzählen zu müssen. Dabei ist doch das Leben ein Theater.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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