Gambistin aus Frankfurt

Wie der Augenblick klingt

Von Doris Kösterke
18.11.2020
, 20:46
Renate Mundi ist die erste Musikerin, die die „Zwölf Fantasien für Gambe solo“ von Georg Friedrich Telemann eingespielt hat. Die gefragte Barock-Cellistin ist von dem feinen Bau des Instruments fasziniert.

Musik kann dahinplätschern. So wie Gespräche. Aber in Gesprächen und Musik können Zwischentöne und kleine Widerhaken signalisieren: Eigentlich will ich mit dir nicht nur Konversation treiben. Als Gegenüber kann man über diese Signale hinweggehen. Oder man ist wach und neugierig genug, um auf sie einzugehen. Die in Frankfurt lebende Gambistin Renate Mundi ist für solche feinen Signale ganz besonders empfänglich.

Sie spricht von „Knobelstellen“, über die andere Musiker gerne hinwegspielten, schließlich stünden Tonhöhe, Rhythmus und Tondauer eindeutig in den Noten. Mundi fragt tiefer: Welcher Affekt steht dahinter? Was will der Komponist damit sagen? Wie kann ich es so ausgestalten, dass ein Zuhörer nicht einfach nur fragt: „Ja und?“

Ursprünglich hat sie an der Frankfurter Musikhochschule modernes Cello studiert, sich aber bald für Alte Musik begeistert: „Man macht dort nicht einfach, was der Lehrer sagt, sondern befasst sich von Anfang an selbständig mit den Quellen.“ Nach wie vor ist Mundi eine gefragte Barock-Cellistin. Doch ihre besondere Leidenschaft gilt der Gambe.

Von heiterer Gelassenheit

„Die Gambe wird oft als Cello-Vorläuferin hingestellt. Das ist sie nicht“, sagt Mundi mit Nachdruck. Aus Sicht der Gamben wirkt die gesamte Violinfamilie, zu der Geige, Bratsche und Violoncello gehören, während der Kontrabass mit der Gambe tatsächlich viel gemein hat, vermutlich wie eine Schar lärmend brillierender Neureicher. „Gamben sind die alten Adligen. Sie sind viel feiner gebaut“, sagt Mundi. Die Resonanzdecke der Gambe ist nur halb so dünn wie bei einem Cello. Ein Cello hat Klangstärke, füllt große Räume. Eine Gambe ist mit dem Herrscher allein in seiner Kammer, schafft Vertrauen und Erbauung.

„Und nun schau dir doch mal diesen Kopf an“, sagt Mundi. Wo die Mitglieder der Violinfamilie kunstvoll geschnitzte Schnecken tragen, trägt die Gambe einen noch kunstvoller geschnitzten Kopf. Mundis Instrument ziert der einer jungen Frau mit feinen, edlen Zügen voll heiterer Gelassenheit.

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„Die Gambe ist näher mit der Laute verwandt. Einerseits in der Stimmung in Quarten und einer Terz“, erzählt Mundi. Vor allem aber in der Rolle, die die Resonanz spielt. Resonanz zunächst im Instrument selbst. Die Gambe hat Bünde, ebenso wie die Laute: „Das lässt die gegriffene Saite so klingen wie eine leere. Und erleichtert das Akkordspiel. Das spielt bei der Gambe häufiger eine Rolle als beim Cello.“ Im Gegensatz zu den Bünden der Gitarre kann man die der Lauten und Gamben verschieben, um sich der natürlichen Struktur der Obertöne in der jeweiligen Tonart anzunähern. Auch das vertieft die Resonanz. „In historischen Stimmungen kann der Unterschied etwa zwischen gis und as, die man auf dem Klavier mit derselben Taste spielt, ziemlich groß sein. Für diese Fälle sind die Bünde teilbar“, erzählt Mundi.

Die Blütezeit der Gambe

Zur Resonanz im Instrument selbst tritt die Resonanz im Spieler, im Raum und im Hörer. Wenn man Mundi zuhört, wie sie genussvoll über die sieben Saiten ihres Instruments streicht, das Françoise Bodart nach einem historischen Vorbild von Guillaume Barbey gebaut hat, den die großen Gambenvirtuosen Marin Marais und Jean-Baptiste Forqueray aufs Höchste schätzten, dann spürt man, wie sie sich selbst über jeden wohlgestimmten Ton und seine Resonanzen freut und wird innerlich ganz ruhig. Während die Musik ihren Lauf nimmt, wird die innere Harmonie immer fester und alles, über das man sich zuvor aufgeregt hat, klein und unbedeutend. „Gambe spielen macht süchtig“, sagt Mundi. Wo spürt sie den Klang? „Überall“, antwortet sie weise, um von sieben Sinnen keinen auszuschließen.

Wie sie die Corona-Beschränkungen übersteht? „Ich unterrichte viel. Aber so ein Online-Kontakt ist kein dauerhafter Ersatz für das direkte Miteinander mit meinen Schülern. Manches geht, vieles nicht. Und das Konzertpublikum fehlt mir total. Wenn Zuhörer im gleichen Raum sind, kommt sehr viel Energie zurück. Besonders wenn man ihnen ein bisschen was erzählt. Da hat man mehr Blickkontakt als beim Spielen.“

Kürzlich hat sie ihre erste CD aufgenommen, die Zwölf Fantasien für Viola da Gamba von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Erschienen sind sie auf dem Label „Perfect Noise“, geschrieben hat der Komponist sie 1735, als die Blütezeit der Gambe eigentlich schon vorüber war. Ihr Einfallsreichtum, ihre Farbigkeit und die spieltechnischen Raffinessen der meist dreisätzigen Fantasien können sich mit denen von Bachs Solosuiten messen. Telemann, der von 1712 bis 1721 Musikdirektor in Frankfurt war, zeigt sich in diesen Werken mit all seinen Facetten vom kühnen Feuerkopf bis zum Routinier der Aneignung, etwa von polnischer Volksmusik.

Beim Hören der Aufnahme prescht der ungeduldige Zuhörer bisweilen in seiner Erwartungshaltung voraus. „Ich habe viel über die musikalische Gestaltung und die Wahl der Tempi nachgedacht und versucht, immer so zu spielen, dass der Hörer nachvollziehen kann, was geschieht“, sagt Mundi. Eine Einladung, auf die Zwischentöne und die kleinen Widerhaken zu hören, mit denen Telemann besonders in den langsamen Sätzen sagt: Ich will mit dir nicht nur Konversation treiben. Mundis Interpretation ist eine klangliche Einladung in die Tiefe der Emotionen und des Augenblicks. Wenn man sich auf sie einlässt, tut es unglaublich gut.

Quelle: F.A.Z.
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